Taxi heute-Test Polestar 3 Long Range Performance

Nach dem Volvo EX90 durften wir den Polestar 3 testen. Doch am Ende stolperte der strahlende Polar-Stern über ein Cent-Teil.

Die Front flach wie bei einem Sportwagen mit Aeroschlitzen in der Haube: Der Polestar 3 habt sich deutlich vom eng Verwandten Volvo EX90 ab. | Foto: G. Soller
Die Front flach wie bei einem Sportwagen mit Aeroschlitzen in der Haube: Der Polestar 3 habt sich deutlich vom eng Verwandten Volvo EX90 ab. | Foto: G. Soller
(erschienen bei VISION mobility von Gregor Soller)

Der Polestar 3 ist so etwas wie der XM von BMW: eigentlich der sportlichere X7 minus eine Sitzreihe. Nicht ganz so abgedreht und teuer tritt der Polestar 3 auf, aber auch er kommt flacher und sportlicher rüber – die Haube duckt sich fast wie bei Sportwagen flach nach unten und trägt einen „Spoiler“ zur besseren Luftleitung. Darunter ein großer Frunk und darunter wiederum die Möglichkeit, das Auto auch ohne Schlüssel zu „aktivieren“ – doch dazu kommen wir später noch.

Die Literangaben für den Kofferraum erscheinen uns sehr vorsichtig

Erstmal Platz genommen in einem Interieur, das noch cooler und reduzierter als beim EX90 gestaltet wurde und dessen vornehme Zurückhaltung allenfalls die gelben Gurte freudig akzentuieren. Vorn die auch für Polestar typischen perfekten Sitze, in Reihe zwei Platz ohne Ende und dahinter ein 394 bis 1.411 Liter fassender Kofferraum. Wobei uns vor allem der Standardwert für das Gebotene sehr klein erscheint – was auch daran liegen kann, dass Polestar den Kofferraum nicht „nass“ ausgelitert hat, was immer zu sehr hohen Volumenangaben führt.

Das Infotainment ist klar strukturiert

Wir tauchen gleich mal in die Tiefen des Google-basierten Menüs ab, das unserer Meinung nach eine Idee logischer und einfacher strukturiert ist als bei Volvo: Sämtliche wichtigen und weniger wichtigen Funktionen kann man sich auf den senkrechten Screen „kacheln“ lassen. All diese Kacheln sind groß genug, dass man sie leicht trifft, und ja, ein paar mehr Schalter für die Klimatisierung hätten wir ergonomisch besser gefunden – optisch hätten sie die Coolness des Polestar geschmälert.

Die Sprachbedienung gibt sich Google-typisch (un-)verständig – man kann die Temperatur ebenso herbeireden wie Infotainment oder eine Routenplanung. Wobei man mit der geöffneten Handy-Playlist nicht einfach einen Radiosender herbeiwünschen kann und manche Straßennamen nicht auf Anhieb verstanden werden. Hier muss der Premium-Polestar vor allem die deutschen Premiums ziehen lassen.

Das letzte bisschen Perfektion überlässt man anderen

Das gilt auch für die Feinfühligkeit der Stromannahme und -abgabe: Wenn man am Lenkstockhebel zupft, heißt das nicht, dass die „Fahrstufe“ auch wirklich immer drin ist – man sollte hier minimale Geduld mitbringen. Ebenso beim Beschleunigen und Verzögern. Bei Ersterem vergeht immer eine minimale Gedenksekunde, die aber auch absichtlich programmiert worden sein könnte, damit der Polarstern nicht gleich wild davonstürmt. Und beim Bremsen respektive Rekuperieren merkt man bei höheren Tempi minimal das „Blending“ zwischen der E-Maschine und der hydraulischen Betriebsbremse. Womit klar ist: Der Polestar tritt zwar sportlich auf, ist aber vom fahrerischen Charakter her nicht ganz so präzise wie ein Porsche und nicht so streberhaft wie ein BMW – trotzdem aktiver als ein Volvo EX90, der sich für Größe und Gewicht auch schon extrem leicht und straff fährt. Nur um das kurz einzuordnen: Wir „jammern“ hier auf höchstem Niveau.

Denn trotz seiner straffen Muskeln und der Leichtigkeit seines Seins kann der Polestar 3 auch Komfort und macht unterwegs viel Spaß – und das auf ganz dezente Art, denn auch die 380 kW hat Polestar hinter eine kleine „Verzögerung“ programmiert. Nach dem Motto: Ich kann, wenn ich will, aber ich muss nicht. So hat man beim Umherbummeln in der Stadt oder über Land immer das Gefühl, nur mit 100 oder 150 kW unterwegs zu sein. Erst wenn man das Fahrpedal fest durchtritt, stürmt der Polestar 3 nach dieser erwähnten Gedenkmillisekunde gen Horizont davon.

Starke Fahrleistungen – bis zu 210 km/h

Und erreicht bei Bedarf nach 4,8 Sekunden 100 km/h und darf, da es ein Polestar ist, bis 210 km/h weiterstürmen. Den Zwischenspurt auf der Autobahn von 80 auf 120 km/h erledigt er in unter drei Sekunden. Das alles tut er sehr souverän und vor allem leise, wie unser Geräuschmessgerät bestätigte. Nur ab und an hört man das Sirren der E-Maschinen dezent durch. Und so macht es Spaß, im Polestar 3 schnelle Schnitte zu fahren, zumal er bei Bedarf mit bis zu 250 kW lädt und der Ladestopp von zehn auf achtzig Prozent SOC im Idealfall binnen 32 Minuten erledigt ist – wir kamen bei rund 34 Minuten heraus, die auch nur deshalb so „lang“ dauern, da der Akku mit 111 kWh zu den größten gehört, die es aktuell gibt.

Wirklich sparsam sind die starken, Spaß bietenden Antriebe nicht

Den braucht er allerdings auch, denn in Summe wollen immer rund 2,8 Tonnen durch die Gegend gewuchtet werden, und die beiden E-Maschinen zählen – leider typisch für den Geely-Konzern – nicht zu den sparsamsten: Im Schnitt zog der Polestar gut 27,5 kWh/100 km rein, unter 20 kWh/100 km bekamen wir ihn nach der Netto-Anzeige genau einmal: am niedrigsten Punkt unseres Überland-Abschnittes, wo er mal 19,9 kWh/100 km vermeldete. Womit Anzeigewerte und der vergleichsweise hohe WLTP-Verbrauch von 21,9 kWh/100 km leider bestätigt werden.

Die Kosten bleiben trotzdem halbwegs im Rahmen: Gegenüber dem „entfernten Verwandten“ Volvo EX90, der mit weniger Leistung merklich sparsamer war, kommt er am Ende kaum teurer, da der Polestar in der Versicherung dezent günstiger liegt, während die Leasingraten und der Verbrauch etwas höher zu Buche schlagen. Am Ende liegt der Polestar somit mit 0,86 Cent im Rahmen der großen, starken SUV der oberen Mittelklasse und rund drei Cent über dem von uns getesteten Volvo.

Zeit, Zwischenbilanz zu ziehen: Der Polestar 3 gefällt mit cooler Optik, ordentlicher Bedienbarkeit, leichtfüßigem Fahrverhalten und angenehmem Komfort. Weniger gefiel uns die Feinabstimmung in manchem Detail und der zu hohe Verbrauch.

Was uns am Ende dann aber nachhaltig verstörte, war die Zugangskarte, die einfach ausstieg: Die Kollegin, die die Themen Kindersitze bis Variabilität prüft, rief plötzlich abends um 20:30 Uhr an. Der Polestar würde nicht mehr starten. Sie habe die Karte bereits auf dem dafür vorgesehenen Platz in der Mittelkonsole platziert, gedreht, nochmal neu – und dann im Menü gecheckt: Das Auto sei mit keinerlei Zugangsberechtigung mehr verbunden! Und obwohl der Polestar 3 Strom hatte, konnte man nicht mal mehr das Fenster schließen – schlecht, wenn sich die nächste Regenfront ankündigt, und noch schlechter, wenn tags darauf ein Businesstermin anstünde. Womit wir am Ende sehr hin- und hergerissen sind, da der Polestar seine letzten „Testkilometer“ – immerhin standesgemäß auf einem schwedischen Scania-Abschleppwagen – abspulte… schade.

Nach diversen Ladeabbrüchen bei Stellantis und Ladeklappen, die man nur mit magischen Händen aufzaubern kann bei Porsche, ist der Totalausfall des Polestar 3 der traurige Höhepunkt fehlgeleiteter Digitalisierung. Der Grund war übrigens schnell gefunden: Der Chip in der Schlüsselkarte brach – von außen unsichtbar – aus und verlor so die „Connection“, weshalb wir dem Polestar immer alle Öffnungsoptionen samt App mit uns führen würden. Weshalb man immer darauf achten sollte, dass auch das Handy genug Strom hat und nie verloren geht.

Auch wenn der Totalausstieg des Schlüssels sicher eine Ausnahme war: Er hat unser Vertrauen in die digitalen Zugänge zu Autos maßgeblich erschüttert. Was schade ist, denn sonst lieferte der Polestar 3 eine performante Vorstellung ab. Grundsätzlich hätte dieser „Stern“ mehr Strahlkraft, als die Absatzzahlen aussagen.

 

Polestar 3 in Daten und Zahlen:

Abmessungen:

LxBxH: 4.900 x 2.120 (m. Außenspiegeln) x 1.614 mm

Radstand: 2.985 mm

Kofferraumvolumen: 394 – 1.411 + 32 l-Frunk

Synchronmotoren mit Permanentmagnet

Fahrwerk: adaptives Zweikammer-Luftfederfahrwerk, vorn: eine Doppelquerlenker-Achse mit Querlenkern, hinten: Mehrlenker-Achse mit Intregrallenkern

Max. Leistung kW/PS im Boost: 380/517

Max. Drehmoment: 910 Nm

0-60/80/100 km/h: 2,4/3,4/4,8 sek.

50-80/80-120 km/h: 1,7/2,8 sek.

Geräusche bei 30/50/60/80/100/120 km/h: 49,1/50,2/51,1/53,6/56,8/58,9 dB(A)

Höchstgeschwindigkeit: 210 km/h

Verbrauch im Test:

City:                      24,20 kWh/100 km (12,8 g CO2)

Land:                    23,34 kWh/100 km (12,3 g CO2)

BAB:                      30,19 kWh/100 km (15,9 g CO2)

Gesamt:              27,58 kWh/100 km (14,5 g CO2)

Reale Reichweite im Test: 402 km

Ladezeiten 111-kWh-Akku:

2,3 kW AC: ca. 48 h 20 min

11 kW AC: ca. 11 h

250 kW DC 10 - 80%: ca. 30 min.

Leergewicht: 2.688 kg

Anhängelast ungebr./gebr.: 750/2.200 kg

Wendekreisdurchmesser: 11,8 m

Grundpreis ab 88.190 Euro brutto, 74.109,24 Euro netto

Verbrauch:

City:                      24,20 kWh/100 km (12,8 g CO2)

Land:                    23,34 kWh/100 km (12,3 g CO2)

BAB:                    30,19 kWh/100 km (15,9 g CO2)

Gesamt:              27,58 kWh/100 km (14,5 g CO2)

Kosten/km: 0,86 Euro

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