Elektrofahrzeuge: Fünf Mythen im Flotteneinsatz auf dem Prüfstand
Hohe Temperaturen, begrenzte Reichweiten und vermeintlich unsichere Batterien gelten weiterhin als Hemmnisse bei der Elektrifizierung gewerblicher Fuhrparks. Nach Angaben des Telematikanbieters Geotab lassen sich diese Vorbehalte jedoch durch umfangreiche Fahr- und Ladedaten relativieren. Analysen von Millionen Fahrten zeigten, dass Elektrofahrzeuge im Flotteneinsatz zuverlässig arbeiten und wirtschaftlich betrieben werden können.
Reichweite: Temperatur-Effekte oft überschätzt
Laut einer Auswertung erreichen Elektrofahrzeuge bei einer Außentemperatur von 21 Grad Celsius bis zu 115 Prozent ihrer Nennreichweite. Erst bei minus 15 Grad Celsius könne der Wert auf 54 Prozent sinken. Solche extremen Minusgrade träten im deutschen Flottenalltag jedoch vergleichsweise selten auf.
Als wesentlicher Einflussfaktor bei Hitze über 25 Grad Celsius gilt nicht die Batteriechemie, sondern der Energiebedarf für die Klimatisierung des Innenraums. Auch im Winter gehe Reichweite vor allem durch den Heizbedarf verloren. Eine gezielte Vorkonditionierung während des Ladevorgangs könne die verfügbare Reichweite erhöhen.
Batterielebensdauer: Ladeverhalten entscheidend
Eine Analyse von mehr als 22.700 Elektrofahrzeugen weist laut Geotab eine durchschnittliche jährliche Degradationsrate von 2,3 Prozent aus. Nach fünf Jahren verfügten die Batterien demnach noch über durchschnittlich 88 Prozent ihrer ursprünglichen Kapazität. Modellierungen deuteten darauf hin, dass die Mehrheit der Batterien mindestens zwölf Jahre einsatzfähig bleibe.
Deutlich stärker wirke sich das Ladeverhalten aus. Fahrzeuge mit einem hohen Anteil an DC-Schnellladung über 100 Kilowatt erreichten Degradationsraten von bis zu 3,0 Prozent pro Jahr. Damit liege die Alterung etwa doppelt so hoch wie bei Fahrzeugen, die überwiegend mit AC- oder Niedrigleistung laden. Für Flotten empfiehlt sich daher eine Ladeleistung, die den Betriebsbedarf deckt, ohne dauerhaft auf hohe Schnellladeanteile zu setzen.
Reichweitenangst im Alltag relativiert
Die sogenannte Reichweitenangst erweise sich im gewerblichen Einsatz vielfach als unbegründet. In Deutschland lege ein Flottenfahrzeug im Durchschnitt 131 Kilometer pro Tag zurück. 56 Prozent der Fahrzeuge überschritten nie eine Tagesdistanz von 350 Kilometern.
Die Studie „Taking Charge“, für die Daten von rund 750.000 leichten Nutzfahrzeugen in sieben europäischen Ländern ausgewertet wurden, zeigt zudem, dass 67 Prozent dieser Fahrzeuge täglich Strecken innerhalb der Reichweite aktueller Elektrofahrzeuge absolvieren. Gleichzeitig beginne 45 Prozent der europäischen Flotten den Ladevorgang bereits bei einem Akkustand von über 50 Prozent, was die Wirtschaftlichkeit reduziere.
Infrastruktur: Depotladen im Fokus
Der häufig geäußerte Zweifel an einer unzureichenden Ladeinfrastruktur betreffe nach Unternehmensangaben vor allem das öffentliche Netz. Für depotbasierte Flotten spiele dieses jedoch eine untergeordnete Rolle. 50 Prozent der Elektrofahrzeuge in Flotten lüden an nur einem oder zwei Standorten, meist über Nacht mit AC-Ladung.
Als zentrale Herausforderung gelte vielmehr die verfügbare Netzanschlusskapazität am Standort. Durch die Analyse von Standzeiten und Energiebedarf sowie durch intelligentes Lastmanagement lasse sich der Ausbaubedarf realistisch planen. Für größere Standorte kämen stationäre Batteriespeicher oder die Teilnahme an Flexibilitätsprogrammen als Alternative zum zeitaufwendigen Netzausbau in Betracht.
Wirtschaftlichkeit: Dieselpreise verschieben die Rechnung
Nach Unternehmensangaben könne ein geeignetes Elektrofahrzeug in Deutschland über einen Zeitraum von sieben Jahren rund 20.900 Euro einsparen. Diese Berechnung erfolgte noch vor dem jüngsten Anstieg der Kraftstoffpreise.
Wie stark sich Preisänderungen auswirken, zeigt ein weiteres Beispiel: Fahrzeuge in sieben europäischen Metropolen verbrauchten im Jahr 2025 rund 1,58 Millionen Liter Kraftstoff im Leerlauf. Dies entsprach Kosten von 2,6 Millionen Euro. Mit den Dieselpreisen vom April 2026 erhöhe sich dieser Betrag auf 3,5 Millionen Euro, ein Anstieg um 900.000 Euro innerhalb eines Jahres.
Als Einstieg in die Elektrifizierung empfiehlt das Unternehmen eine datenbasierte Eignungsanalyse, um geeignete Fahrzeuge zu identifizieren und die Ladeinfrastruktur am tatsächlichen Betriebsbedarf auszurichten. Entscheidend sei anschließend eine hohe Auslastung der Fahrzeuge, um Einsparpotenziale vollständig zu realisieren. (Quelle: Geotab)
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