Taxi in Deutschland angeblich zu teuer? Warum eine Uber-nahe Studie an der Realität vorbeigeht
Wer eine politische Forderung durchsetzen möchte, präsentiert gern passende Zahlen. Genau diesen Eindruck hinterlässt eine aktuelle Studie des Wettbewerbsökonomen Wolfgang Benedikt Schmal, die im Auftrag des Bundesverbands „wir fahren“ erstellt wurde. Der Verband vertritt vor allem Interessen der Mietwagenbranche und damit von Unternehmen, die eng mit Plattformanbietern wie Uber zusammenarbeiten. Die Botschaft der Untersuchung ist einfach: Taxifahrten seien in deutschen Städten im internationalen Vergleich zu teuer. Dresden, München oder Köln lägen deutlich über den Preisen vieler europäischer Metropolen. Sogar New York erscheine bei einer standardisierten Fünf-Kilometer-Fahrt günstiger.
Die Schlussfolgerung der Auftraggeber lässt nicht lange auf sich warten. Schuld sei die staatliche Tarifbindung. Mehr Preiswettbewerb würde die Preise senken.
„Um von diesem Preisniveau wieder herunterzukommen, brauchen wir Flexibilität“, sagt Co-Vorsitzender Thomas Mohnke.
Unternehmen sollten ihre Preise stärker an Angebot und Nachfrage anpassen können. Das klingt zunächst plausibel. Doch wer genauer hinschaut, erkennt schnell die Schwächen der Argumentation.
Preis allein erzählt nur die halbe Geschichte
Die Studie vergleicht Fahrpreise. Was sie nicht vergleicht, sind die Bedingungen, unter denen diese Fahrpreise entstehen. Genau hier setzt die Kritik des Bundesverbands Taxi und Mietwagen (BVTM) an. Geschäftsführer Michael Oppermann bringt das Problem auf den Punkt:
„Taxifahren in Deutschland hat einen Preis, der sicherstellt, dass die Fahrerin oder der Fahrer sozialversicherungspflichtig angestellt sein kann.“
Dieser Satz beschreibt den entscheidenden Unterschied zwischen dem deutschen Taxigewerbe und vielen Plattformmodellen. In Deutschland gelten für Taxiunternehmen umfangreiche gesetzliche Pflichten. Dazu gehören Sozialabgaben, Arbeitszeitvorschriften, Tarifverträge, Konzessionsauflagen, Beförderungspflicht, Betriebspflicht und eine rund um die Uhr verfügbare Verkehrsversorgung. Taxen müssen auch dann fahren, wenn eine Fahrt wirtschaftlich wenig attraktiv erscheint – etwa nachts, in Randgebieten oder bei kurzen Strecken. Diese Aufgaben verursachen Kosten.
„Rund zwei Drittel der Kosten entfallen auf Personal“, erläutert Oppermann. „Hinzu kommen Fahrzeuge, Kraftstoff, Versicherungen, Werkstattkosten und zahlreiche regulatorische Anforderungen.“
Seine Frage ist deshalb berechtigt:
„Es ist mir nicht erklärlich, wie man ernsthaft eine ökonomische Untersuchung zu den Taxitarifen anstellen kann, ohne dabei auch die Kostenstruktur der Unternehmen zu beleuchten.“
Tatsächlich wirkt die Studie an dieser Stelle bemerkenswert einseitig. Sie bewertet Preise, untersucht aber nicht, ob diese Preise zur Finanzierung der erbrachten Leistung notwendig sind.
Vergleich mit New York hinkt
Besonders aufmerksamkeitsstark ist der Hinweis, dass eine Taxifahrt in New York günstiger sei als in München oder Dresden. Doch internationale Preisvergleiche im Personenverkehr sind notorisch schwierig. Arbeitskosten, Sozialversicherungssysteme, Versicherungsprämien, Steuerlasten, Fahrzeugkosten und regulatorische Vorgaben unterscheiden sich erheblich.
Eine Taxifahrt ist kein standardisiertes Industrieprodukt. Sie entsteht unter sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Wer lediglich den Endpreis einer Fünf-Kilometer-Fahrt vergleicht, kann zwar Schlagzeilen produzieren. Ob daraus belastbare wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen entstehen, ist eine andere Frage.
Die eigentliche politische Botschaft
Interessant ist weniger die Preisliste selbst als die politische Stoßrichtung der Untersuchung. Der Verband „wir fahren“ fordert letztlich mehr Preisfreiheit für den Markt. Das überrascht nicht. Mietwagenunternehmen und Plattformvermittler profitieren von flexiblen Preisen, weil sie ihre Angebote kurzfristig an Nachfrage und Wettbewerb anpassen können. Das Taxi verfolgt dagegen einen anderen Ansatz. Der behördlich festgelegte Tarif soll verhindern, dass ruinöser Wettbewerb entsteht und einzelne Anbieter Fahrpreise dauerhaft unter die tatsächlichen Kosten drücken. Genau dieses Problem lässt sich in zahlreichen liberalisierten Märkten beobachten. Dort sinken die Preise zunächst häufig deutlich. Langfristig geraten jedoch Fahrer und kleinere Unternehmen unter Druck, während große Plattformen Marktanteile gewinnen. Die vermeintlich günstige Fahrt wird dann oft durch schlechtere Arbeitsbedingungen und sinkende Einkommen finanziert.
Auch der Städtevergleich wirft Fragen auf
Hinzu kommt ein weiterer Kritikpunkt. Die Studie nennt zwar zahlreiche Städte, erklärt aber nicht überzeugend, warum genau diese Kommunen ausgewählt wurden. Der BVTM weist darauf hin, dass Städte wie Prag, Sofia, Tallinn oder Zagreb fehlen. Dort liegen die Taxipreise nach Verbandsangaben teilweise ebenfalls auf einem hohen Niveau. Eine umfassende europäische Marktanalyse sieht anders aus. Wer bestimmte Städte auswählt und andere weglässt, beeinflusst zwangsläufig das Ergebnis.
Was Fahrgäste tatsächlich kaufen
In der öffentlichen Debatte wird das Taxi häufig auf den Fahrpreis reduziert. Dabei kaufen Fahrgäste mehr als nur eine Beförderung von A nach B. Sie kaufen Verfügbarkeit, Verlässlichkeit und einen gesetzlich regulierten Service. Sie können sicher sein, dass der Fahrer versichert ist, das Fahrzeug kontrolliert wird und der Preis nicht plötzlich explodiert, weil Regen einsetzt oder ein Konzert endet.
Genau deshalb existiert der Taxitarif.
Die aktuelle Studie suggeriert, der Markt könne dieselbe Leistung günstiger bereitstellen, wenn man nur die Preisbindung lockert. Einen belastbaren Nachweis dafür liefert sie jedoch nicht. Sie zeigt vor allem eines: Die Debatte um die Zukunft des Taxigewerbes wird zunehmend über den reinen Fahrpreis geführt. Die Frage, wer am Ende die Kosten einer flächendeckenden Mobilitätsversorgung trägt, bleibt dabei auffällig oft unbeantwortet. Für das Taxigewerbe ist genau das der entscheidende Punkt. Nicht der Preis einer einzelnen Fahrt, sondern die Finanzierung eines Systems, das täglich Millionen Menschen zuverlässig befördert.
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