Ein Tag für den Nahverkehr – und ein Appell aus der Praxis
Der Ton ist verbindlich, der Inhalt deutlich: Der öffentliche Nahverkehr in Deutschland müsse neu gedacht werden – und das Taxi gehöre dabei ins Zentrum der Debatte. Der Aktionstag selbst ist eine Initiative der International Association of Public Transport, die im Rahmen der UN-Dekade für nachhaltigen Verkehr erstmals einen globalen Fokus auf Bus, Bahn und ergänzende Angebote legt.
Ein Tag. Millionen Fahrten
„Ein Tag. Millionen Fahrten.“ – das Motto ist bewusst schlicht gehalten. Es soll zeigen, was oft übersehen wird: Mobilität ist Alltagsinfrastruktur, keine abstrakte Größe. Der VSPV greift diesen Impuls auf, allerdings mit einer spezifischen Perspektive. Der Verband vertritt eine Branche, die sich zwischen klassischem Linienverkehr und individueller Beförderung bewegt – Taxiunternehmen, Mietwagenanbieter, Busbetriebe, Krankentransporte und Rettungsdienste. Gerade diese Vielfalt, so das Argument, werde in politischen Konzepten bislang unzureichend abgebildet.
Taxi muss endlich in den ÖPNV eingebunden werden
Im Zentrum der Kritik steht eine Leerstelle: das Taxi. In verkehrspolitischen Diskussionen werde es zwar erwähnt, aber selten systematisch eingebunden. Dabei sei seine Funktion offensichtlich – insbesondere dort, wo der Takt ausdünnt oder ganz endet. In ländlichen Regionen, an Wochenenden, in den Abendstunden. Der Verband spricht von „Mobilitätslücken“, die ohne flexible Angebote nicht zu schließen seien.
Die Forderung ist entsprechend konkret. Der Minister solle gemeinsam mit den Ländern einen „Nahverkehrspakt“ initiieren – ein koordiniertes Vorgehen, das Kommunen, Verkehrsverbünde und Branchenvertreter zusammenführt. Anders als bisherige Programme dürfe ein solches Konzept kein „Papiertiger“ sein, sondern müsse operative Konsequenzen haben: eine Bestandsaufnahme der Versorgung, die Auswertung erfolgreicher regionaler Modelle und die Einführung skalierbarer Lösungen.
Zu diesen Lösungen zählt der VSPV unter anderem das sogenannte „ÖPNV-Taxi“ – ein Modell, bei dem Taxis gezielt in den öffentlichen Verkehr integriert werden. Ergänzt wird dies durch Ansätze wie Inklusionstaxis oder digitale Schnittstellen, über die sich verschiedene Verkehrsträger bündeln lassen. Technisch sei vieles bereits möglich, heißt es im Brief. Was fehle, sei der politische Wille zur Umsetzung. Dabei rückt auch die Finanzierung in den Fokus. Ohne zusätzliche Mittel, insbesondere bei den Regionalisierungsgeldern, werde sich der Anspruch eines flächendeckenden Angebots nicht einlösen lassen. Der Hinweis auf die derzeit hohen Investitionen in Infrastruktur wirkt hier wie ein Seitenhieb: Geld sei vorhanden, die Prioritätensetzung bleibe jedoch umstritten.
Deutschlandticket ohne ÖPNV-Angebot funktioniert nicht
Besonders pointiert fällt die Passage zum Deutschlandticket aus. Wenn laut Zwischenbericht jeder Fünfte dieses Angebot nutze, stelle sich zwangsläufig die Frage nach den übrigen 80 Prozent. Für den Verband liegt die Antwort nicht im Preis, sondern im Angebot. Wo kein Bus fährt, hilft auch das günstigste Ticket wenig. Die Idee eines „Deutschlandtickets plus Taxi“ wird daher als logische Erweiterung ins Spiel gebracht – nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung.
Mobilität muss für alle erreichbar sein
Der Brief endet mit einem erweiterten Mobilitätsbegriff. Es gehe nicht allein um Verkehr, sondern um Teilhabe. Wer keinen Zugang zu verlässlicher Fortbewegung habe, sei in vielen Lebensbereichen eingeschränkt – unabhängig vom Alter, Einkommen oder körperlichen Voraussetzungen. Mobilität, so formuliert es der Verband, sei eine Frage der Gerechtigkeit.
Der erste Welt-ÖPNV-Tag liefert damit nicht nur Anlass zur Würdigung bestehender Systeme. Er legt auch offen, wo diese Systeme an ihre Grenzen stoßen.
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