Ein Abend mit Krach - Berlins Taxi-Gewerbe ringt um Ordnung und Zukunft
Der Abend beginnt mit einem Dank und endet mit einigen Versprechen. Dazwischen liegt ein Gespräch über Ordnung, Wettbewerb und die Frage, wem die Straße gehört. Im Saal sitzen Taxiunternehmer mit Hermann Waldner von Taxi Berlin und Taxi One, dem SPD-Spitzenkandidat für die Berliner Abgeordnetenhauswahl 2026, Steffen Krach, sowie dem SPD-Abgeordneten Tino Schopf.
Waldner eröffnet mit einem Satz, der wie eine Selbstvergewisserung klingt: Gute Taxi-Politik habe nichts mit Parteifarben zu tun. In Hamburg zeige eine rot-grüne Regierung, dass Regulierung wirken könne. In Berlin dagegen sei die Zahl der Taxi-Konzessionen zeitweise stark gestiegen. Heute gebe es rund 6.400 Konzessionen, in den vergangenen ein bis zwei Jahren seien noch einmal etwa 1.400 Fahrzeuge hinzugekommen. Gleichzeitig lägen mehr als 3.000 Anfragen für weitere Konzessionen vor.
Umsatz in Berlin reicht eigentlich nicht zum Überleben
Der Kern des Problems, sagt Waldner, liege tiefer. Der durchschnittliche Stundenumsatz eines Taxis im Einsatz sei auf unter 20 Euro gefallen, teilweise sogar darunter. Wirtschaftlich tragfähig sei das nicht. Um Mindestlohn und Betriebskosten zu decken, brauche es eher 30 Euro pro Stunde. Dennoch drängten neue Anbieter auf den Markt. Waldner spricht von „mafiösen Strukturen“, von Unternehmen, die zwei Jahre operierten, Abgaben verkürzten oder nicht zahlten und dann verschwänden. Besonders im Mietwagenbereich sei dieses Modell verbreitet gewesen.
Zwar gebe Berlin derzeit laut Waldner keine neuen Taxi-Konzessionen aus. Doch Betriebe wichen in die Umlandkreise aus. Dort gebe es keine Begrenzung. Unternehmen mit 40 Konzessionen würden genehmigt, obwohl sie ihre Umsätze zu 99 Prozent in Berlin erzielten. Für den Mobilitätsmarkt der Hauptstadt würden 5.000 bis 6.000 Taxis ausreichen, meint Waldner. Die zusätzliche Konkurrenz durch mietwagenähnliche Verkehre sorge für 3.000 bis 4.000 Fahrzeuge zu viel auf der Straße. Würden etwa 30 Prozent des Angebots wegfallen, könnte der Stundenumsatz wieder Richtung 30 Euro steigen.
„Wir wünschen uns erstens Tino Schopf als den nächsten Mobilitäts-Senator. Und zweitens wieder rechtsstaatliche Verhältnisse im Berliner Mobilitätsgewerbe haben - und das heißt Kampf gegen die Schwarzarbeit!“, so Boto Töpfer, Vorstand Taxiverband Berlin Brandenburg
Schopf im Wahlkampfmodus
Schopf widerspricht nicht in der Sache, wohl aber in der politischen Zuschreibung. Schon in der vergangenen Legislaturperiode habe er als Abgeordneter auf Missstände hingewiesen. 2024 habe er öffentlich gemacht, dass die Stundenumsätze bei maximal 20 Euro lägen. Er habe eine Task Force gegen kriminelle Machenschaften im Mietwagengewerbe initiiert, eine Arbeitsgruppe gegen Schwarzarbeit angestoßen und darauf gedrängt, auch Brandenburger Behörden einzubinden. Dass viele Betriebe inzwischen ins Umland abwanderten, habe sich abgezeichnet.
Der Abgeordnete reklamiert für die SPD zentrale Schritte: zusätzliche Stellen beim LABO (Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten) zur strengeren Prüfung von Anträgen, ein im Parlament einstimmig beschlossener Antrag zur Einführung eines Mindestbeförderungsentgelts für Mietwagen. Nun sei der Senat am Zug. Dass die CDU diesem Instrument skeptisch gegenüberstehe, verschweigt er nicht. Deshalb habe die SPD das Mindestbeförderungsentgelt in ihr Wahlprogramm aufgenommen.
„Die Fortschritte in Berlin hat das Taxigewerbe der SPD zu verdanken – ganz sicher nicht einem Kai Wegner oder einer Ute Bonde“, echauffierte sich Schopf.
Krach zeigt sich als gut informiert
Krach betonte, er wolle Verkehrsteilnehmer nicht gegeneinander ausspielen. Mobilität müsse zusammengedacht werden. Zugleich erkennt er die wirtschaftlichen Sorgen an. Berlin habe rund 30 Millionen touristische Übernachtungen, früher seien es 35 Millionen gewesen. Weniger Messen, weniger Großveranstaltungen, Nachwirkungen der Pandemie – all das treffe auch das Taxi.
Regeln müssen kontrolliert werden
Rechtsstaatlichkeit, sagt Krach, sei ein Kernproblem. Deutschland habe oft gute Gesetze, doch ihre Durchsetzung hänge hinterher. Das untergrabe Vertrauen in Staat und Demokratie. Wer Regeln aufstelle, müsse sie auch kontrollieren. Er verweist auf hohe Krankenstände im öffentlichen Dienst, auf Verwaltungsabläufe, die noch immer papiergebunden seien. Digitalisierung könne Verfahren beschleunigen, Kontrollen effizienter machen.
Aus dem Publikum kommt Unterstützung – und Druck. Vertreter des Taxiverbands fordern klare Zusagen: konsequenter Kampf gegen Schwarzarbeit, Einführung eines Mindestpreises für Mietwagen möglichst rasch. Hamburg wird mehrfach als Beispiel genannt. Dort funktionierten Kontrollen, dort gebe es kaum kriminelle Strukturen im Mietwagenbereich, dort seien die Stundenumsätze deutlich höher.
BVTM betont besondere Rolle Berlins
Michael Oppermann vom Bundesverband Taxi und Mietwagen argumentiert grundsätzlicher. In keiner Stadt sei die Lage so angespannt wie in Berlin. Plattformanbieter hätten hier früh Fuß gefasst. Berlin sei ein „must-win“-Markt, attraktiv für internationale Gäste und ein junges Publikum. Rechtsstaatlichkeit dürfe sich nicht nur auf einzelne Mietwagenunternehmer beziehen. Auch Plattformen müssten in Verantwortung genommen werden. Das Mindestbeförderungsentgelt sei dafür ein zentrales Instrument.
„Das Mindestbeförderungsentgelt ist der Schlüssel“, betonte Oppermann.
Waldner erinnert daran, dass der Bundesgesetzgeber 2021 die Möglichkeit geschaffen habe, Mindestentgelte auch für Mietwagen festzulegen. Ziel sei kein Privileg für Taxis, sondern fairer Wettbewerb. Das Taxi unterliege Tarifbindung und Beförderungspflicht, sei Teil der Daseinsvorsorge. Plattformgestützte Mietwagen verfolgten ein anderes Geschäftsmodell, teils mit finanzstarken Investoren im Hintergrund. Wenn Preise systematisch unterboten würden, gerate das regulierte System ins Wanken.
„Wir fahren seit vielen Jahren den Schienenersatzverkehr in Berlin – verlässlich und geräuschlos. Wir würden uns als Taxigewerbe wünschen, auch in anderen Bereichen der Mobilität mehr eingebunden zu werden“, erklärte Waldner.
Mindestbeförderungsentgelt ist Parteiprogramm
Krach vermeidet schnelle Versprechen. Ressortfragen wolle „natürlich“ er nicht vorwegnehmen. Das Mindestbeförderungsentgelt stehe jedoch im SPD-Programm. Gesetze müssten durchgesetzt werden. Gleichzeitig setzt er auf wirtschaftliche Belebung: mehr Veranstaltungen, mehr Zuversicht, eine positive Entwicklung nach den Krisenjahren. Wenn Menschen wieder häufiger ausgingen, reisten, konsumierten, steige auch die Nachfrage nach Taxi-Fahrten.
Am Ende bleibt ein Bild: das Taxi als Teil der öffentlichen Infrastruktur, als Reserve in der Nacht, als verlässliche Option, wenn andere Systeme nicht greifen. Und eine politische Auseinandersetzung, die längst über das Gewerbe hinausweist. Es geht um Markt und Regulierung, um Plattformökonomie und Verwaltungskraft – und um die Frage, ob der Staat in der Lage ist, die Regeln, die er setzt, auch durchzusetzen. Und Steffen Krach stellte sich deutlich als Partner für das Taxi-Gewerbe dar.
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