Winter kostet Reichweite - ADAC testet Wintertauglichkeit von E-Autos

Wer im Winter mit dem Elektroauto unterwegs ist, kennt das Gefühl: Die Anzeige verspricht noch viel, die Realität auf der Autobahn verlangt nach einem Ladestopp früher als gedacht. Der ADAC hat dieses Spannungsfeld nun erneut vermessen – diesmal nicht mit besonders reichweitenstarken Stromern, sondern mit 14 „familienfreundlichen“ Elektroautos. Die Aufgabe: eine simulierte Langstreckenfahrt von München nach Berlin, bei null Grad, mit Autobahntempo. Das Ergebnis ist ernüchternd und aufschlussreich zugleich.

Der Audi A6 Avant konnte im Wintertest überzeugen - und fuhr auf Platz 1 der ADAC-Rangliste.| Foto: ADAC
Der Audi A6 Avant konnte im Wintertest überzeugen - und fuhr auf Platz 1 der ADAC-Rangliste.| Foto: ADAC

Schon die Auswahl der Fahrzeuge zeigt, worum es dem Autoclub ging. Mindestens 500 Kilometer WLTP-Reichweite mussten die Modelle versprechen, im ADAC-Autotest die Kategorie „Familie“ mit mindestens der Note 3,0 erreichen und neu unter 100.000 Euro kosten. Keine Exoten also, sondern Fahrzeuge, die tatsächlich vor Einfamilienhäusern, auf Supermarktparkplätzen und an Schulparkplätzen stehen könnten.

WLTP-Wert im Winter utopisch

Die gute Nachricht zuerst: Elektroautos kommen auch im Winter auf der Langstrecke ans Ziel. Die schlechte folgt auf dem Fuß: Die Abweichung zwischen Norm und Wirklichkeit bleibt erheblich. Im Schnitt lag der Mehrverbrauch im ADAC-Wintertest bei 57 Prozent über der WLTP-Angabe. Der Wert wird bei 23 Grad und moderatem Tempo ermittelt – Bedingungen, die mit einer Januarfahrt auf der A9 wenig zu tun haben. Der stärkste Ausreißer lag bei 69 Prozent, selbst der sparsamste Kandidat wich noch um 40 Prozent nach oben ab.

Damit wird aus der Frage „Wie weit komme ich?“ schnell die pragmatischere: „Wie oft muss ich laden?“ Für die 582 Kilometer von München nach Berlin benötigen die meisten Testfahrzeuge zwei Ladestopps. Nur zwei schaffen es mit einem einzigen Halt von rund 20 Minuten bis ins Ziel: der Audi A6 Avant e-tron performance und der Smart #5 Premium. Ein Detail, das auf der Langstrecke den Unterschied zwischen entspanntem Ankommen und routiniertem Zeitmanagement ausmacht.

Audi steht an der Spitze des Feldes

Mit einer ADAC-Note von 1,9 erhält er als eines von nur zwei Fahrzeugen das Urteil „gut“. Nach knapp vier Stunden Fahrzeit stehen 441 Kilometer auf dem Zähler, der Verbrauch liegt bei 23,2 kWh pro 100 Kilometer. Für die restliche Strecke reicht ein kurzer Ladestopp, der Energie für rund 300 Kilometer nachliefert. In der Kombination aus erzielter Reichweite und Ladegeschwindigkeit setzt der Audi den Maßstab – nicht mit Zauberei, sondern mit effizienter Technik.

Mit dem Tesla Model Y und dem VW ID7 zwei Taxi-Modelle vorne dabei

Beim Verbrauch selbst muss er sich jedoch geschlagen geben. Das Tesla Model Y Maximum Range AWD kommt mit 22,2 kWh pro 100 Kilometer aus und landet mit der Note 2,5 auf Platz zwei. Auch hier zeigt sich: Effizienz hilft im Winter mehr als große Batterien. Knapp dahinter folgen der VW ID.7 Tourer Pro und der Smart #5 Premium, beide mit „befriedigend“ bewertet. Insgesamt erhalten sieben der 14 Fahrzeuge dieses Urteil, drei kommen nur auf ein „ausreichend“.

Interessant ist der Blick auf Preis und Platzierung. Anders als im Vorjahr sind es nicht automatisch die teuersten Modelle, die am weitesten kommen. Zwar liegt der Testsieger mit 77.250 Euro im oberen Preisbereich, doch die folgenden drei Fahrzeuge kosten zwischen rund 51.000 und 55.000 Euro. Der teuerste Testwagen für 91.700 Euro landet dagegen nur auf dem vorletzten Platz. Reichweite lässt sich also nicht einfach kaufen.

Besonders deutlich wird die Diskrepanz zwischen Prospekt und Praxis beim Vergleich einzelner Modelle. Der Audi A6 Avant e-tron verspricht nach WLTP 719 Kilometer, im Wintertest bleiben davon 441. Beim Tesla Model Y schrumpfen 600 auf 406 Kilometer, beim VW ID.7 Tourer 593 auf 360. Der Smart #5 und der Polestar 4 landen mit knapp über 360 Kilometern in einem ähnlichen Bereich. Das ist ausreichend für die Langstrecke – aber nur mit realistischem Ladeplan.

Winter kostet Reichweite

Der ADAC-Test zeigt damit weniger eine Schwäche einzelner Modelle als eine grundlegende Wahrheit der Elektromobilität: Winter kostet Reichweite. Wer das einkalkuliert, kommt dennoch gut voran. Wer sich blind auf Normwerte verlässt, erlebt Überraschungen. Elektroautos sind längst langstreckentauglich, nur eben nicht unter Idealbedingungen.

Logobanner Liste (Views)