Volvo-Zukunft: Der Kombi kommt zurück!

Bei der Präsentation des EX60 hatten wir auch die Möglichkeit, in Round Tables ausgiebig mit Akil Krishnan, Product Line Owner der Baureihe 60, und Michael Fleiss, Chief Strategy and Product Officer, zu sprechen. Offiziell und zwischen den Zeilen wussten beide zu überraschen.

So wird er nicht aussehen, aber vielleicht ähnlich: Wir haben von Open AI mal einen neuen V90 erstellen lassen. | Foto: Open AI
So wird er nicht aussehen, aber vielleicht ähnlich: Wir haben von Open AI mal einen neuen V90 erstellen lassen. | Foto: Open AI
(erschienen bei VISION mobility von Gregor Soller)

Mit dem Volvo EX60 füllte Volvo die Lücke der elektrischen Midsize-SUVs im Programm. Er tritt in gigantische Fußstapfen, denn mit bisher 2,4 Millionen Einheiten ist der „Vorgänger“ XC60 der meistgebaute Volvo ever! Und jährlich kommen weitere sechsstellige Stückzahlen hinzu, weshalb man sich bei Volvo entschloss, den künftigen Bestseller auf eine ganz neue Plattform zu stellen.

Mit deren Namen sich Michael Fleiss, Chief Strategy and Product Officer, so schwer tut wie sein Chef Håkan Samuelsson. Denn SPA3 hört sich auch für den Deutschen an wie eine Fortsetzung der Vorgängerplattformen SPA1 und SPA2, wobei Letztere eine starke Überarbeitung der ersten darstellt. Gerne hätte er auch so etwas wie „Neue Klasse“ gehabt, auf das man die Öffentlichkeit und die potenziellen Kunden hätte „einschwören“ können.

Akil Krishnan skizzierte uns das Lastenheft:

„Wir wollten drei Dinge ohne Kompromisse erreichen: so weit wie möglich kommen, auch im Winter – denn die sind kalt in Schweden, man will sehr schnell wieder laden – im Idealfall kaum länger als bei einem Tankstopp – und das alles zu einem Preis, der im Idealfall noch günstiger ist als beim Plug-in-Hybrid.“

SPA3 ist für Volvo wie für BMW die „Neue Klasse“ – und: Electric only

Weshalb man auch damit liebäugelt, die schnell ladende 800-Volt-Plattform im Idealfall auf möglichst viele Baureihen auszurollen. Klar ist: Bei der SPA3 hat man laut Akil Krishnan alles von Grund auf neu gedacht. Das beginnt beim Cell-to-Pack-Akku, geht übers Megacasting des Hinterwagens und endet bei der konsequenten Auslegung auf E-Mobilität, wodurch man einen viel größeren Innenraum erreicht. So oder so kriegt man die Kosten um rund 25 % runter und hat trotzdem einen echten Volvo, denn auch die Crashsicherheit hat man mehrfach abgetestet. Dazu hat man sogar einen EX60 aus der Crashhalle über eine Böschung mit rund 60 km/h stockvoll frontal mittig in eine Stahlsäule knallen lassen, um ein Abkommen von der Straße mit Aufprall auf einen eher fies dünnen Baum zu simulieren. Das Ergebnis erfreute Krishnan, denn wie die Innenraumkamera verriet, „erkannte“ der EX60 den Crash per Kamera und zog vorher vorsichtshalber schon mal die Gurte der Insassen straff. Diese prädiktive Unfallprävention will man über die Sensorik, kombiniert mit KI, noch ausbauen – indem alle Volvos sich gegenseitig solche Daten schicken und so lebenslänglich „lernen“.

Der Akku: Denkt gar nicht mehr drüber nach!

Das gilt auch für die Zellen im Akkupack, deren Anschlüsse alle nach unten zeigen. Das hat den Vorteil, dass bei einem eventuellen „Durchgehen“ des Akkus dieser „Blow-out“ sich gen Boden und nicht gen Innenraum entladen würde. Zusätzlich hat man den thermalen Schutz so erhöht, dass ein komplettes „Durchbrennen“ des Akkus vermieden wird. Die Garantie erhöhte man auf zehn Jahre oder bis zu 240.000 Kilometer. Krishnans Hauptspruch bezüglich des Akkus:

"DON’T WORRY ABOUT IT!"

Wichtig zudem: dass er die hohe Ladeleistung so lang wie möglich hält!

Auf die Frage, wie er ADAS ohne Lidar bewertet, hat Pragmatiker Krishnan auch eine differenzierte Antwort: Auf der Autobahn ginge es auch ohne, die Stadt sei die große Herausforderung. Verzichtet hat man aus Kostengründen auch auf das Head-up-Display, dafür hat man die Hauptanzeige weit nach vorn direkt unter die Windschutzscheibe gesetzt. Klare Ansage von Krishnan zum HUD: „Wir brauchen es nicht, wir wollen es einfach machen.“ In dieser Position muss man die Augen nicht von der Straße nehmen. Und das Zentraldisplay kommt jetzt wieder im Querformat, um es näher an die Fahrenden heranzurücken.

Der EX60 ist ein Gamechanger – und erst der Anfang einer neuen Modellpalette

Michael Fleiss ist als Chief Strategy and Product Officer bei Volvo Cars ein „Rückkehrer“, der zuletzt bis 2021 fast zehn Jahre für den schwedischen Autobauer tätig war, zuletzt als Managing Director Combustion Powertrain Operations, bevor er zu Aurobay Sweden wechselte, das später von Horse Powertrain – dem Joint Venture zwischen Geely und Renault – übernommen wurde. Zuletzt war er Chief Strategy Officer von Horse Powertrain, jetzt ist er wieder in Göteborg an Bord. Und auch er ist regelrecht „euphorisch“: Der EX60 sei echt ein Gamechanger, und er wiederholt die drei großen Herausforderungen seines Kollegen. Und zur Not habe man ja auch noch den XC60 Plug-in, der noch einmal ein tiefer greifendes Update samt größerem Akku erhalten werde.

Nach viel Stress mit dem EX90: Volvo hat jetzt das Software-defined vehicle

Fleiss ist auch so ehrlich zuzugeben, dass der EX90-Start alles andere als harmonisch verlief – aber alle Probleme seien jetzt gelöst, wenngleich es länger gedauert habe, als man erwartete. Aber wie gesagt: Volvo hat jetzt das Software-defined Vehicle, an dem sich viele andere Hersteller immer noch abarbeiten – nur um die Problematik mal in Relation zu setzen!

Vorteil für die potenziellen V-Modelle: China entdeckt gerade den Kombi und Shooting-Brake

Und wie sieht es mit neuen Modellen aus, vielleicht auch wieder flacher bauenden Modellen? Da wäre man gern schon weiter, tatsächlich habe Volvo die Softwareproblematik bis zu zwei Jahre zurückgeworfen. Denn „speziell mit den Kombis haben wir ein Segment, das wir gerade nicht vernünftig bedienen.“ Allerdings war es eben eher eine Zeit- und keine Willensfrage. Weshalb wir weiterbohren: Ja, in China würde der „Wagon“ immer populärer, allerdings nicht als praktisches Arbeitspferd wie in Europa, sondern als sportliches Luxusfahrzeug. Und nachdem Kombis Volvo eigentlich immer geprägt haben, wolle man dieses Feld nicht aufgeben: „Wir hatten fantastische Kombis“, und Fleiss sieht durchaus eine große Chance, hier noch einmal neu anzutreten. Dazu gäbe es weiter auch viele traditionelle Kunden, die eine Limousine bevorzugen würden – und da bleibt es wohl nicht allein beim ES90 … Zumal durch die Akkutechnik die Karten neu gemischt würden und man mit dem 500 kW starken EX60 P12 eines der schnellsten und sportlichsten Fahrzeuge im Segment habe.

Man plant bereits neue ES- und EV-Modelle

Sind weitere Konzepte in der Pipeline? Einen Minivan oder People Mover hat man schon für China in China, und persönlich würde Fleiss auch mit einem Coupé oder Cabrio liebäugeln, aber jetzt mache man sich erst einmal an neue Limousinen UND Kombis! Das ist doch schon mal was! Zumal man den größten Entwicklungs- und Zeitaufwand mit der Plattform hinter sich habe: Ein „Top Hat“ ist nicht so zeitaufwendig, und „aus einer Limo einen Kombi zu machen, sei für vergleichsweise kleines Geld und in kurzer Zeit zu haben“. Und wo baut man die dann?

Alle Volvo-Produktionsstätten sind laut Fleiss plattformspezifisch: SPA3 erst einmal nur in Torslanda, SPA2 in Charleston oder China und so fort. Dazu kommt das „Kastenmaß“, heißt: In Gent, seit jeher werden dort die Kompaktmodelle gebaut, wird man keine Fünf-Meter-Modelle montieren.

Und ja, die neue Elektronikplattform kann man dann auch für die künftigen Verbrenner nutzen. Absolut wichtig sei, dass die Software jetzt „sitzt“. Da ist der EX60 ein Scheidepunkt für Volvo, denn wenn es hier wieder große Probleme wie beim EX90 gäbe, könnte das existenziell für die Marke werden. Wird es aber nicht, denn um diese Bugs zu beseitigen, investierte man beim EX90 extrem viel Zeit und Geld – um die neue, ebenfalls maximal flexible Elektronikarchitektur jetzt als einziges „Übernahmeteil“ in die SPA3 weiterzuführen.

Dann geht Fleiss etwas mehr in die Tiefe: Man nutze je einen Core-Computer für das gesamte Infotainment und den gesamten ADAS-Bereich, dazu zwei zonale Computer aus dem Mechatronics-Raum, zum Beispiel für die Klimasteuerung – früher brauchte man dafür mehrere Domainrechner.

Nachdem die Software steht, kann man mit China-Speed neue Modelle generieren

Und nachdem die Software steht, könne man mit „China-Speed“ weitermachen: Zwei Jahre Entwicklungszeit für neue Modelle seien nicht utopisch, und in nicht zu ferner Zukunft habe man „eine Software für alle Fahrzeuge, die kann man dann auf alle ausrollen und muss das nicht in alle Domänen extra einpflegen“.

Optisch hält sich der EX60 noch zurück – ist hier auch wieder ein Paukenschlag zu erwarten, der die Vorteile der neuen Plattform weiter ausnutzt? Fleiss antwortet: „Nun, die Kabine ist schon riesig, und das stellt die neue Technologie schon am besten dar.“ Der Motorbereich ist viel kürzer, die Scheibenwurzel fängt da an, wo das Vorderrad aufhört, und die zweite Sitzreihe bietet deshalb sehr viel Platz. Ein Aufhänger sind die entfallenen Türgriffe: China verbietet so etwas schon wieder, und ja, perspektivisch würde es aus Fleiss’ Sicht Sinn machen, wenn alle Volvo-Modelle eines Tages nur noch eine Art von Türgriffen hätten.

Und ganz zum Schluss haben wir noch eine Frage zu den jüngsten Förderungen in Europa und speziell Deutschland. Auch dazu hat Fleiss eine klare Meinung: Die meisten Volvo-Kunden seien wohlhabender und hätten auf jeden Fall über 80.000 Euro brutto Haushaltseinkommen. Und Autohersteller müssten grundsätzlich ohne Prämie erfolgreich sein: „Ich würde es mehr begrüßen, wenn man generell die Energiekosten senken könnte, das würde allen mehr helfen.“

Was bedeutet das?

Volvo startet neu durch: SPA3 ist das sprachlich unauffällige Pendant zu BMWs „Neuer Klasse“, für welche die Bayern seit Jahren lautstark betrommeln. Kommunikativ verhält sich Volvo viel (zu) leise, inhaltlich bietet man aber Ebenbürtiges!

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