Taxi-Fusion im Rhein-Main-Gebiet: Gemeinsam stärker, strategisch abhängig?
Die Frankfurter Zentrale gehört inzwischen zum Umfeld des Uber-Generalunternehmers SafeDriver. Aber kann ein Unternehmen zugleich die Interessen des Taxigewerbes vertreten und für dessen Plattformkonkurrenten arbeiten? Was nach einer vernünftigen Antwort auf steigende Kosten und digitale Konkurrenz klingt, ist zugleich ein Umbau mit politischer Sprengkraft. Seit dem 2. Oktober sind die Taxi-Dienst Hanau Stadt und Land, Taxi-Funk Offenbach und Taxi Rüsselsheim mit der Taxi Frankfurt eG verschmolzen. Die Frankfurter Genossenschaft führt die Geschäfte der drei bisherigen Zentralen als Gesamtrechtsnachfolgerin fort. Wirtschaftlich wirkt der Zusammenschluss rückwirkend zum 31. Dezember 2025.
Vier Taxizentralen, eine Genossenschaft
Die Botschaft der Verantwortlichen: Gemeinsam soll das Taxigewerbe im Rhein-Main-Gebiet leistungsfähiger werden. Vermittlung, Technik und Organisation sollen zusammenwachsen, die örtlichen Strukturen erhalten bleiben. Für Fahrgäste ändern sich zunächst weder die bekannten Rufnummern noch die Bestellwege. Auch die Arbeitsplätze der drei bisherigen Zentralen sollen bestehen bleiben.
„Taxifahren endet nicht an der Stadtgrenze. Mit der Verschmelzung bündeln wir vier starke Taxizentralen in einer Genossenschaft und gestalten die Zukunft für unsere Anschlusspartner und Fahrgäste in Frankfurt, Hanau, Offenbach und Rüsselsheim gemeinsam. Dabei wollen wir im engen Dialog mit den Menschen vor Ort stehen“, sagt Marten Clüver, Vorstandssprecher der Taxi Frankfurt eG.
„Wir müssen künftig noch stärker auf die Bedürfnisse der Fahrgäste und der Taxiunternehmen eingehen, um als Taxizentrale nachhaltig erfolgreich zu sein. Eine gemeinsame Disposition und zeitgemäße technische Lösungen für die gesamte Region schaffen dafür die Grundlage“ ergänzt Roman Marx, Technikvorstand der Genossenschaft.
Das klingt nach einer nachvollziehbaren Strategie. Größere Vermittlungsgebiete können Leerfahrten reduzieren, Aufträge besser verteilen und die Auslastung der angeschlossenen Fahrzeuge verbessern. Gerade angesichts steigender Betriebskosten und wachsender Konkurrenz durch digitale Plattformen ist das für viele Taxiunternehmen ein wichtiges Ziel. Doch die Fusion ist nicht nur eine organisatorische Neuordnung. Sie führt auch eine Entwicklung fort, die im März und Juni 2026 für erhebliche Unruhe im Taxigewerbe sorgte: den Verkauf der Frankfurter Zentrale an die SafeDriver Group.
Eine Taxizentrale im Einflussbereich von Uber
Im März stimmte die Generalversammlung der Taxi Frankfurt eG mehrheitlich für das Angebot des Berliner Unternehmens. Ende Juni wurde die strategische Partnerschaft öffentlich bekannt gegeben. SafeDriver ist in Deutschland als Generalunternehmer für die Mietwagenvermittlung von Uber tätig und betreibt zugleich eigene Taxiunternehmen. Die Frankfurter Zentrale mit rund 1.400 angeschlossenen Fahrzeugen wechselte damit in den Einflussbereich eines Unternehmens, das eng mit einem der wichtigsten Wettbewerber des klassischen Taxigewerbes verbunden ist.
Die Unterscheidung ist wichtig: Nicht Uber selbst hat die Taxizentrale unmittelbar gekauft. Eigentümer beziehungsweise Übernehmer ist SafeDriver. Uber profitiert allerdings von der engen Geschäftsbeziehung zu dem Unternehmen. Nach der im Juni veröffentlichten Vereinbarung sollen Frankfurter Taxis schrittweise auch über die Uber-App vermittelt werden. SafeDriver und die Taxi Frankfurt versprechen sich davon zusätzliche Nachfrage, neue Kundengruppen und höhere Umsätze für die angeschlossenen Betriebe. Dabei steht Thomas Mohnke im Zentrum dieser Konstruktion. Er ist Geschäftsführer der SafeDriver Group und zugleich Aufsichtsratsvorsitzender der Taxi Frankfurt eG. In der Mitteilung zur Partnerschaft erklärte er:
„Mit der Übernahme des operativen Geschäfts der Taxi Frankfurt eG starten wir ein neues Kapitel in der Taxi- und Mietwagenbranche in Deutschland.“
Mohnke ist damit nicht bloß ein externer Berater, der eine Taxizentrale bei der Digitalisierung unterstützt. Er steht auf der einen Seite für ein Unternehmen, das Uber bei der Mietwagenvermittlung in Deutschland vertritt, und übernimmt auf der anderen Seite eine zentrale Aufsichtsfunktion bei einer Organisation, die Interessen von Taxiunternehmen bündelt.
Wer vertritt künftig die Interessen der Taxiunternehmer?
Hier liegt der kritische Punkt. Eine Taxizentrale ist mehr als eine technische Vermittlungsstelle. Sie bündelt Aufträge, organisiert den Zugang zu Kunden und kann gegenüber Behörden, Krankenkassen, Geschäftskunden und politischen Entscheidungsträgern mit einer gemeinsamen Stimme auftreten. Ihre Aufgabe ist es, die angeschlossenen Taxiunternehmen zu unterstützen. SafeDriver verfolgt zugleich eigene wirtschaftliche Interessen im Mietwagenmarkt und arbeitet mit einer Plattform zusammen, die mit klassischen Taxen um Fahrgäste konkurriert. Daraus entsteht ein struktureller Interessenkonflikt, der sich nicht allein durch den Hinweis auf bessere Vermittlungstechnik ausräumen lässt.
Das bedeutet nicht, dass die Zusammenarbeit zwangsläufig zulasten der Taxiunternehmer gehen muss. Über die Uber-App vermittelte Fahrten können zusätzliche Einnahmen bringen, insbesondere wenn sie Fahrzeuge erreichen, die sonst ohne Auftrag unterwegs wären. Eine moderne Disposition kann die Auslastung verbessern und den Betrieben helfen, Kunden zurückzugewinnen. Doch entscheidend sind die Bedingungen. Welche Aufträge werden über welchen Kanal vermittelt? Wie werden Vermittlungsgebühren gestaltet? Wer bestimmt, welche Fahrzeuge Zugang zu lukrativen Kundengruppen erhalten? Und wie wird sichergestellt, dass die Interessen der angeschlossenen Taxiunternehmen bei strategischen Entscheidungen tatsächlich Vorrang haben? Die neue Struktur muss auf diese Fragen überzeugende Antworten geben. Denn eine Vermittlungszentrale, deren Eigentümer zugleich ein bedeutender Akteur im Mietwagenmarkt ist, kann nicht einfach so tun, als seien beide Geschäftsinteressen immer deckungsgleich.
Mehr Größe, aber auch mehr Abhängigkeit?
Thomas Mohnke formuliert den Anspruch der neuen Organisation wirtschaftlich:
„Mit dem Zusammenschluss schaffen wir die Grundlage, das Angebot für die Taxi-Kundschaft im Rhein-Main-Gebiet deutlich zu verbessern. Gleichzeitig wollen wir für die Fahrerinnen und Fahrer, die jeden Tag und rund um die Uhr unterwegs sind, so schnell wie möglich mehr Aufträge schaffen. Wer hart arbeitet, braucht eine gute Auslastung und die Perspektive auf ein stabiles Einkommen.“
Das ist ein Versprechen, an dem sich die Verantwortlichen messen lassen müssen. Mehr Aufträge allein reichen nicht, wenn die Vermittlungskosten steigen oder die zusätzlichen Fahrten zu wirtschaftlich ungünstigen Konditionen zustande kommen. Für Taxiunternehmer zählt am Ende nicht die Zahl der App-Bestellungen, sondern der Ertrag, der nach Abzug aller Kosten bleibt. Auch die regionale Konzentration verdient Aufmerksamkeit. Wenn vier Zentralen organisatorisch zusammengeführt werden, entstehen Vorteile durch gemeinsame Technik und größere Reichweite. .
Ein Modell mit Signalwirkung?
Der Zusammenschluss im Rhein-Main-Gebiet könnte zum Modell für weitere Taxizentralen werden. SafeDriver hat bereits angekündigt, die Taxi First Mobility als Dienstleister für andere Zentralen auszubauen. Die Idee dahinter ist nachvollziehbar: Viele kleinere Vermittlungsorganisationen kämpfen mit hohen Technik- und Verwaltungskosten und müssen ihre digitalen Angebote modernisieren. Doch die Branche sollte nicht nur fragen, wie sie ihre Vermittlung effizienter organisiert. Sie muss ebenso klären, wer die Kontrolle über Kundenzugänge, Daten und Auftragsverteilung erhält. Wer eine zentrale Stellung in der Vermittlung besitzt, beeinflusst die wirtschaftlichen Möglichkeiten der angeschlossenen Betriebe.
Die Fusion von Frankfurt, Hanau, Offenbach und Rüsselsheim bündelt Kräfte, schafft Chancen und verspricht eine bessere Auslastung. Zugleich wächst die Abhängigkeit von einem Unternehmensverbund, der auch im Geschäft des wichtigsten Plattformkonkurrenten aktiv ist. Entscheidend wird sein, ob die neue Organisation ihre Versprechen einlöst – und nachweisen kann, dass sie die Interessen der Taxiunternehmen konsequent vertritt.
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