Abschied von FreeNow – droht die UBERisierung der Mobilitätsplattform?

Berichte, dass  BMW und Mercedes-Benz ihr gemeinsames Mobilitäts-Unternehmen veräußern wollen, gab es immer wieder. 2020 gab es sogar Gerüchte, Uber könne den Mobilitätsdienstleister erwerben. Nun scheint ein Verkauf von Freenow kurz vor dem Abschluss zu stehen. Wie das „Manager Magazin“ berichtet, soll Lyft den Zuschlag erhalten haben.

Noch gehört Freenow Mercedes-Benz und BMW. Die beiden Autohersteller wollen die Mobilitätsplattform aber los werden.| Foto: Freenow
Noch gehört Freenow Mercedes-Benz und BMW. Die beiden Autohersteller wollen die Mobilitätsplattform aber los werden.| Foto: Freenow

Jetzt ist es wohl endgültig: BMW und Mercedes-Benz werden sich von ihrer gemeinsamen Mobilitätsplattform FreeNow trennen. Laut einem Bericht des "Manager Magazins" stehen die Verkaufsverhandlungen kurz vor dem Abschluss. Als potenzieller Käufer wird der US-Fahrdienstleister Lyft gehandelt.

Wer ist Lyft?`

Lyft ist ein US-amerikanisches Dienstleistungsunternehmen. Als direkter Wettbewerber von Uber tritt der Fahrdienst-Vermittler bislang nur in Nordamerika auf und hat dort nach Unternehmensangaben einen Marktanteil von 39 Prozent. Dabei fungiert Lyft – wie Uber – nur als Vermittler von Fahrten.

Dabei soll sich der Kaufpreis im mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Bereich bewegen. Damit ziehen die beiden deutschen Automobilhersteller Konsequenzen aus einer Geschäftsentwicklung, die nicht den erhofften Erfolg gebracht hat.

Zweiter Versuch eines Verkaufs

Bereits 2020 hatte es Gespräche über einen Verkauf von FreeNow gegeben. Damals war Uber als Käufer im Gespräch, angeblich mit einem Kaufangebot von bis zu einer Milliarde Euro. Die Verhandlungen blieben jedoch ohne Ergebnis. Nun könnte es im zweiten Anlauf zu einem Eigentümerwechsel kommen – allerdings wohl zu deutlich anderen finanziellen Bedingungen.

Große Investitionen, geringe Erträge

Die Idee, mit digitalen Mobilitätsdiensten ein profitables Geschäftsfeld neben dem klassischen Automobilbau aufzubauen, hatte BMW und Daimler (heute Mercedes-Benz) einst dazu veranlasst, ihre Carsharing- und Fahrdienstangebote zu bündeln. Anfang 2019 investierten die Unternehmen über eine Milliarde Euro in den Ausbau von FreeNow und anderen Mobilitätsdiensten. Ziel war es, ein europäisches Gegengewicht zu den großen US-amerikanischen Plattformen wie Uber oder Lyft zu schaffen.

Doch die wirtschaftlichen Erwartungen erfüllten sich nicht. Trotz einer wachsenden Nutzerbasis erwiesen sich die Plattformgeschäfte als kostspielig und wenig lukrativ. Vor allem Daimler war unter der Leitung von Konzernchef Ola Källenius zunehmend bemüht, sich von defizitären Geschäftsbereichen zu trennen. So fiel bereits die Smart-Produktion einer strikteren Kostenpolitik zum Opfer. Die nun anstehende Veräußerung von FreeNow ist Teil dieser Strategie.

Markt mit hohen Hürden

FreeNow, ursprünglich als MyTaxi gestartet, hatte sich durch die Übernahme und Integration verschiedener Fahrdienst-Apps wie Kapten (Frankreich), Beat (Griechenland) und Clever Taxi (Rumänien) zum zentralen europäischen Anbieter für Ride-Hailing entwickelt. Dennoch blieb der Durchbruch aus. Die Konkurrenz durch Uber, Bolt und andere Anbieter setzte FreeNow unter Druck. Gleichzeitig erschwerten regulatorische Hürden in vielen europäischen Märkten den Ausbau des Geschäftsmodells.

Die wirtschaftliche Belastung durch die Corona-Pandemie verstärkte schließlich den Handlungsdruck. Statt weiter in ein risikobehaftetes Geschäft zu investieren, setzen BMW und Mercedes-Benz nun wieder verstärkt auf ihr Kerngeschäft mit Fahrzeugen.

Ein Zeichen für die Branche

Der geplante Verkauf von FreeNow sendet ein klares Signal: Die Mobilitätsplattformen, die einst als Zukunft des urbanen Verkehrs galten, sind für traditionelle Automobilkonzerne kein Selbstläufer. Die Hoffnung, durch digitale Geschäftsmodelle schnell neue Umsatzquellen zu erschließen, hat sich zumindest in diesem Fall nicht erfüllt.

Sollte der Verkauf an Lyft zustande kommen, würde ein weiterer amerikanischer Anbieter den europäischen Mobilitätsmarkt prägen. Welche langfristigen Auswirkungen das auf Taxiunternehmen und andere Fahrdienstleister hat, bleibt abzuwarten. Fest steht: Der Wettbewerb in der Branche bleibt hart – und traditionelle Taxiunternehmen werden sich weiterhin mit neuen Herausforderungen durch Plattformanbieter auseinandersetzen müssen.

Kann Lyft Taxi?

Freenow fokussierte sich zuletzt auf das Taxi und hatte sich Anfang dieses Jahres endgültig vom Mietwagengeschäft losgesagt. Gleichzeitig ging der Mobilitätsdienstleister erste Kooperationen mit Taxizentralen ein – Stuttgart machte hier den Anfang, weitere Zentralen haben sich mittlerweile ebenfalls zur Zusammenarbeit mit Freenow entschieden – oder sind kurz davor.

Was es bedeutet, wenn eine Uber-ähnlicher Dienstleister das Ruder bei Freenow übernimmt, ist noch nicht abzusehen. Der Taxi-Markt in Deutschland ist durch eine hohe Komplexität gekennzeichnet. Es ist zweifelhaft, dass ein amerikanischer Plattformbetreiber ein besonderes Interesse an den Belangen der Taxi-Unternehmer entwickeln wird. Im besten Fall lässt Lyft das bewährte Team um Alexander Mönch ungestört weiter zu der führenden deutschlandweit funktionierenden Taxi-App entwickeln, im schlechtesten Fall erleben wir die „UBERisierung“ der Mobilitätsplattform Freenow.

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