Test BYD Atto 3: Der Wolf im Schafspelz

Der BYD Atto 3 Evo sieht auf den ersten Blick aus wie sein Vorgänger, unterm Blech wurde aber fast alles angefasst. Statt kosmetischer Korrekturen gibt's jetzt eine 800-Volt-Architektur, eine größere 74,8-kWh-Blade-Batterie und bis zu 220 kW Ladeleistung.

Mit dem Facelift wurde der BYD Atto 3 zum Atto 3 - und damit sparsamer UND stärker. | Foto: G. Soller
Mit dem Facelift wurde der BYD Atto 3 zum Atto 3 - und damit sparsamer UND stärker. | Foto: G. Soller
(erschienen bei VISION mobility von Gregor Soller)

Der Atto 3 wurde mit 4,45 Metern Länge, 1,88 Metern Breite, 1,62 Metern Höhe und 2,72 Metern Radstand präzise zwischen VW ID.3 und ID.4 platziert und zitiert diese optisch dezent. Er wurde von BYD sozusagen als „Wolf“ in die Schafherde geschickt, konnte dort aber nach einigen Anfangserfolgen im Wortsinn bisher nicht allzu viel „reißen“.

Innen blieb es beim Fitnesstonstudio mit drei Gitarrensaiten

Dabei ging BYD mit ihm durchaus eigene Wege und mischte im Interieur ein Fitness- und ein Tonstudio mit hinein: Auf den Saiten der seitlichen Ablagefächer kann man diverse Lieder anspielen – mein gitarrespielender Sohn kritisierte lediglich, dass es nicht noch mehr Saiten gibt und man sie nirgendwo „festdrücken“ kann. Die Türöffner zitieren Gummis von Laufbändern. Alles ganz witzig gemacht. Aber wir sitzen ja in einem „Wolf“, und die sind grau in grau – in verschiedenen Schattierungen. So sparte BYD mit dem Facelift innen leider alle Farben und das Drehdisplay weg. Es blieb bei Grau und Schwarz mit gelben Akzentnähten. Man könnte auch Weiß haben … das wäre dann die Version „Polarwolf“.

Auch außen dominieren Grautöne, wenn man nicht „Iris Blue“ oder „Ruby Red“ ankreuzt. Wir würden aber exakt das elegante „Atlantis Blue“ wählen – ein wölfisches Graublau. Das wird allerdings von 18-Zoll-Alus konterkariert, die aussehen wie billige Baumarktradkappen! Das muss man erst einmal hinkriegen. Hilft aber beim Anschleichen an die Beute, weil: Sieht furchtbar brav und bieder aus!

Und man darf nicht vergessen, dass der Atto 3 schon seit 2022 herumstreunt. Bedientechnisch wirkt sich das im positivsten Sinne aus! Wir Europäer lieben es ja „altmodisch“, aber eben ergonomisch perfekt! Es gibt vier klassische Fensterhebertaster und eine ebenso klassische Außenspiegelverstellung.

Ordentlich Stauraum plus großer Frunk

Klar nimmt der Wolf im Schafspelz ein kleines Rudel von vier Reisenden auf und bietet ihnen genug Platz – auch für ihr Gepäck. Dank 95-Liter-Frunk und 490 Litern Kofferraum. Der ist leider nicht irgendwie clever aufgeteilt und auch die Rücksitzlehnen lassen sich nicht clever klappen, oder verschieben, aber man kann nicht alles haben. Dazu kommen 1.500 Kilogramm Anhängelast und Vehicle-to-Load mit 3 kW. Da machen wir jetzt einen Haken dran.

Wo wir keinen Haken dran machen, ist die neue 800-Volt-Plattform (eigentlich ist es streng genommen eine 500-Volt-Plattform) mit bis zu 220 kW Ladeleistung, die den Hub von 10 auf 80 % SoC in rund 25 Minuten ermöglichen soll.

Und ja, der „Wolf“ ist erheblich erstarkt – und das in jeder Hinsicht! Mit neuer 74,8-kWh-Blade-Batterie sowie bis zu 313 PS (nach altmodischer Währung) und 380 Nm schon in der Basis. Sie soll nach WLTP auf bis zu 510 Kilometer Reichweite kommen, was wir im Test (fast) schafften: Mit 19,36 kWh/100 km Bruttoverbrauch war der Atto 3 Evo noch halbwegs sparsam, denn die Autobahn war voll. Heißt: Längere Trödeletappen mussten wir immer wieder mit zügigen Abschnitten „kompensieren“, um auf unseren Testschnitt zu kommen.

200 km/h Topspeed, aber NULL Überholprestige

Was deshalb so einfach geht, weil schon die Basis um 80 kW von 150 auf 230 kW erstarkte und jetzt mehr Kilowatt als das Urmodell Pferdestärken auffährt. Und weil bis Tacho 205 km/h „offen“ sind. Obwohl der "Design" eigentlich bei 180 km/h abgeregelt sein sollte....Und das ist jetzt ganz anders: Wer im Sportmodus aufs Pedal drückt, lässt den atlantisblauen Wolf angreifen! Nur, dass das die vielen schlafenden Schafe auf der Autobahn nicht kümmert!

Straffes Fahrwerk, straffe Lenkung

Denn das Überholprestige des Atto 3 Evo tendiert gegen null! Immer wieder ziehen Trödler vor uns auf die ganz linke Spur und rauben uns Speed … Gut, dann schrumpfen die rund 500 auf eher 300 Kilometer Reichweite zusammen, aber die kann man eben ganz anders fahren als mit dem Vorgänger: Schon der „Design“ liefert satten Punch, beschleunigt in gut fünf Sekunden auf 100 km/h und kommt mit für chinesische Autos sehr knackigem Fahrwerk und angenehm handmomentiger Lenkung daher.

Nun ist „straff“ in dem Fall vielen vielleicht eine Idee zu straff. Das ist eine Kunst, die die Europäer einfach noch besser beherrschen. Denn seine Straffheit erkauft sich der Atto 3 Evo mit einer dezenten Rumpeligkeit etwas zu harter Dämpfer. Wobei dem Autor das lieber ist als dieses softe, dezente „Schwimmen“ chinesischer Marktbegleiter. Und nachdem Wölfe ja eher aus dem Wald heraus und nicht im Wasser jagen … Und ja, ab 180 km/h könnte er noch eine Idee souveräner liegen, aber auch das geht in Ordnung – so hat man wenigstens noch eine Idee vom Tempo, denn die Fahr- und Windgeräusche hat BYD angenehm weggedämpft.

Der „Excellence“ pirscht sich an den Porsche 959 ran

Die Excellence-Version mit Allrad, 449 PS und 560 Nm kann man bei Bedarf übrigens binnen 3,9 Sekunden auf 100 km/h schießen. Damit liegt sie übrigens ziemlich exakt auf dem Niveau des Porsche 959 …

Für den bekäme man dank der aktuell hohen Rabatte (BYD hat den Preis des Design von 44.990 auf wirklich günstige 28.990 Euro und den des Excellence von 50.990 auf 34.990 Euro gesenkt!!!) fast 67 unserer Testwagen oder 57 Atto 3 Evo Excellence, wenn wir den 959 einmal mit zwei Millionen Euro taxieren.

Über das Infotainment breiten wir den Mantel des Schweigens

Gibt es Kritik? Ja. Navigation und Infotainment können teils wirklich gar nichts, das DAB+-Radio verliert immer wieder die Sender, und der Innenraumgeruch nach scharfem, billigem Putzmittel stammt hoffentlich auch von einem solchen – den hatten wir im kleinen Dolphin Surf auch schon. Was für uns schwerer wiegt, ist die etwas seltsame ESP-Regelung: In zu schnell angegangenen Kurven lässt sie den Atto 3 erst einmal über die Vorderräder schieben, dann bremst sie ihn dort ein, bevor sie anschließend die Hinterräder zum „Eindrehen“ zusätzlich hinzuzieht. Hier sind viele andere souveräner.

Der Verbrauch: Von sehr günstig bis sehr durstig, je nach Autobahn

Beim Verbrauch kaum: Über fast 500 Kilometer mit einigen kurzen Autobahn-Topspeedetappen kamen wir mit Klimaanlage auf 15,73 kWh/100 km. Im Test mit höherem Autobahnanteil auf die erwähnten 19,36 kWh/100 km und auf einer Vollgasetappe bei freier Autobahn – nun ja – auf 29,69 kWh/100 km …

Womit wir beim Rechnen sind. Und auch da gibt es gegenüber der Vor-Facelift-Version von 2023 nur Positives zu berichten, denn: Die Leasingraten wurden bei unserem Anbieter sogar günstiger, ebenso lagen wir beim Verbrauch besser – nur die Versicherung und die Nebenkosten (Waschen, Saugen) stiegen. Weshalb der Evo nicht teurer kommt als sein Vorgänger.

Am Ende hat uns der Atto 3 positiv überrascht: Für keine 30.000 Euro bietet er exakt das, was man auch auf Langstreckentouren benötigt, die gern über 400 Kilometer lang ohne Ladestopp sein dürfen. Wölfe können zäh und ausdauernd sein!

Was bedeutet das?

Der BYD Atto 3 evo gewann mit dem Facelift erheblich an Qualitäten – schade eigentlich, dass man es ihm so gar nicht ansieht!

BYD Atto 3 evo Design in Daten und Zahlen:

Abmessungen:

LxBxH: 4.445 x 2.050 x 1.615 mm

Radstand: 2.750 mm

Kofferraumvolumen: 490 - 1.360 l + 95 l-Frunk

Synchronmotor mit Permanentmagnet hinten

Fahrwerk: McPherson-Vorderachse, Mehrlenker-Hinterachse, Schraubenfedern

Max. Leistung kW (PS): 230 (313)  

Max. Drehmoment (Nm): 380/ab 0 min.

Messwerte:

0-60/80/100 km/h: 3,4/4,5/5,8 sek.

50-80/80-120 km/h: 2,1/3,9 sek.

Geräusch 30/50/60/80/100/120 km/h: 49,4/51,2/52,7/55,3/57,7/59,6 dB(A)

Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h

Ladezeiten 74,8-kWh-Akku:

2,3 kW AC: ca. 32 h 40 min.

11 kW AC: ca. 8 h

220 kW DC 10-80%: ca. 25 min.

Leergewicht: 1.948 kg

Zuladung: 462 kg

Anhängelast ungebr./gebr.: 750/1.500 kg

Wendekreisdurchmesser: 10,8 m

Grundpreis BYD Atto 3 evo: (rabattiert) ab 28.990 Euro, regulär: 44.990 Euro brutto

Verbrauch:

Stadt:   15,56 kWh/100 km (5,1 g CO2/km)

Land:    14,24 kWh/100 km (4,7 g CO2/km)

BAB:     22,26 kWh/100 km (7,3 g CO2/km)

Gesamt: 19,36 kWh/100 km (6,4 g CO2/km)

Kosten/km: 0,57 Euro

Quelle: Test auf VM-Teststrecke, 159,0 km plus Handlingfahrten 

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