Zwischen Tradition und Plattform: Wie Japan mit Ride-Hailing die Mobilität neu organisiert – und was Uber damit zu tun hat
Besonders in Regionen mit schrumpfender Bevölkerung und abnehmender Taxi-Infrastruktur setzt die Regierung zunehmend auf Ride-Hailing – also auf eine Form des Personentransports, bei dem private Fahrer per App gebucht werden. Uber nutzt die Gelegenheit und startet in Tokyo einen neuen Testlauf. Doch der japanische Sonderweg verlangt Anpassung.
Regulierte Flexibilität
Hintergrund für die neuen Angebote ist eine Gesetzesreform, mit der das japanische Verkehrsministerium im April 2024 das jahrzehntelange Verbot privater Mitfahrangebote gelockert hat. Seither dürfen Fahrer mit normalem Führerschein zu festgelegten Zeiten – etwa freitags und samstags nachts – gegen Bezahlung Fahrten übernehmen, solange ein lokales Taxiunternehmen als Betreiber fungiert. Diese Regelung gilt vor allem in ländlichen Gegenden, wo der öffentliche Verkehr oft nur sporadisch funktioniert.
Die ersten Rückmeldungen sind positiv. Inzwischen sind Ride-Hailing-Angebote in allen 47 Präfekturen Japans verfügbar. Die Regierung plant, die Obergrenze für die Zahl der eingesetzten Privatfahrzeuge auf bis zu zehn Prozent der jeweiligen Taxi-Flotte pro Gebiet zu erhöhen. Auch die zeitlichen Beschränkungen könnten weiter gelockert werden.
Uber tastet sich vor
In Zusammenarbeit mit dem Carsharing-Anbieter Park24 und dem Taxiunternehmen Royal Limousine testet Uber derzeit einen Ride-Hailing-Dienst in Tokyo. Bis Ende November soll die Pilotphase laufen. Anders als in westlichen Märkten agiert Uber in Japan nicht mit eigenständig operierenden Fahrern, sondern ausschließlich über lizenzierte Taxiunternehmen. Grund dafür ist die gesetzliche Regelung, wonach Fahrer auch bei Ride-Hailing-Diensten formell bei einem Taxiunternehmen angestellt sein müssen.
Park24 stellt die Fahrzeuge, die Fahrer mieten sie stundenweise – ab umgerechnet rund 5,50 Euro pro Stunde. Uber liefert die technische Plattform. Die Partnerschaft mit Royal Limousine sichert die rechtliche Konformität. Erst nach Abschluss der Testphase will Uber entscheiden, ob der Dienst auf andere Städte ausgeweitet wird.
Plattform mit japanischem Gesicht
Anders als in vielen westlichen Märkten ist Ride-Hailing in Japan eng an das klassische Taxi-Gewerbe gekoppelt. Die staatlichen Vorgaben sehen vor, dass Plattformdienste wie Uber nicht autonom operieren, sondern ihre Fahrer in etablierte Strukturen einbinden. Das Ziel ist klar: Qualität und Sicherheit sollen erhalten, aber neue Flexibilität ermöglicht werden.
Das Modell trifft auf offene Ohren – nicht nur in der Hauptstadt. In Städten wie Kiryu oder Obanazawa reagierten die Kommunen auf schrumpfende Taxiflotten mit eigenen Plattformangeboten. Buchung und Abrechnung laufen über populäre Dienste wie die Messaging-App Line. Besonders das Nachtleben profitiert von den neuen Angeboten, die dort einspringen, wo Busse und Bahnen längst nicht mehr fahren.
In Obanazawa engagieren sich etwa Wassermelonenbauern im Ruhestand als Fahrer für Touristen, die zu den Thermalquellen wollen. Und in Osaka, wo 2025 die Weltausstellung stattfindet, soll ein rund um die Uhr verfügbarer Ride-Hailing-Dienst helfen, Besucherströme zu kanalisieren und das städtische Verkehrsnetz zu entlasten.
Mehr als ein Versuch
Dass der japanische Staat nun auch Bahn- und Busunternehmen ermöglichen will, eigene Ride-Hailing-Dienste aufzubauen, zeigt den strategischen Charakter der Maßnahme. Ziel ist es, den Personenverkehr auch jenseits der urbanen Zentren zu sichern. Angesichts des demografischen Wandels und wachsender Versorgungslücken in der Fläche ist das eine pragmatische Antwort auf die Frage, wie Mobilität im 21. Jahrhundert organisiert werden kann.
Uber-CEO Dara Khosrowshahi wirbt indes weiter für ein Modell mit selbstständigen Fahrern, wie es in den USA üblich ist. Doch in Japan dominiert ein anderes Verständnis von öffentlicher Verantwortung im Nahverkehr. Ob und wie sich Uber dauerhaft in diese Struktur einfügt, bleibt abzuwarten.
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