taxi-heute Test Volvo EX90: Das wahre Weltauto

Mutter aus China, gestaltet in Schweden, made in USA – der Volvo EX90 startet als wahres Weltauto mit skandinavischem Charakter und unerwarteter Leichtigkeit.

Zeitlos: Der EX90 wirkt dezent moderner als der XC90, dürfte aber wie dieser nur langsam "altern". | Foto: G. Soller
Zeitlos: Der EX90 wirkt dezent moderner als der XC90, dürfte aber wie dieser nur langsam "altern". | Foto: G. Soller
(erschienen bei VISION mobility von Gregor Soller)

Als wir den EX90 zum allerersten Mal sahen, empfanden wir den Schritt vom XC90 als eher klein, vor allem im Vergleich zu der kantigen van-artigen EX-Studie, die Volvo im Vorfeld gezeigt hat. Mittlerweile haben wir uns auf den EX90 „eingeschaut“ und er ist deutlich moderner als der XC90, aber nicht hektisch übermodern. Denn grundsätzlich halten Volvo-Designs eher zehn Jahre plus und nicht minus x.

Das Bedienkonzept orientiert sich am EX30

Futuristisch ist er allenfalls innen, wo die Schweden fast alle Taster und Schalter hinweggestaltet haben und sogar Basics wie das Licht oder das Handschuhfach auf den großen Zentralscreen gelegt haben – und damit ein bisschen (zu) weit von ihrer Winterhandschuhblindbedienmentalität abgerückt sind. Denn eine einfache Bedienung gehörte neben der scheinbaren Widersprüchlichkeit der coolen und doch warmen skandinavischen Einrichtung seit jeher zu den USPs von Volvo.

Letztere pflegt man wie nie zuvor: Der Testwagen kam mit hellem Holz, dessen Maserung so markant war, dass designaffine Fahrgäste ständig mit den Fingern über die Einleger streichelten, nachdem sie ich auf den volvotypisch wollgemischten komfortablen Sitzen niedergelassen haben, die ihre 1.200 Euro extra unserer Meinung nach ebenso wert sind wie das gut 3.000 Euro teure Wilkins & Bowers-Soundsystem, das glasklaren Sound spielt. Platz genug gibt es auch in Reihe zwei, deren Lehnen sich in der Neigung verstellen lassen. Etwas weniger davon in Reihe drei, hinter der immer noch ein veritabler Kofferraum samt tiefem Unterfach verbleibt. Sollen im Fond fünf Passagiere mitreisen, kann man Reihe zwei auch etwas nach vorn fahren. Wenn dann noch die ganz vorn Sitzenden ein bisschen nach vorn gehen und die Beifahrenden vielleicht die „Fußgarage“ nutzen, dann können im fast 1,75 Meter hohen EX90 auch mal sieben 1,75 Meter große Reisende auf längere Tour gehen.

Schade nur, dass auch die neueste Google-Infotainment-Version nicht zu den Verständigsten gehört: Unsere extra schwierigen Einsprecher wie die französische genannte „Destouchesstraße“ in München findet der EX90 ebenso wenig wie „Eighties-Eighties“-Radio. Da sind andere Anbieter verständiger. Gleiches gilt für die Verkehrszeichenerkennung, an der man sich besser nicht orientieren sollte.

Feinnervige Fahrassistenz, lange Rolletappen

Die Fahrassistenz bietet dagegen ein durchwachsenes Bild: Die Lenkeingriffe erfolgen so dezent, das man sie kaum mitbekommt, ebenso wie der Abstandstempomat den EX90 eben sehr feinsinnig „auf Distanz“ hält. Tauchen vor dem großen Schweden noch einigermaßen gut zu umlenkende Hindernisse oder einscherende Autos auf, die sich aber entfernen, bleibt er cool und warnt nicht – warum auch? Schade nur, dass die Fahrassistenz nicht ständig die Karte hinterlegt hat, die den Schweden die Testroute intuitiv abfahren lässt: Hier muss man immer wieder beibremsen, um nicht zu schnell an Kreuzungen, Abbieger oder in Tempolimits zu rollen.

Denn das kann der EX90 extrem gut: Wenn man das Fahrpedal lupft, hat man das Gefühl, dass er ewig weiterrollt, was perfekt zum strammen, aber nicht unkomfortablen Fahrwerk passt. Interessant: Zusammen mit der straffen Lenkung fühlt sich der 2,8-Tonner fast eine Tonne leichter an!

Der EX90 gehört zu den leisten Autos die wir je gemessen haben

Dazu kommen kaum wahrnehmbare Fahrgeräusche, was den EX90 zum sehr angenehmen aber trotzdem verbindlichen Begleiter macht. Die sitze massieren fein, die Klimatisierung lässt sich gut dosieren und mit der Zeit findet man sich auch auf dem Screen zurecht, wenngleich hier trotzdem mehr (Schalter und Taster) eben auch mehr wäre.

Die Fahrleistungen sind stark, der Verbrauch geht noch in Ordnung

Die Fahrleistungen der Allrad-Topversion sind über jeden Zweifel erhaben: Bei Bedarf kann man den Riesen in rund fünf Sekunden auf 100 km/h wuchten und auch Überholvorgänge und Zwischenspurts sind kein Problem. Und selbst wenn man davon ab und an Gebrauch macht, bleibt der Verbrauch noch im Rahmen: Auf der Testrunde kamen wir im Sommer bei feinen 21 Grad auf 23,68 kWh/100 km, was nicht wirklich sparsam, aber auch nicht unverschämt durstig ist – und relativ gesehen besser ist als beim EX30. Damit kommt man echte 451 Kilometer weit, womit auch lange Distanzen mit einem bis zwei Ladestopps durchgezogen werden können. Die maximale Ladeleistung liegt derzeit bei ordentlichen 250 kW. Doch in Zeiten, in den Xiaomi in China beim YU7 deren 528 kW auffährt, wird Volvo hier bald nachlegen und auf die 800-Volt-Basis des ES90 umstellen. Dann klappt der Hub von 10 bis 80% auch in unter 30 Minuten, wobei man hier bedenken muss, dass Volvo mit 107 kWh Nettokapazität „ordentlich eingeschenkt“ hat.  

In der Stadt bekamen wir den EX90 trotz seines Gewichtes sogar unter 20 kWh/100 km, auf der Autobahn geht es dann naturgemäß schnell dahin: Denn der mit Spiegeln 2,11 Meter breite und fast 1,75 Meter hohe EX90 schiebt ziemlich viel Stirnfläche durch den Wind. Wer das Potenzial des EX90 nutzt, wird in der Regel eher nördlich der 25 kWh/100 km landen.

Der EX90 spielt preislich klar in der Premium-Liga

Womit wir beim Rechnen sind und da wird schnell klar, dass der EX90 hier in der Premium-League mitspielt, denn trotz eines gar nicht so viel höheren Preises wie beim XC90 T8 fallen die Leasingraten bei unserem Anbieter merklich höher aus und auch die Versicherung fordert einen kleinen Aufschlag. Trotzdem blieb er noch günstiger als der sparsamere Mercedes-Benz EQE SUV 350+, den wir 2023 testeten und der wie der EX90 ebenfalls „made in USA“ ist.

Am Ende ist klar: Auch wenn der optische Schritt zum rein schwedischen XC90 vielleicht nicht so groß ist wie gedacht, technisch tat er einen großen Schritt: Er fährt sich viel leichtfüßiger und souveräner und wirkt im Detail dann doch deutlich moderner – wenngleich das in Sachen Bedienung im Detail leider auch ein paar Rückschritte bedeutet. Das mit dem „Weltbürgertum“ samt der unterschiedlichsten Vorlieben hat Volvo aber gut hinbekommen. Und bleib sich trotzdem treu: Der EX90 gibt die dezent-elegante, aber durchaus kräftige elektrische SUV-Alternative im Premiumsegment.

Was uns beim EX90 immer wieder überrascht, ist seine Leichtfüßigkeit. Dass er Sicherheit und Souveränität kann, war klar und wenn man auf die Straßen schaut und sieht, wie sich erste EX unter die XC90 mischen, dürfte Volvos Strategie aufgegangen sein. Dass er den Vorgänger nicht komplett ablöst wie einst geplant, liegt vor allem an den politischen Zaudereien dies- und jenseits des Atlantiks. Fakt ist: Der EX90 gibt als Weltenbürger ein stimmiges Markentopmodell.

 

Volvo EX90 in Daten und Zahlen:

Abmessungen:

LxBxH: 5.037 x 2.113 (m. Spieg.) x 1.744 mm

Radstand: 2.985 mm

Kofferraumvolumen: 324/697 - 2.135 l + 37-l-Frunk

Fahrwerk: McPherson-Vorderachse, Mehrlenker-Hinterachse, Luftfederung

Max. Leistung kW (PS) vorn: 180 kW (245 PS) b. 4.200 - 6.000/min

Max. Leistung kW (PS) hinten: 200 kW (245 PS) b. 3.900 - 5.500/min

Max. Drehmoment (Nm) vorn: 420 b. 0 - 4200/min.

Max. Drehmoment (Nm) hinten: 490 b. 0 – 3.900/min.

Messwerte:

0-60/80/100 km/h: 3,6/4,0/5,2 sek.

50-80/80-120 km/h (Kickdown Sportmodus): 2,6/4,3 s

Höchstgeschwindigkeit: 180 km/h

Geräusch 30/50/60/80/100/120 km/h: 46,5/49,6/51,8/53,4/55,1/56,1 dB(A)

Verbräuche:

City: 19,40 kWh/100 km (10,2 g CO2)

Land: 20,24 kWh/100 km (10,7 g CO2)

BAB: 26,05 kWh/100 km (13,7 g CO2)

Gesamt: 23,68 kWh/100 km (12,5 g CO2)

Kosten/km: 0,83 Euro

Ladezeiten 107-kWh-Akku:

2,3 kW AC: ca. 46 h 30 min.

11 kW AC: ca. 10 h

150 kW DC (10-80% SOC): ca. 35 min.

250 kW DC (10-80% SOC): ca. 30 min.

Leergewicht: 2.853 kg

Anhängelast ungebr./gebr.: 750/2.200 kg

Grundpreis Volvo EX 90 Twin Motor Performance AWD Ultra brutto: ab 107.400,- Euro (90.252,10 Euro netto)

 

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