NeMo.bil: Paderborn denkt autonome Mobilität neu

Die Verein Neue Mobilität Paderborn e. V.  rief NeMo.bil ins Leben - vom Paderborner Reallabor zu einer skalierbaren Mobilitätslösung im ländlichen Raum.

Kleine "Gefäßeinheiten" statt großer: Auf dem Land ist 24/7 verfügbarer Individualverkehr immer beliebter als das Warten auf Busse. | Foto: NeMo.bil
Kleine "Gefäßeinheiten" statt großer: Auf dem Land ist 24/7 verfügbarer Individualverkehr immer beliebter als das Warten auf Busse. | Foto: NeMo.bil
(erschienen bei VISION mobility von Gregor Soller)

Die Mobilitätswende entscheidet sich nicht allein in Metropolen. Während urbane Räume zunehmend multimodal organisiert sind, bleibt das eigene Auto im ländlichen Raum häufig alternativlos. Dünne Taktungen und starre Linienverkehre bestimmen vielerorts das Bild im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Genau hier setzt ein Projekt an, das der Neue Mobilität Paderborn e. V. initiiert hat: NeMo.bil ist ein integriertes, elektrisches und perspektivisch automatisiertes Mobilitätssystem, das von Beginn an auf Übertragbarkeit ausgelegt ist.

CO₂-Einsparung: Der systemische Hebel

Das Mobilitätskonzept von NeMo.bil basiert auf einem neuartigen Fahrzeug-Ansatz: Leichte, autonome und digital vernetzte Fahrzeuge – die sogenannten NeMo.Cabs – starten individuell und koppeln sich für längere Strecken an ein Zugfahrzeug, den NeMo.Pro. Dieser Konvoi kann größere Distanzen besonders energieeffizient zurücklegen, bevor sich die Fahrzeuge in der Zielregion wieder trennen und ihre jeweiligen Zielpunkte individuell anfahren.

Die CO₂-Einsparung ergibt sich dabei zunächst aus technischen Faktoren. Elektrifizierte Antriebe vermeiden lokale Emissionen, während Leichtbau und aerodynamische Vorteile im Konvoi den Energieverbrauch zusätzlich reduzieren. Gerade die Verringerung des Luftwiderstands im Verbundbetrieb stellt einen wesentlichen Effizienzgewinn dar.

Der eigentliche Hebel liegt jedoch im Systemansatz. CO₂-Reduktionen entstehen vor allem durch die Kombination aus der Substitution privater Pkw-Fahrten, einer höheren Fahrzeug-Auslastung durch Ridepooling und der Integration erneuerbarer Energien. Im ländlichen Raum liegt die durchschnittliche Pkw-Besetzung häufig bei deutlich unter zwei Personen. Ein digital gesteuertes Pooling-System kann diese Auslastung signifikant steigern und so die Anzahl der benötigten Fahrzeuge reduzieren.

Paderborn schafft eine Ökostromproduktion von 217 Prozent des Eigenbedarfs!

Wird das System zusätzlich mit lokal erzeugtem Strom – etwa aus Photovoltaik oder Windkraft – betrieben, entsteht ein regionaler Energie-Kreislauf mit positiver Klimabilanz. Die Windkraftregion Paderborn schafft mit einer Ökostromproduktion von 217 Prozent des Eigenbedarfs die ideale Grundlage für ein emissionsfreies Mobilitätssystem. Modellierungen von NeMo.bil zeigen, dass unter realistischen Annahmen erhebliche CO₂-Einsparungen möglich sind - insbesondere dann, wenn ein relevanter Anteil des heutigen Individualverkehrs tatsächlich ersetzt wird. Genau darin liegt der entscheidende Unterschied zu additiven Mobilitätsangeboten: Es geht nicht um Ergänzung, sondern um strukturelle Veränderung.

Akzeptanz: Warum Menschen umsteigen

Die technische Machbarkeit allein entscheidet nicht über den Erfolg eines neuen Mobilitätssystems. Zentral ist vielmehr die Frage der Akzeptanz. Mobilitätssoziologische Untersuchungen zu mobilitätsbezogenen Entscheidungen unter anderem von Prof. Johannes Weyer (TU Dortmund, Seniorprofessur Nachhaltige Mobilität) zeigen: Die Nutzung neuer Angebote ist typbedingt und hängt von verschiedenen Faktoren ab. So ergab sich in Befragungen, dass der wahrgenommene Nutzen autonomer Shuttlebusse zwischen dem von privaten Pkw und dem ÖPNV angesiedelt ist. Personen nehmen Shuttlebusse hierbei insbesondere als umweltfreundlich, komfortabel und zuverlässig wahr, während die wahrgenommene Sicherheit etwas schlechter bewertet wird.

Dies spiegelt sich auch bei der Untersuchung verschiedener Mobilitätstypen wider: Besonders Auto-affine Gruppen (komfortorientierte Pkw-Nutzende, pragmatische Pendelnde) würden wahrscheinlich nicht ohne Weiteres auf autonome Angebote umsteigen, während sich bei umwelt- und kostenbewussten Gruppen eine potenziell höhere Wechselbereitschaft erkennen lässt.

On-Demand-Ansatz für eine Verfügbarkeit wie beim eigenen Pkw

Gerade im ländlichen Raum ist Mobilität eng mit individueller Autonomie verbunden. Wenn bestehende Angebote wie Linien- oder Rufbusse nur eingeschränkt verfügbar sind, bleibt das eigene Auto die verlässlichste Option. Ein Umstieg erfolgt nur dann, wenn ein alternatives System im Alltag tatsächlich mithalten und die individuellen Mobilitätsbedürfnisse befriedigen kann.

Hier setzt der On-Demand-Ansatz von NeMo.bil an. Durch digitale Buchung, flexible Routenführung und eine Wohnort-nahe Bedienung entsteht ein deutlich höheres Maß an Anpassungsfähigkeit. Kürzere Wartezeiten und eine bessere Planbarkeit erhöhen die Alltagstauglichkeit. Empirische Erkenntnisse aus vergleichbaren Projekten zeigen, dass unter solchen Bedingungen die Bereitschaft zur Nutzung deutlich steigt.

Darüber hinaus spielt der Aspekt der sozialen Teilhabe eine wichtige Rolle. Für ältere Menschen, Jugendliche oder Haushalte ohne eigenes Fahrzeug eröffnet ein flexibles Mobilitätssystem neue Möglichkeiten der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Akzeptanz ist damit nicht nur eine Frage der Technologie, sondern auch der wahrgenommenen Lebensqualität.

Serie: Zwischen Demonstrator und Marktreife

Die Frage nach der Serienumsetzung verlangt eine realistische Einordnung. NeMo.bil ist als Reallabor konzipiert, in dem Tests zu Technologien, Betriebsmodellen und Nutzerverhalten unter realen Bedingungen erfolgen. Ziel ist die Entwicklung belastbarer Grundlagen für eine spätere Skalierung - nicht die unmittelbare Serienproduktion.

Ein wichtiger Schritt in Richtung Marktreife ist bereits erreicht. Das Projekt hat Genehmigungsprozesse sowohl für das manuelle als auch für das automatisierte Fahren im öffentlichen Straßenraum erfolgreich durchlaufen. Sie stellen eine zentrale Voraussetzung für den späteren Regelbetrieb dar und zeigen, dass die entwickelten Konzepte nicht nur theoretisch, sondern auch regulatorisch umsetzbar sind.

Gleichzeitig ist die Entwicklung in Deutschland insgesamt in Bewegung. Zahlreiche Initiativen arbeiten an automatisierten Shuttle-Systemen, elektrischen Flottenlösungen und digitalen Plattformen. Erste seriennahe Fahrzeug-Konzepte sind angekündigt, ebenso Pilotbetriebe mit zunehmender Automatisierung.

NeMo.bil versteht sich als Teil eines größeren Transformationsprozesses. Die im Projekt entwickelten Lösungen – von der Fahrzeug-Architektur über digitale Schnittstellen bis hin zu Betriebs- und Energiekonzepten – sind bewusst so gestaltet, dass sie übertragbar sind. Serienumsetzung bedeutet daher vor allem die Standardisierung und Integration dieser Bausteine in unterschiedliche regionale Kontexte.

Eine zentrale Rolle spielt dabei der Neue Mobilität Paderborn e. V. Als Plattform für Vernetzung und Transfer bündelt er die im Projekt gewonnenen Erkenntnisse und treibt deren Überführung in konkrete Anwendungsfälle voran. Insbesondere bei der Skalierung und Umsetzung in weitere Regionen übernimmt der Verein eine wichtige Funktion: Er verknüpft Akteure aus Forschung, Wirtschaft, Kommunen und Politik und schafft so die Voraussetzungen, um aus dem Reallabor ein tragfähiges Mobilitätsmodell zu machen.

Modellregionen: Die Skalierbarkeit als Ziel

Die Herausforderungen des ländlichen Raums sind in vielen Regionen Deutschlands vergleichbar: geringe Siedlungsdichte, hohe Pkw-Abhängigkeit und wirtschaftlich schwierige Betriebsbedingungen im klassischen ÖPNV. Genau deshalb ist die Übertragbarkeit des NeMo.bil-Ansatzes ein zentrales Ziel. Erkenntnisse aus dem Paderborner Projekt könnten bundesweit wegweisend werden.

Perspektivisch sind weitere Modellregionen denkbar - insbesondere dort, wo sich Mobilitätslösungen mit regionaler Energieerzeugung verknüpfen lassen. Voraussetzung für eine erfolgreiche Skalierung sind jedoch geeignete Rahmenbedingungen. Dazu zählen politische Unterstützung, regulatorische Klarheit insbesondere im Bereich automatisierter Fahrfunktionen, Investitionssicherheit sowie die Integration in bestehende ÖPNV-Strukturen.

Der Neue Mobilität Paderborn e. V. kann auch hier eine wichtige Rolle einnehmen, indem er als Plattform für Wissenstransfer und Kooperation dient sowie die Vernetzung zwischen bestehenden und zukünftigen Modellregionen unterstützt.

Um Wegbereiter der Mobilitätswende zu werden, braucht es Gesamtsysteme

Die Mobilitätswende im ländlichen Raum erfordert mehr als einzelne technologische Innovationen. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Elektromobilität, Digitalisierung, Energieintegration und gesellschaftlicher Akzeptanz. Das Projekt NeMo.bil zeigt, dass ein solcher systemischer Ansatz realisierbar ist.

Die eigentliche Innovation liegt nicht im einzelnen Fahrzeug, sondern im integrierten Gesamtsystem. Ob daraus eine breite Anwendung entsteht, hängt vom Zusammenspiel vieler Akteure ab – von Industrie und Kommunen bis hin zu Regulierung und Politik. Reallabore wie NeMo.bil leisten dabei einen entscheidenden Beitrag: Sie schaffen die Basis, auf der aus Visionen konkrete und skalierbare Lösungen entstehen können.

 

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