Mehr Fahrgäste, mehr Umsatz: Flexible Taxipreise bewähren sich in Hamburg
Flexible Festpreise und variable Tarifkorridore haben im Hamburger Taxigewerbe zu steigenden Fahrtenzahlen und höheren Umsätzen geführt. Das geht aus einer wissenschaftlichen Evaluation des Hamburger Modellversuchs hervor. Besonders die Möglichkeit, Taxifahrten günstiger als zum regulären Festpreis anzubieten, wirkte sich positiv auf die Nachfrage aus. Nach Angaben des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung könnte eine dauerhafte Einführung flexibler Preiskorridore den jährlichen Umsatz der Hamburger Taxiunternehmen gegenüber der bisherigen Taxameterabrechnung um 46 Millionen Euro erhöhen. Die Ergebnisse sollen in die Diskussion über die Neuregelung der Hamburger Taxenordnung zum 1. Februar 2027 einfließen.
5,5 Millionen Fahrtdatensätze ausgewertet
Für die Untersuchung werteten das Statistikamt Nord, das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung sowie die Vermittlungsplattformen Freenow by Lyft, Uber und Bolt insgesamt 5,5 Millionen Datensätze aus Einzelfahrten aus. Die Stadt Hamburg hatte die Daten seit Februar 2024 erfasst. Die Ergebnisse stellte Hamburgs Verkehrssenator Anjes Tjarks gemeinsam mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung vor.
Im Mittelpunkt der Untersuchung stand die Frage, wie sich unterschiedliche Tarifmodelle auf die Nachfrage nach Taxifahrten und die Umsätze der Unternehmen auswirken. Verglichen wurden die bisherige Abrechnung über Taxameter, verbindliche Festpreise und Festpreise mit variablen Preiskorridoren.
Hamburg hatte im Februar 2025 zunächst einen verbindlichen Festpreis für Taxifahrten eingeführt, die über Vermittlungsplattformen gebucht werden. Die Festpreisabrechnung wurde als Alternative zur bisherigen Berechnung über das Taxameter angeboten. Ab Oktober 2025 erweiterte die Stadt den Modellversuch um einen variablen Preiskorridor. Die beteiligten Vermittlungsplattformen durften zunächst für vier Monate Aufschläge von bis zu 20 Prozent auf den festgelegten Fahrpreis erheben. Von Mitte März bis Mitte Juni 2026 konnten die Anbieter zusätzlich Preisnachlässe von bis zu 20 Prozent gewähren.
Festpreise erhöhen Fahrtenzahlen und Umsätze
Bereits die Einführung des verbindlichen Festpreises führte nach Angaben des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung zu einer höheren Nachfrage. Gegenüber der vorherigen Taxameterabrechnung stieg die Zahl der Fahrten um fünf Prozent. Gleichzeitig erhöhten sich die Umsätze der Taxiunternehmen um neun Prozent.
Mit der anschließenden Einführung des zunächst ausschließlich nach oben geöffneten Preiskorridors verstärkte sich diese Entwicklung. Die Zahl der Fahrten lag in dieser Phase um 14 Prozent über dem Vergleichswert der Taxameterabrechnung. Die Umsätze stiegen um 19 Prozent. Allerdings nutzten die beteiligten Plattformen die Möglichkeit, höhere Preise zu verlangen, nach Angaben von Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung nur vergleichsweise selten.
Deutlich häufiger kamen Preisnachlässe zum Einsatz, nachdem Hamburg den Tarifkorridor auch nach unten geöffnet hatte. In 80 Prozent der Fälle wurde die Möglichkeit genutzt, günstigere Fahrten anzubieten. Gleichzeitig lag die Zahl der vermittelten Taxifahrten um 24 Prozent über dem Vergleichswert der Taxameterabrechnung.
Nach Angaben von Alexander Mönch, Präsident von Freenow by Lyft, profitierten Fahrgäste bei einer Buchung über die App von durchschnittlich rund zehn Prozent niedrigeren Preisen gegenüber der Taxameterabrechnung. Zudem stehe der verbindliche Fahrpreis bereits vor dem Einsteigen fest.
Auch für die Taxiunternehmen habe sich insbesondere die Möglichkeit von Preisnachlässen ausgezahlt. „Weniger zahlen, mehr fahren: Genau das Modell, in dem Preise sinken durften, hat dem Taxigewerbe am meisten gebracht, nämlich rund 14 Prozent mehr Umsatz je Taxi und Tag gegenüber dem heutigen Festpreis“, erklärt Mönch.
Jährliches Umsatzpotenzial von bis zu 46 Millionen Euro
Die wissenschaftliche Evaluation beziffert auch die möglichen wirtschaftlichen Auswirkungen einer dauerhaften Einführung flexibler Tarifkorridore. Nach den Berechnungen könnte der jährliche Umsatz des Hamburger Taxigewerbes durch die Preiskorridore um 32,5 Millionen Euro gegenüber einem Tarifmodell mit nicht anpassbaren Festpreisen steigen. Im Vergleich zur bisherigen Taxameterabrechnung ergibt sich laut Untersuchung sogar ein mögliches jährliches Umsatzplus von 46 Millionen Euro.
Freenow by Lyft kommt bei der Hochrechnung für den beidseitigen Tarifkorridor auf ein zusätzliches jährliches Umsatzpotenzial von rund 20 bis gut 30 Millionen Euro für das Hamburger Taxigewerbe. Die unterschiedlichen Beträge beziehen sich auf die jeweiligen Vergleichsmodelle und Berechnungen.
Die Ergebnisse deuten nach Einschätzung des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung darauf hin, dass eine flexible Tarifgestaltung wirtschaftliche Vorteile gegenüber der ausschließlichen Taxameterabrechnung bieten kann. Demnach führen weder das Warten an Taxistandplätzen noch die ausschließliche Abrechnung nach Taxameter trotz gestiegener Fahrpreise zu entsprechenden Umsatzsteigerungen.
Hintergrund sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Hamburger Taxigewerbes. In den vergangenen Jahren waren die Taxitarife aufgrund steigender Kosten und rückläufiger Fahrtenzahlen deutlich angehoben worden.
Mehr besetzte Kilometer und zusätzliche Nachfrage
Neben den Umsatzsteigerungen verweist Freenow by Lyft auf eine verbesserte Fahrzeugauslastung. Nach Angaben von Mönch hätten die zusätzlichen Fahrten nicht zu einer entsprechenden Zunahme der insgesamt zurückgelegten Kilometer geführt. Vielmehr seien die besetzten Kilometer doppelt so stark gestiegen wie die insgesamt gefahrenen Kilometer.
„Für die Fahrerinnen und Fahrer zählt jede besetzte Fahrt. Mit dem Korridor bringt sie mehr: mehr Fahrten pro Stunde, mehr Umsatz pro Stunde und weniger Kilometer ohne Fahrgast. Weniger Leerlauf, mehr Umsatz – so muss es sein“, sagt Mönch.
Der Plattformbetreiber sieht darin einen Hinweis auf eine effizientere Nutzung der vorhandenen Taxiflotte. Die Fahrzeuge seien häufiger mit Fahrgästen unterwegs, während sich der Anteil unbesetzter Fahrten verringere. Zudem führt Mönch einen wesentlichen Teil des zusätzlichen Fahrtaufkommens auf neu entstandene Nachfrage zurück. „Zwei Drittel der zusätzlichen Fahrten sind echte neue Nachfrage. Das Taxi gewinnt dazu, statt nur umzuverteilen. Das freut uns als Ur-Hamburger Unternehmen ganz besonders.“
Die von Freenow genannten Werte zur zusätzlichen Nachfrage und zur Entwicklung der besetzten Kilometer ergänzen die Ergebnisse der wissenschaftlichen Evaluation. Aus der ursprünglichen Darstellung der Studie geht allerdings nicht hervor, nach welcher Methodik diese Kennzahlen ermittelt wurden.
Vermittlungsplattformen unterstützen flexible Tarife
Die an der Untersuchung beteiligten Vermittlungsplattformen Freenow by Lyft, Uber und Bolt bewerten die Ergebnisse positiv. Sie sprechen sich dafür aus, flexible Taxipreise dauerhaft zu ermöglichen.
Aus Sicht von Uber Deutschland können im Voraus bekannte Fahrpreise und günstigere Angebote bei niedriger Nachfrage zusätzliche Fahrgäste für das Taxi gewinnen.
Freenow by Lyft verweist insbesondere auf die wirtschaftlichen Vorteile für Taxiunternehmen. Mehr besetzte Fahrten pro Stunde könnten die Umsätze je Betriebsstunde erhöhen und zugleich die Zahl der ohne Fahrgäste zurückgelegten Kilometer reduzieren.
Bolt sieht in einer flexibleren Tarifgestaltung ebenfalls Möglichkeiten, das wirtschaftliche Potenzial bestehender Taxibetriebe besser auszuschöpfen.
Eine Besonderheit des Hamburger Marktes besteht darin, dass die großen Plattformanbieter dort überwiegend als Vermittler regulärer Taxifahrten auftreten. Anders als in mehreren anderen deutschen Städten vermitteln sie in Hamburg nicht hauptsächlich Fahrten mit Mietwagen und Fahrern.
Kleinteilige Betriebsstruktur erschwert Umstellung
Die Einführung flexibler Tarifmodelle betrifft in Hamburg eine überwiegend kleinteilig organisierte Branche. Nach Angaben der Verkehrsbehörde sind in der Hansestadt rund 2.700 Taxis zugelassen, die sich auf etwa 1.700 Unternehmen verteilen. Davon sind rund 1.500 Betriebe Ein-Wagen-Unternehmen. Für kleinere Taxiunternehmen können die erforderliche Digitalisierung und die Umsetzung flexibler Preisgestaltung besondere Herausforderungen darstellen.
Nicht alle Marktteilnehmer unterstützen deshalb das neue Tarifmodell. Die Hamburger Taxivermittlungszentrale Hansataxi hatte bereits auf eine Teilnahme am Versuch mit variablen Preiskorridoren verzichtet. Als Begründung verwies das Unternehmen auf die Präferenz seiner Kunden für verlässliche Fahrpreise ohne tagesabhängige Schwankungen. Insbesondere Preisänderungen aufgrund äußerer Faktoren wie der Wetterlage sieht die Vermittlungszentrale kritisch.
Damit bestehen innerhalb des Hamburger Taxigewerbes unterschiedliche Positionen zur künftigen Tarifgestaltung. Während die beteiligten Plattformen auf die wirtschaftlichen Möglichkeiten flexibler Preise verweisen, setzt Hansataxi auf Preisstabilität.
Neue Hamburger Taxenordnung ab Februar 2027
Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Evaluation sollen nun als Grundlage für weitere Gespräche zwischen der Hamburger Verkehrsbehörde und dem Taxigewerbe dienen.
Verkehrssenator Anjes Tjarks sieht nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur in der Untersuchung eine Grundlage dafür, Taxipreise künftig flexibler und zugleich nachvollziehbar zu gestalten. Über die konkrete Ausgestaltung soll mit der Branche beraten werden.
Freenow by Lyft fordert, die Möglichkeit variabler Fahrpreise dauerhaft in der Hamburger Taxenordnung zu verankern. „Wir danken der Behörde für Verkehr und Mobilitätswende, die den Mut hatte, das zu erproben. Jetzt liegen belastbare Zahlen auf dem Tisch: Hochgerechnet bringt der beidseitige Korridor dem Hamburger Taxigewerbe rund 20 bis gut 30 Millionen Euro mehr Umsatz im Jahr. Wir sprechen uns klar dafür aus, ihn dauerhaft zu ermöglichen“, erklärt Mönch.
Für eine Entscheidung bleibt nur ein begrenzter Zeitraum. Die derzeitige Hamburger Taxenordnung sieht für die Erprobung neuer Tarifformen eine Höchstdauer von 24 Monaten vor. Diese Frist endet im Januar 2027. Zum 1. Februar 2027 muss deshalb eine neue Taxenordnung in Kraft treten. Ob und in welcher Form die bislang erprobten Preiskorridore dauerhaft Bestandteil des Hamburger Taxitarifs werden, ist noch offen. (Quellen: Deutsche Presse-Agentur, Freenow by Lyft)
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