Vor dem Autogipfel im Kanzleramt wächst der Streit um die Zukunft des Verbrenners

Wenn sich an diesem Donnerstag Bundeskanzler Friedrich Merz mit den Spitzen der Autoindustrie trifft, geht es um mehr als Produktionszahlen und Absatzmärkte. Es geht um ein Symbol – und um die Frage, ob Deutschland an seinem Kurs festhält, ab 2035 keine neuen Autos mit Verbrennungsmotor mehr zuzulassen.

Der Absatz reiner E-Autos entwickelte sich in Deutschland in den letzten Jahren nicht wie erhofft. Nun werden immer mehr Stimmen laut, das bereits beschlossene "Verbrenner-Aus" der EU aufzuweichen.| Foto: VW
Der Absatz reiner E-Autos entwickelte sich in Deutschland in den letzten Jahren nicht wie erhofft. Nun werden immer mehr Stimmen laut, das bereits beschlossene "Verbrenner-Aus" der EU aufzuweichen.| Foto: VW

Die Fronten scheinen sich zu verhärten. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) fordert vom Kanzler, das vereinbarte Enddatum nicht anzutasten.

„Wenn die Bundesregierung erneut vor den Autokonzernen in die Knie geht, verliert sie jede Glaubwürdigkeit im Klimaschutz“, mahnt DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch.

Für ihn steht der Gipfel für eine Richtungsentscheidung: Wird Deutschland Klimaziele konsequent verfolgen – oder der Industrie erneut Zugeständnisse machen?

Volkswagen-Land Niedersachsen macht sich Sorgen

Auf der anderen Seite steht Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies. Der SPD-Politiker, dessen Land Anteilseigner bei Volkswagen ist, hält den vollständigen Abschied vom Verbrenner bis 2035 für „leider unrealistisch“. In seinem „Zukunftspakt Mobilität 2035“ plädiert Lies für längere Übergangsfristen – und dafür, dass auch über 2035 hinaus neue Verbrenner zugelassen werden dürfen. Lies verteidigt seine Position mit Blick auf Arbeitsplätze und Strukturwandel. In Regionen wie Wolfsburg oder Emden, wo ganze Industrien an der Autoherstellung hängen, wachse die Sorge vor einem zu schnellen Umbruch.

„Wir brauchen Zeit, um die Transformation sozialverträglich zu gestalten“, heißt es.

Die Umwelthilfe dagegen warnt vor einem Rückschritt in der Klimapolitik. Jede Verzögerung des Ausstiegs bedeute höhere CO₂-Emissionen und gefährde die gesetzlichen Klimaziele. Resch spricht von „fossilen Schlupflöchern“, die nur der Gewinnsicherung dienten.

Merz für „Technologieoffenheit“

Bundeskanzler Merz steht dem derzeit geplanten Aus für neue Verbrennerfahrzeuge ab 2035 ablehnend gegenüber. Er sieht das Verbrenner-Verbot in seiner gegenwärtigen Form als „falsch“ an und spricht sich stattdessen für mehr Technologieoffenheit aus.

Konkret fordert er, das Verbot nicht pauschal aufrechtzuerhalten, sondern Raum zu lassen für alternative Antriebstechniken – etwa synthetische Kraftstoffe – und Forschung an Verbrennungsmotoren, die mit neuen Kraftstoffen betrieben werden könnten. Merz argumentiert, dass gerade im Schwerlast-Bereich und bei Dieselantrieben weiterhin Entwicklungsbedarf bestehe, und dass ein Verbot dieser Technologie Deutschland gegenüber internationalen Wettbewerbern benachteiligen könnte.

Koalition uneins

Allerdings ist sein Standpunkt innerhalb der Koalition umstritten: Viele SPD-Vertreter – sofern sie nicht aus dem VW-Land Niedersachsen kommen - halten am Ausstieg 2035 fest und warnen vor mangelhafter Planungssicherheit und sinkender Glaubwürdigkeit in der Klimapolitik. Für Merz dürfte der Gipfel zum Balanceakt werden. Einerseits wächst der Druck der Industrie, die angesichts schwacher E-Auto-Nachfrage und globaler Konkurrenz aus China Planungssicherheit sucht. Andererseits erwartet die Klimabewegung klare Signale für den Wandel.

Abschied vom Verbrenner ist kein Angriff auf die deutsche Ingenieurskunst

Über Jahrzehnte haben die deutschen Hersteller ihre Verbrenner-Motoren perfektioniert. Nun gilt es, endlich denselben Ehrgeiz in emissionsfreie Antriebe zu stecken.

Das Argument, die Menschen bräuchten mehr Zeit, klingt vertraut. Nur - die Erderwärmung wartet nicht auf Modellzyklen und Absatzprognosen. Die Autoindustrie selbst zeigt, dass es anders geht: Neue Elektromodelle, bessere Reichweiten, sinkende Preise. Der technologische Umbruch ist da, nun braucht er den politischen Rahmen, um sich durchzusetzen.

 

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