Parlamentarischer Abend des GVN: Currywurst, Krisen und klare Worte

Im Brauhaus Ernst August in Hannover roch es nach Currywurst, Bier und Verkehrspolitik. Rund 300 Gäste waren zum Parlamentarischen Currywurstabend des Gesamtverbands Verkehrsgewerbe Niedersachsen (GVN) gekommen.

Heiner Koch, Präsident und Vorsitzender der Fachvereinigung Spedition und Logistik, läutet hier nicht nur den Abend ein - einmal läuten bedeutet auch: Lokalrunde!| Foto: T. Kanzler
Heiner Koch, Präsident und Vorsitzender der Fachvereinigung Spedition und Logistik, läutet hier nicht nur den Abend ein - einmal läuten bedeutet auch: Lokalrunde!| Foto: T. Kanzler

Unternehmer, Ministerialbeamte, Abgeordnete, Verbandsvertreter und Funktionäre drängten sich zwischen Holztischen, diskutierten über Dieselpreise, Bürokratie und Fahrerknappheit. Die Stimmung war trotz aller Probleme bemerkenswert gut. Vielleicht gerade deshalb, weil an diesem Abend nicht nur geredet, sondern tatsächlich zugehört wurde.

GVN-Präsident Heiner Koch eröffnete den Abend mit einem Satz, der wie das Motto der gesamten Veranstaltung wirkte: „Zwischen Currywurst und guten Gesprächen steht genau das, was unsere Branche braucht: Nähe, gegenseitiges Vertrauen und ein offener Dialog.“ Koch, erst seit Ende 2025 im engen Vorstand des GVN, stellte dabei die gesamte Bandbreite des Verbandes heraus – vom Taxi über die Logistik bis hin zum Omnibus- und Möbeltransportgewerbe.

Verkehrsgewerbe unter Druck

Dass die Lage ernst ist, zog sich wie ein roter Faden durch alle Redebeiträge. Hohe Energiepreise, steigende Betriebskosten, neue Regulierungen und zunehmender Wettbewerbsdruck belasten nahezu alle Verkehrsbereiche. Besonders deutlich wurde das im Beitrag von GVN-Hauptgeschäftsführer Benjamin Sokolovic, der es in seiner Generalabrechnung mit der aktuellen Verkehrspolitik pointiert auf den Punkt brachte.

„Die Currywurst ist ein bemerkenswert ehrliches Produkt“, sagte Sokolovic zu Beginn. „Sie ist direkt, sie ist verständlich und sie kommt ohne lange Genehmigungsverfahren auf den Punkt.“ Der Saal lachte. Doch danach wurde es schnell ernst.

Niedersachsen-Tarif

Auch das Taxigewerbe stand im Fokus. Sokolovic kritisierte die langwierigen Tarifverfahren in Niedersachsen scharf. Noch immer müssten Taxiunternehmer ihre Tarifanpassungen bei 52 verschiedenen Behörden beantragen. Während andere Branchen Preissteigerungen kurzfristig weitergeben könnten, dauerten Anpassungen im Taxi oft Jahre. „Für viele ist es dann schon zu spät“, sagte Sokolovic. Insolvenzen seien längst keine Ausnahme mehr.

Entsprechend groß sind die Erwartungen an den geplanten einheitlichen Niedersachsen-Tarif. Der GVN drängt auf Tempo. Minister Grant Hendrik Tonne bekannte sich erneut klar zu diesem Ziel.

„Wie soll man 2026 den Leuten erklären, dass wir Tarife auf 52 unterschiedlichen Ebenen diskutieren müssen?“, fragte der SPD-Politiker später in der Diskussion mit GVN-Vizepräsidentin Gundula Hauenstein.

Auch beim Thema Plattformverkehre fand der Verband deutliche Worte. Sokolovic sprach offen über Wettbewerbsverzerrungen durch Uber und Bolt. Das Taxi unterliege Tarifpflicht, Betriebspflicht und Beförderungspflicht, Plattform-Mietwagen dagegen nicht.

„Sie unterbieten Preise und unterlaufen Sozialstandards durch Scheinselbstständigkeit. Das ist nicht fair“, sagte er. Entscheidend sei deshalb eine konsequente Kontrolle der Regeln. „Nur wo kontrolliert wird, kann Fairness entstehen.“

Doppelbelastung: CO₂-Maut und CO₂-Abgabe

Neben der Taxi-Branche nahm der GVN auch die Probleme des Güterverkehrs ins Visier. Die doppelte Belastung durch CO₂-Maut und CO₂-Abgabe auf Kraftstoffe bezeichnete Sokolovic als massiven Wettbewerbsnachteil gegenüber osteuropäischen Unternehmen. Deutschland mute seinen Betrieben Kosten zu, die andere EU-Staaten erst Jahre später einführen würden.

Hinzu komme eine zunehmende Kriminalität im Logistiksektor. Besonders sogenannte Totfrachtfahrten bereiten der Branche Sorgen. Dabei erschleichen sich Täter mit falschen Identitäten komplette Frachtaufträge – und verschwinden mitsamt Ware.

„Nicht eine Kaffeemaschine, keine zwei Reifen. Die gesamte Fracht verschwindet“, sagte Sokolovic. Die Schäden gingen inzwischen in Millionenhöhe.

Auch der Fachkräftemangel beschäftigte den Verband. Rund 110.000 Berufskraftfahrer fehlten bundesweit. Der GVN fordert deshalb günstigere Führerscheine, schnellere Anerkennung ausländischer Qualifikationen und weniger Bürokratie bei der Zuwanderung.

Verkehrsminister Tonne verspricht Unterstützung

Minister Grant Hendrik Tonne zeigte sich an diesem Abend auffallend nah an den Positionen des Verbandes. Der Minister sprach offen über die Belastungen der Branche und räumte ein, dass viele Unternehmen inzwischen existenziell unter den Energiepreisen litten.

„Solche Eruptionen auf dem Energiemarkt rütteln an der Stabilität von Unternehmen“, sagte Tonne.

Zugleich versprach er Unterstützung bei mehreren zentralen Themen: beim Niedersachsen-Tarif, bei Ladeinfrastruktur für E-Lkw, bei Genehmigungsverfahren und bei der Busförderung. Allein 2026 würden 41 Millionen Euro für Busförderprogramme bereitgestellt. Damit könnten 316 Busse gefördert werden.

Tonne machte aber auch deutlich, dass Transformation nicht allein durch politische Zielvorgaben funktioniere.

„Die Infrastruktur kommt nicht hinterher“, sagte zuvor bereits Sokolovic. Der Minister widersprach nicht. Genehmigungsverfahren müssten schneller werden, Ladepunkte zügiger entstehen.

Sachlicher Ton, harte Fakten

Auffällig war an diesem Abend vor allem der Tonfall. Trotz aller Kritik blieb die Diskussion sachlich. Niemand stellte die Transformation grundsätzlich infrage. Die Unternehmen verlangen keine Sonderbehandlung, sondern praktikable Rahmenbedingungen. Genau darin lag wohl auch die besondere Atmosphäre dieses Currywurstabends: harte Themen, klare Forderungen – aber keine ideologischen Grabenkämpfe.

Später, als die offiziellen Reden längst beendet waren, standen viele Gäste noch immer zwischen Biergläsern und Currywursttellern zusammen. Politiker diskutierten mit Taxiunternehmern, Logistiker mit Verbandsvertretern, Busunternehmer mit Ministeriumsbeamten. Im Brauhaus Ernst August wurde bis tief in die Nacht genetzwerkt, gestritten und verhandelt. Vielleicht ist genau das der eigentliche Wert solcher Abende. Nicht die große Bühne. Sondern die guten Gespräche danach.

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