Mercedes VLE: Der Elektro-Van, der das Van-Segment neu definiert
Der Markt für große Vans hat sich in den vergangenen Jahren verändert. In Europa galt lange der Maßstab eines Modells: der Volkswagen Transporter. Vom klassischen Kastenwagen über Familienfahrzeuge bis hin zu hochwertigen Shuttle-Versionen deckte er nahezu jedes Einsatzfeld ab. Auch Mercedes-Benz war mit der V-Klasse präsent, doch das Segment entwickelte sich vor allem außerhalb Europas weiter. In China etwa konkurrieren große Personentransporter inzwischen mit Luxuslimousinen wie der Mercedes-Benz S-Class. Marken wie Toyota, Lexus oder Li Auto haben dort Vans etabliert, die als mobile Lounge genutzt werden.
Mit den neuen Modellen VLE und VLS reagiert Mercedes nicht nur auf diese Entwicklung – die Stuttgarter setzen neue Maßstäbe. Beide Fahrzeuge sollen eine neue Generation von Großraumfahrzeugen einleiten – gedacht für Familien, Shuttle-Services, Chauffeurdienste und Businesskunden. Der Marktstart ist dann für den Sommer geplant.
"Wir definieren das Segment neu. Platz ist der neue Luxus", so Mercedes Chef Ola Källenius bei der Weltpremiere des VLE in Stuttgart.
Neue Plattform für eine ganze Van-Familie
Der VLE ist der erste Vertreter einer neuen Architektur namens Van.EA. Auf dieser Plattform sollen künftig zahlreiche Modelle entstehen, vom luxuriösen Personentransporter bis hin zu großen Nutzfahrzeugen. Selbst kommende Generationen des Mercedes-Benz Sprinter sollen darauf basieren. Mercedes verfolgt dabei eine klare Strategie: Die klassischen Nutzfahrzeuge und die komfortorientierten Großraumlimousinen werden künftig stärker voneinander getrennt. VLE und VLS erhalten daher einen eigenen Rohbau, der gezielt auf Aerodynamik und Dynamik ausgelegt ist.
Der Aufwand zeigt sich in den Zahlen. Trotz einer Länge von 5,30 Metern, einer Breite von 2,0 Metern, einer Höhe von 1,93 Metern und einem Radstand von 3,34 Metern erreicht der VLE einen cw-Wert von 0,25. Damit wirkt der Van optisch kompakter, als er tatsächlich ist. Gleichzeitig bleiben im Innenraum bis zu acht Sitzplätze erhalten. Die Größe hat allerdings auch konstruktive Gründe. Strengere Sicherheitsvorschriften erfordern einen längeren Vorderwagen mit größerer Crashstruktur. Zudem braucht der Akku zusätzlichen Schutz im Fahrzeugboden, was sich ebenfalls auf Breite und Gewicht auswirkt.
Elektroantrieb mit großer Reichweite
Zum Start kommt der VLE 300 auf den Markt. Ein Elektromotor mit 200 kW (272 PS) treibt die Vorderachse an. Die Energie liefert ein 115-kWh-Batteriepaket auf Nickel-Mangan-Kobalt-Basis. Mercedes nennt einen Normverbrauch von 18,6 bis 21 kWh pro 100 Kilometer. Darüber positioniert sich der VLE 400 4Matic mit 305 kW (415 PS) und elektrischem Allradantrieb. Weitere Varianten wie ein VLE 250 oder VLE 350 sollen folgen. Zusätzlich plant Mercedes Versionen mit kleinerem Akku sowie später auch Modelle mit Verbrennungsmotor.
Die Reichweite des VLE 300 soll laut Mercedes bei bis zu 700 Kilometern nach WLTP liegen. Selbst mit umfangreicher Ausstattung sollen noch rund 600 Kilometer möglich sein. Unter ungünstigen Winterbedingungen erwartet Mercedes immerhin noch rund 400 Kilometer reale Reichweite. Auch beim Laden setzt der Hersteller auf moderne Technik. Das 800-Volt-System ermöglicht Ladeleistungen von bis zu 320 kW am Schnelllader, beim kleineren Akku bis zu 300 kW. Der Ladehub von 10 auf 80 Prozent soll etwa 25 Minuten dauern. In zehn Minuten lassen sich laut Mercedes bis zu 242 Kilometer Reichweite nachladen. Alternativ stehen 22 kW AC-Ladeleistung für das Laden über Wechselstrom zur Verfügung. Mercedes selbst testete den VLE bereits auf längeren Strecken. Eine Fahrt über 1.100 Kilometer von Rom nach Stuttgart soll mit zwei Ladestopps möglich gewesen sein.
Fahrverhalten wie eine Limousine
Trotz seiner Abmessungen soll sich der VLE wie ein Pkw fahren. Dafür sorgen unter anderem eine Fünflenker-Hinterachse, eine präzise Lenkung und eine optionale Allradlenkung mit sieben Grad Einschlagwinkel. Der Wendekreis sinkt dadurch auf 10,9 Meter von Bordstein zu Bordstein beziehungsweise 11,6 Meter von Wand zu Wand. Auch die Fahrassistenzsysteme fallen umfangreich aus. Insgesamt arbeiten zehn Kameras, fünf Radarsensoren und zwölf Ultraschallsensoren zusammen. Das Fahrzeug kann unter anderem selbstständig einparken oder auf Wunsch die letzten 150 Meter einer Strecke automatisch rückwärts zurücklegen.
Viel Platz und neue Ideen im Innenraum
Im Innenraum zeigt sich, dass der VLE nicht als Transporter gedacht ist. Trotzdem reicht das Ladevolumen von 795 bis über 4.000 Litern, und bis zu 2,5 Tonnen Anhängelast sind möglich. Beim Frontantrieb reduziert sich die Anhängelast auf 1.000 Kilogramm, weil bei schweren Anhängern die Vorderachse zu stark entlastet würde. Die Sitzanlage lässt sich variabel konfigurieren. Neu ist ein einfaches System zum Aus- und Einbau der Sitze. Die rund 34 Kilogramm schweren Sitze können zusammengeklappt und über eine Schlaufe aus den Schienen genommen werden – ohne kompliziertes Einrasten oder Werkzeug. Eine geniale Idee erleichtert den Umgang mit den schweren Sitzen deutlich: Bei den ausgebauten Sitzen klappen unten Rollen aus, sodass die einzelnen Sitze bequem gerollt statt getragen werden können.
Im Fond stehen für die Passagiere zahlreiche Anschlüsse bereit. Jeder Außenplatz verfügt über zwei USB-C-Ports, insgesamt also acht Anschlüsse im hinteren Bereich. Dazu kommen optional klimatisierte Loungesessel mit Massagefunktion, Heizung und Kühlung, ausklappbare Beinauflagen sowie ein dreifach klappbarer Arbeitstisch. Für Unterhaltung sorgt ein 31-Zoll-Bildschirm, der auf Knopfdruck aus dem Dach ausfährt. Unterstützt wird er von einer 22-Lautsprecher-Soundanlage. Mit dem sogenannten Kinomodus lassen sich Fenster abdunkeln und Inhalte wie Filme oder Videokonferenzen darstellen. Auch an Details wurde gedacht. Ein Panoramaglasdach bringt Licht in den Innenraum, während besonders bei den teureren Varianten hochwertige Materialien, Echtholz und Leder für eine gehobene Atmosphäre sorgen. Aber auch die Basis kann sich sehen lassen. Die eingesetzten Materialien wirken auch hier wertig. Für einige Märkte, etwa China, gibt es sogar zusätzlich ein Desinfektionsfach. Gleichzeitig bleibt die Funktionalität eines Vans erhalten. Die Fenster in den Schiebetüren lassen sich komplett versenken – ein Wunsch vieler Kunden, die sich im Fond sonst eingeschlossen fühlen. Auch die Heckklappe mit separater Glasscheibe bleibt erhalten.
Die umfangreiche Technik hat ihren Preis – auch beim Gewicht. Mit dem kleineren 80-kWh-Akku soll der VLE bei etwa 2,8 Tonnen Leergewicht starten. Fahrzeuge mit großer Batterie liegen teilweise über drei Tonnen. Das zulässige Gesamtgewicht beträgt 3.700 Kilogramm. Damit verbleiben in der aufwendig ausgestatteten Version etwa 500 Kilogramm Zuladung, während einfachere Varianten rund 900 Kilogramm ermöglichen. Die Fahrleistungen bewegen sich im Pkw-Bereich. Der VLE 300 beschleunigt in 9,5 Sekunden auf 100 km/h, der VLE 400 benötigt 6,5 Sekunden. Preislich beginnt der VLE bei etwa 57.000 Euro netto. Je nach Ausstattung kann der Preis deutlich steigen. Für die besonders umfangreich ausgestattete Exclusive Line ruft Mercedes einen Preis von rund 113.000 Euro auf.
Geheimer Blick auf den noch luxuriöseren Bruder
Über dem VLE positioniert Mercedes künftig den VLS. Das Modell ist noch stärker auf Luxus ausgelegt. Nochmal 18 Zentimeter mehr Radstand und Länge sowie ein noch großzügigerer ausgestatteten Innenraum schaffen eine Luxuriöse Lounge Atmosphäre. Wir konnten den Luxus-Liner zwar schon in Stuttgart besichtigen, aber noch keine Fotos machen, da Mercedes den Edel-Van zu einem späteren Zeitpunkt gebührend präsentieren möchte. Mit dieser Modellstrategie will Mercedes ein neues Segment etablieren: elektrische Großraumlimousinen, die Komfort und Raumangebot eines Vans mit der Ausstattung einer Oberklasse verbinden.
Ein Van für Taxi- und Chauffeurbetriebe
Für Taxi- und Shuttleunternehmen eröffnet das Konzept interessante Perspektiven. Der großzügige Innenraum mit bis zu acht Sitzplätzen, die elektrische Reichweite und die schnellen Ladezeiten könnten im Flottenbetrieb Vorteile bringen. Gleichzeitig erleichtert die Allradlenkung das Rangieren im Stadtverkehr. Der VLE ist nicht nur ein Nachfolger der V-Klasse. Er richtet das klassische Van-Segment neu aus – zwischen Chauffeurslimousine, elektrischem Langstreckenfahrzeug und dann auch Nutzfahrzeug,
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