Großraumtaxi Vito: Sauberer, leiser und elektrisch weiter

Mit dem Update auf neue Diesel-Motoren erfüllt der Kompaktvan die Vorgaben der Euro 6d-Temp-Norm - und fährt als Variante eVito Tourer mit Antriebsset des EQV über 400 Kilometer weit elektrisch. Zudem gibt es einen Abstandstempomaten, einen aktiven Bremsassistenten und eine bessere Konnektivität.

Auf Nummer sauber: Eine doppelstufige Stickoxidreinigung mit zwei SCR-Kats, eine zweistufige Abgasrückführung, Partikelfilter und Oxikat sorgen für niedrige Emissionen in allen Betriebszuständen beim neuen Vito. | Foto: Daimler
Auf Nummer sauber: Eine doppelstufige Stickoxidreinigung mit zwei SCR-Kats, eine zweistufige Abgasrückführung, Partikelfilter und Oxikat sorgen für niedrige Emissionen in allen Betriebszuständen beim neuen Vito. | Foto: Daimler
Redaktion (allg.)
(erschienen bei LOGISTRA von Johannes Reichel)

Das Großraumtaxi Mercedes-Benz Vito erhält wie angekündigt eine umfassende Modellpflege, die vor allem abgastechnisch einen Fortschritt bringen soll. Mit der Einführung der aus den Konzern-Pkw bereits bekannten Diesel-Aggregate OM654 mit 2,0 Liter Hubraum für die Heckantriebs- und Allradversionen sowie beim Fronttriebler des von Renault übernommenen, neuen Diesel-Motors mit 1,75 Liter Hubraum sollen die Motoren zum einen sauber nach Euro6dTemp sein. Beim OM 654, der bisher schon in den Pkw-Versionen Vito Tourer verfügbar war, setzt man auf eine aufwändige doppelstufige SCR-Abgasreinigung mit motornahem Stickoxidsammler sowie einem weiteren im Abgasstrang. Hinzu kommt eine Hoch- und Niederdruckabgasrückführung inklusive Kühlung, ergänzt durch einen Oxikat und einen Rußpartikelfilter. Nebenbei ergänzte der Hersteller einen größeren AdBlue-Tank mit jetzt 24 Liter Fassungsvermögen, wodurch man seltener Harnstoff nachfüllen muss.

Zum anderen wollen die Entwickler aber auch die Effizienz und die Performance der Aggregate verbessert haben. Die Topversion für den Kastenwagen 119 CDI soll beispielsweise um 13 Prozent sparsamer geworden sein. Die Einstiegs-Selbstzünder mit der dem Vernehmen nach speziell auf den Einsatz im Vito angepassten 1,75-Liter-Renault-Maschine ersetzt den im Zuge des Abgasskandals in Verruf geratenen 1,6-Liter-Basis-Diesel, ebenfalls eine Adaption eines Renault-Motors. Er leistet 102 PS respektive 136 PS (270/330 Nm) und soll im NEFZ 6,4 l/100 km verbrauchen.

Der kleinste Vito 114 mit 2,0-Liter-Motor (136 PS, 330 Nm) und der neuerdings statt der 7-G-Tronic verfügbaren 9-Gang-Wandlerautomatik wird mit einem Verbrauch von 5,8 l/100 km nach NEFZ angegeben, der 116er-Handschalter mit Sechsgang-Getriebe mit 5,9 l/100 km. Neu hinzu kommt für den Vito Tourer mit Pkw-Zulassung eine Topversion 124 CDI, die über einen 239 PS starke Einstellung des 2,0-Liter-Diesel verfügt, 500 Nm an Drehmoment aufbietet und sich dennoch mit 6,3 l/100 km an Sprit begnügen soll. Die neuen Aggregate liefen zudem leiser und vibrationsärmer, verspricht der Hersteller. Zum sparsamen Verbrauch könnte ein weiteres Feature beitragen: Eine fixe Tempolimitierung auf 120 oder 160 km/h. 

Reicht weiter: der eVito Tourer mit großem Akku-Package

Neu ins Programm rückt auch eine eVito Tourer-Version mit größerem Akkupaket sowie dem stärkeren Elektromotor aus der Großraumlimousive EQV, die bereits Ende vergangenen Jahres vorgestellt worden war. Hierbei sorgt statt des 85 kW-Motors im Standardmodell des eVito eine 150 kW und 362 Nm starke E-Maschine mit fester Übersetzung für an die Vorderachse übertragenen Vortrieb. Statt eines 41 kWh-Lithium-Ionen-Akkus (brutto) kommt hier ein großflächig unterflur verbauter 100-kWh-Speicher (90 kWh netto) zum Einsatz, der das Fahrzeug bis zu 421 km weit bringen soll, was einem Verbrauch von 26 kWh/100 km entspräche. Das Höchsttempo ist auf 140 km/h, optional bis 160 km/h beschränkt.

Standardmäßig verbaut wird zudem ein Gleichstrom-Bordlader mit starken 110 kW Leistung, mit Hilfe dessen die Energiespeicher bei entsprechender Leistung an der Ladesäule in 45 Minuten von 10 auf 80 Prozent geladen sein sollen. Mit dem 11-kW-Gleichstrom-Lader dauert es dann knapp zehn Stunden. Ein neuer Rekuperationsmodus nutzt zudem die Informationen der Sicherheitsassistenten und passt die Verzögerung situationsspezifisch und in Echtzeit an, wie es heißt. Der mit bis zu neun flexibel konfigurierbaren Sitzen ausgestattete eVito Tourer ist in den Versionen lang und extralang erhältlich und misst damit 5,14 und 5,37 Meter. Aufgrund des großen Akku-Pakets erhöht sich bei dieser Variante des eVito das Gesamtgewicht auf 3,5 Tonnen.

Mit dem eVito Tourer unterstreiche man seinen Elektrifizierungsanspruch, erklärte MB-Vans-Chef Marcus Breitschwerdt im Gespräch. Dieses Antriebsset sehe man klar im Personentransport, etwa bei Shuttlediensten. Auch der Nachfolger des Mercedes Citan, der gemeinsam mit Renault entwickelt wurde und noch in diesem Jahr vorgestellt werden soll, kommt in einer vollelektrischen Variante, die auf Lieferdienste und urbane Shuttles peilt.

„Der elektrische Antrieb wird sich in den kommenden Jahren immer weiter durchsetzen und zu einem starken Standbein in unserem Produktportfolio werden“, glaubt Breitschwerdt.

Mehr Fahrerassistenz: Abstandstempomat und aktive Notbremse

Ansonsten ergänzt der Hersteller in technischer Hinsicht den schon aus dem Sprinter bekannten Abstandstempomaten Distronic, die selbständig die Distanz zum Vorausfahrenden hält und nötigenfalls mit bis zu halber Bremsleistung verzögert. Hinzu kommt ein aktiver Bremsassistent, der akustisch und optisch vor Kollisionen warnt und bei drohendem Auffahren die Bremse aktiviert. Im Stadtverkehr reagiere das System auch auf stehende Hindernisse oder querende Fußgänger. Bisher schon erhältlich waren der Park-Assistent, der Totwinkel- und der Spurhalteassistent mit optischer Warnung. Serienmäßig verbaut ist der Seitenwind- und der Aufmerksamkeitsassistent sowie eine Reifendruckkontrolle. Wie beim Sprinter gibt es wahlweise zu den Halogenscheinwerfern auch ein sogenanntes Intelligent Light System, das Blinker, Tagfahr-, Abblend-, Fern- und Abbiegelicht in LED-Technologie vereint und abhängig vom Tempo für eine variable Lichtverteilung sorgt. Ein optionaler Fernlichtassistent passt die Lichtverteilung automatisch an die Sichtverhältnisse an. 

Luftfederung senkt Karossiere bei Autobahntempo

Fahrwerkseitig kommt eine optionale Luftfederung hinzu. Die sogenannte Airmatic pass das Fahrniveau automatisch an die Geschwindigkeit an, senkt also das Fahrzeug von Standardhöhe um zehn Millimeter ab 110 km/h, um den Verbrauch zu optimieren. Bei unter 30 km/h wiederum hebt sich der Wagen um bis zu 35 Millimeter, um den Komfort zu verbessern. Zudem ist die Luftfederung beladungsadaptiv, was speziell bei voller Befrachtung oder im Hängerbetrieb Vorteile haben soll.

Verbesserte Konnektivität, aber kein MBUX

Neu ist auch der sogenannte digitale Rückspiegel, den man als Alleinstellung sieht. Hierbei überträgt eine per Abblendschalter aktivierbare HDR-Heckkamera auch bei schlechten Sicht- und Lichtverhältnissen ihr Bild auf das komplette Rückspiegeldisplay. Bisher gabe es solche Lösungen nur segmentweise oder als Extra-Display auf Rückspiegelpositition, etwa bei Renault. Nachholbedarf hatte der Vito auch in Sachen Konnektivität, wo der Hersteller jetzt ein LTE-Moduls mit SIM-Karte standardmäßig verbaut und mit neuen Infotainmentsystemen nachbessert. Die höherwertigen Geräte Audio 30 und 40 warten mit einem 7-Zoll-Touchscreen auf, verbinden das Smartphone via Apple Carplay oder Android Auto und dienen mit ihrem Display auch der 180-Grad-Rückfahrkamera zur Darstellung. Auch ein elektronisches Notrufsystem ist verbaut, das über die Sprachverbindung funktioniert und die Rettungskräfte automatisch alarmiert.

Wer das sogenannte Mercedes Pro Connect Telematik-Paket bucht, der kann dann auf Echtzeitnavigation bauen. Zudem verweist der Hersteller auf zahlreiche zubuchbare Dienste wie Flottenkommunikation und -management, Fahrstilanalyse, mobile Fahrzeugbedienung oder digitales Fahrtenbuch. Nur dezent verändert wurde die Außen- und Innenoptik. Außen hat das vor allem funktionale Gründe: Sofern die neuen Assistenzsysteme verbaut sind , kommt eine neue Frontgrillplatte zum Einsatz, um die Sensorik unterzubringen. Im Interieur wurden neue Lüftungsdüsen in Turbinenoptik und wahlweise Zentralarmatur in Klavierlackoptik ebenso ergänzt wie neue Stoffe. Karosserieseitig bleibt der Vito ansonsten unverändert. Die Bestellung bei den Diesel-Modellen startet zeitnah, die ersten Fahrzeuge sollen nach derzeitigem Stand ab August ausgeliefert werden, beim eVito Tourer "noch in diesem Jahr", wie es heißt.

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