Autonomie, ÖPNV-Taxi und neue Führung – Rückblick auf den Deutsche Taxi- und Mietwagentag 2025 in Erfurt
Die Veranstalter des Bundesverbands Taxi und Mietwagen (BVTM) setzten auf ein dichtes Programm: 16 Panels, zwei Workshops, eine breite Industrieausstellung und ein Debattenformat, in dem Zukunftssorgen und neue Geschäftsmodelle gleichermaßen Platz fanden.
Autonomes Fahren: Zwischen Experiment und Realität
Schon das Auftaktpanel zeigte, wie stark das Gewerbe in globalen Trends mitgedacht wird. Prof. Dr. Andreas Knie (WZB), Dr. Lea Decker (New Mobility Solutions) und Rainer Becker (MOIA) spannten den Bogen von chinesischen und US-amerikanischen Projekten zur europäischen Testlandschaft. Denn während autonome Fahrzeuge in Übersee längst im Linienbetrieb stehen, bleibt Europa ein Versuchsfeld. Becker überraschte mit der klaren Aussage, MOIA wolle das operative Geschäft künftig nicht mehr selbst betreiben, sondern Software und Fahrzeuge – den autonomen ID. Buzz – auf Lizenzbasis anbieten.
Die Frage, welche Rolle Taxiunternehmen künftig in einem solchen Modell spielen könnten, griff ein Workshop später am Tag auf. Dort ging es um Schnittstellen, Geschäftsmodelle und die Frage, ob autonome Systeme Partner oder Konkurrenten des Taxis werden.
Parallelwelten: Tarifkorridore, ÖPNV-Taxi und Fachkunde
Parallel zum Zukunftsthema Autonomie diskutierten andere Teilnehmende über den Tarifkorridor. Seit der PBefG-Novelle 2021 können Kommunen Festpreise zulassen. Vertreter aus München, Berlin, Frankfurt und weiteren Städten berichteten von lokalen Auslegungen, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Immer wieder drehte sich die Debatte um Stauzeiten: Wie lassen sie sich im Festpreis abbilden, ohne Kunden zu vergraulen oder Fahrern Einnahmen zu nehmen?
Beim ÖPNV-Taxi zeigte ein 90-Minuten-Panel, welch politische Dynamik das Thema angenommen hat. Der nordrhein-westfälische FDP-Politiker Christof Rasche erklärte, warum seine Fraktion das Modell im Gesetz verankert wissen wollte. Ein Softwareanbieter aus Luxemburg, ein Verkehrsverbund aus der Lausitz und René Zach aus Weißwasser ergänzten die Perspektiven. Im Anschluss vertiefte ein Workshop die technischen und rechtlichen Fragen – mit Beiträgen aus der Praxis, etwa vom Aschaffenburger Unternehmer Benjamin Schmidt, der über sein Sammeltaxi-Modell „Carl E“ berichtete.
Ein weiteres Feld bewegte die Branche: die „kleine Fachkunde“. Deren geplantes Aus hatte Hamburg verhindert. Das Ergebnis ist eine Kann-Regelung, die Bundesländer nach eigenem Ermessen nutzen können. Hamburg und Berlin wollen einsteigen. Dirk Ritter von der Hamburger Taxenaufsicht erinnerte das Gewerbe daran, dass Qualität nicht allein von Behörden kontrolliert werden könne.
Hochkarätige Besetzung bei der Eröffnungsdiskussion des Taxitages. |Foto: BVTM
Gregor Beiner moderiert die Podiumsdiskussion zum Thema Elektromobilität mit Dr. Steffen Walcher von der SMART Lab, Jan Gruppe und Bodo Siegel (Roxheim). |Foto: BVTM
Breite Diskussion zum Thema ÖPNV-Taxi. |Foto: BVTM
Die kleine Fachkunde kommt doch noch und war auch Thema auf der Bühne. |Foto: BVTM
Plattformen - Freund oder Feind?| Foto: BVTM
Intensive Diskussion zum Thema Inklusionstaxi.| Foto: BVTM
Verabschiedung von Hermann Waldner (li.) und BVTM-Präsident Herwig Kollar. |Foto: BVTM
TSE und Digitalisierung: Das Ringen um den Stichtag
Beim Thema TSE (Technische Sicherheitseinrichtung) ging es sachlicher zu. In einem Panel stellten Hersteller wie Hale ihre Lösungen vor. Die Experten waren sich einig: Wer bis heute nicht umgerüstet hat, wird die Frist zum 1. Januar 2026 kaum halten können. Frühumrüster zeigten sich dagegen zufrieden. Robert Abel (FMS) und Holger Kampmann (MPC) skizzierten den technischen Stand, während die Diskussion immer wieder auf praktische Hürden des Alltagsbetriebes zurückkam.
Krankenfahrten, Schülerverkehr und die Suche nach Ordnung
Dass Krankenfahrten ein Milliardenmarkt sind, unterstrich Branchenexpertin Gisela Spitzlei mit nüchternen Zahlen: 2,1 Milliarden Euro fließen jährlich in diese Kategorie. Panels zur Zukunft der Kranken- und Schülerfahrten zeigten, wie hoch der Druck zur Digitalisierung ist. Softwareanbieter FMS und Stadt.Land.Netz erläuterten Lösungen für automatisierte Abläufe und sprachen von Einsparpotenzialen im mittleren zweistelligen Prozentbereich.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass der Wettbewerb zunimmt – nicht zuletzt durch spezialisierte Plattformen wie Qrago oder Uber Health. Großunternehmer Jens Marggraf berichtete von seiner Idee einer gemeinsamen Plattform, mit der das Gewerbe geschlossen auftreten könne.
Teilhabe, Demografie und der wachsende Bedarf an Rollstuhltaxis
Ein gesellschaftlich aufgeladenes Panel widmete sich der Daseinsvorsorge und der Teilhabe. Erol Celik (Transform) diskutierte mit Martin Maubach (Sozialverband) und Gisela Spitzlei über die Notwendigkeit inklusiver Angebote. Die alternde Bevölkerung, so der Tenor, werde den Bedarf an Rollstuhltaxis weiter steigen lassen. Förderprogramme seien wichtig, reichten aber vielerorts nicht aus.
Passend dazu präsentierten Umrüster auf dem Außengelände mehrere Fahrzeuge: VW-Modelle mit TriflexAir-Systemboden, Caddy- und Touran-Umbauten sowie ein inklusionsfähiger Crafter. Die Hersteller VW, Dacia, Renault und Honda stellten zudem neue Modelle für die Taxi-Nutzung vor – ein Novum, da die Fahrzeugpräsentationen in diesem Umfang erstmals direkt vor dem Messegelände stattfanden.
Flottenelektrifizierung: Aus der Praxis für die Praxis
Mit Jan Grupe aus Hamburg und Bodo Siegel aus Roxheim berichteten zwei Unternehmer, die seit Jahren elektrisch fahren, von realen Betriebserfahrungen. Unterstützt wurden sie von Dr. Mark-Steffen Walcher (SmartLab), der als Backend-Betreiber und Abrechner die technische Seite erläuterte. Das Interesse war groß, nicht zuletzt, weil die Politik den Antriebswechsel weiter vorantreibt.
Taxizentralen zwischen Tradition und Plattformlogik
Emotionaler wurde es am zweiten Tag beim Panel „Taxizentralen im Wettbewerb und Überlebenskampf“. Auf der Bühne: die Zentralenchefs aus Frankfurt, Köln und Stuttgart sowie Alexander Mönch von Freenow by Lyft. Das Verhältnis zwischen Plattform und klassischen Zentralen blieb umstritten. Für einige bleibt Freenow Konkurrenz, für andere ein potenter Partner. Mehrere Beispiele zeigten, wie unterschiedlich Städte mit der Vernetzung von analogem und digitalem Taxibetrieb umgehen.
Ein weiteres Panel widmete sich der Frage, wie Zentralen überhaupt eine Zukunft haben können. Michael Weiss (FMS) präsentierte Software-Strategien, während die Jungunternehmer Lukas Kleinecke und Rahman Tamiz ihre klare Position formulierten: Ein modernes Taxi könne bestehen – wenn es als Produkt ernst genommen und zeitgemäß organisiert werde.
Mindestbeförderungsentgelt: Für wen lohnt es sich?
Die Diskussion über Mindesttarife für Mietwagen brachte ein Ergebnis, das viele überraschte: Die Regelung nützt vor allem Taxiunternehmen, aber weniger den Zentralen. Herwig Kollar, scheidender BVTM-Präsident, diskutierte mit Branchenvertretern aus Heidelberg und Hamburg über die Grenzen und Chancen eines solchen Entgelts – und darüber, welche Tarifmodelle künftig tragfähig sein könnten.
Industrieausstellung: Gespräche im Gang
Für die Sponsoren waren die Pausen zwischen den Panels die wichtigste Bühne. Tankkartenanbieter Aral und Shell, Versicherer wie Signal Iduna, TSE-Spezialisten, Fahrzeughersteller und Softwarefirmen nutzten die Zeit für Gespräche. Die Besucherinnen und Besucher konnten Neuheiten begutachten, Apps testen, Versicherungsmodelle vergleichen oder Umrüstungen prüfen. Volkswagen war als Hauptsponsor ebenfalls präsent.
Mitgliederversammlung und Präsidentenwahl
Der dritte Tag gehörte der Verbandsarbeit. Im Rahmen der Mitgliederversammlung wurde Gregor Beiner (39) aus München zum neuen Verbandspräsidenten gewählt. Beiner löst damit Herwig Kollar an der Spitze des Bundesverbandes ab, der wiederum 2021 ins Amt gewählt wurde. Zugleich wurde Bärbel von Teuffel zur neuen Vizepräsidentin ernannt, womit Sie künftig die Aufgaben von Hermann Waldner übernimmt. Wolfgang Oertel bleibt als drittes Präsidiumsmitglied weiter an der Verbandsspitze tätig. Im Bundesvorstand mussten zudem vier Mitglieder neu gewählt werden. Künftig im Vorstand vertreten sind: Daniel Schwuchow (Thüringen), Günsel Yildirim (Berlin), Hans-Peter Kratz (Hessen) und Aleksandar Dragicevic vom Taxiruf Köln, der in seinem Amt bestätigt wurde. Im öffentlichen Teil informierte die Führung über Projekte, Positionen und die Lage des Gewerbes.
Taxi-Tage, die Mut machen
BVTM-Geschäftsführer Michael Oppermann zeigte sich zufrieden: Das Treffen habe sich zu einem zentralen Ort des Austauschs entwickelt. Die Branche trete selbstbewusst auf, so seine Bilanz. Offen, konstruktiv, entschlossen – Eigenschaften, die viele Teilnehmende an diesem Tag spürten. Ob daraus eine wirkliche Erneuerung entsteht, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Aber Erfurt zeigte: Die Branche ist bereit!
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