Kleine Fachkunde – Abschied von einer „Dauerbaustelle“

Editorial Newsletter taxi heute

Taxigewerbe in der Warteschleife

Manchmal ähnelt das Taxigewerbe einem typischen großen deutschen Infrastrukturprojekt: viel Regulierung, viele Gutachten, kein Fortschritt. Irgendwo dazwischen: die Taxiunternehmer, die von den Behörden Entscheidungen erwarten, aber immer weiter vertröstet werden.

In Frankfurt etwa hupt sich das Gewerbe inzwischen im Wochentakt ins Gehör. Drei Demonstrationen in zwei Wochen. Das ist keine Protestromantik mehr, sondern ein deutlicher Hinweis darauf, wie angespannt die Lage vieler Unternehmer inzwischen ist. Während Politik und Verwaltung noch Gutachten abwarten, rollen die Taxikolonnen längst über Autobahnen und Messezufahrten. Interessant ist dabei weniger die Lautstärke des Protests als die Veränderung der Stimmung. Früher demonstrierte das Gewerbe hauptsächlich gegen Uber. Heute demonstriert es gegen das Gefühl, politisch auf „später“ vertröstet zu werden. Frankfurt wartet. Berlin wartet. Das Gutachten kommt bald. Ganz bestimmt. Irgendwann. Wahrscheinlich noch vor der nächsten PBefG-Novelle…

Und während auf den Straßen demonstriert wird, verabschiedet sich in Berlin beinahe geräuschlos endgültig die „Kleine Fachkunde“. Jenes Prüfungsprojekt, das über Jahre gleichzeitig eingeführt, verschoben, diskutiert und verwaltet wurde, ohne jemals wirklich anzukommen. Nun sollen die Bundesländer selbst entscheiden. Deutschland bekommt also möglicherweise 16 Varianten dessen, was ein Taxifahrer künftig wissen muss. Föderalismus kann sehr kreativ sein.

Dabei war die Grundidee gar nicht falsch. Natürlich braucht Personenbeförderung mehr als ein Navigationsgerät und einen Führerschein. Wer nachts Betrunkene beruhigt, morgens Dialysepatienten fährt und mittags Touristen die Stadt erklärt, beherrscht längst einen Beruf mit erheblichem Praxisanteil. Die Debatte zeigt jedoch erneut ein altes Problem der Branche: Zwischen Qualitätsanspruch, Personalmangel und Bürokratie findet die Politik keinen sauberen Kurs. Heraus kommt dabei nur eine Dauerbaustelle mit Arbeitskreischarakter.

Thomas Kanzler
Chefredakteur taxi heute

Thomas Kanzler
Chefredakteur (V.i.S.d.P.)

Jetzt kostenlos abonnieren

CAPTCHA
Diese Abfrage dient dem Zweck, automatisiertem Spam vorzubeugen.

Weitere Editorials

Editorial Newsletter taxi heute
Überwachung und Neues zum Betriebssitz Blicken wir erst zu einem Fall aus Kalifornien. Zwei Jugendliche steigen in ein fahrerloses Waymo-Robotaxi, benehmen sich daneben, hantieren mit täuschend echt aussehenden ...
Thomas Kanzler
Chefredakteur (V.i.S.d.P.)
Editorial Newsletter taxi heute
Plattform und Daseinsvorsorge Die Taxibranche steht vor einer Richtungsentscheidung: Wird sie zum Zulieferer digitaler Plattformen – oder gestaltet sie die Mobilität der Zukunft selbst? Thomas Mohnke, ein ...
Kathrin Köstner - Redaktionsassistentin
Kathrin Köstner
Redaktionsassistenz bis Aug. 2026
Editorial Newsletter taxi heute
Fahrgast und Algorithmus Ist das Taxigewerbe eigentlich noch eine Verkehrsbranche oder längst ein IT-Projekt mit Personenbeförderung als Nebentätigkeit? Wer Ende Juni beim TMV Think Tank in Bamberg dabei war, konnte ...
Thomas Kanzler
Chefredakteur (V.i.S.d.P.)
Editorial Newsletter taxi heute
Wenn der Algorithmus Chef spielt und der Rentner ausfällt In Brüssel scheint man derzeit eine neue Erkenntnis gewonnen zu haben: Vielleicht ist eine App doch nicht einfach nur eine App. Jahrelang galt die digitale ...
Thomas Kanzler
Chefredakteur (V.i.S.d.P.)
Editorial Newsletter taxi heute
Wieder das leidige Thema – Rückkehrpflicht. Jene Regelung, die seit Jahren zuverlässig als Symbol für alles herhalten muss, was angeblich veraltet, innovationsfeindlich und wirtschaftlich unvernünftig ist. Nachdem ...
Thomas Kanzler
Chefredakteur (V.i.S.d.P.)