TMV Think Tank 2026 in Bamberg: Zwischen Rückkehrpflicht, Krankenfahrten und neuen Allianzen
Fahrgast und Algorithmus
Ist das Taxigewerbe eigentlich noch eine Verkehrsbranche oder längst ein IT-Projekt mit Personenbeförderung als Nebentätigkeit?
Wer Ende Juni beim TMV Think Tank in Bamberg dabei war, konnte diesen Eindruck jedenfalls gewinnen. Früher diskutierte man über Funkkanäle, Fahrzeugmodelle oder Tarifanpassungen. Heute geht es um GPS-Daten, digitale Fahrtenketten, Plattformökonomie, Krankenhauslogistik und automatisierte Verwaltungsverfahren. Wo einst Aktenordner standen, stehen heute Dashboards. Und wo früher Bauchgefühl regierte, sollen künftig Algorithmen entscheiden, ob ein Mietwagen tatsächlich zurückgekehrt ist oder nur kreativ geparkt wurde.
Bemerkenswert war dabei weniger die Technik als die Erkenntnis dahinter: Das Gewerbe hat offenbar verstanden, dass Digitalisierung nicht nur etwas ist, das von außen kommt. Sie kann auch ein Werkzeug sein, um eigene Interessen durchzusetzen. Dieselben Daten, mit denen Plattformen ihre Märkte organisieren, könnten künftig helfen, Regeln wirksamer zu kontrollieren. Manchmal schreibt die Digitalisierung eben Geschichten mit überraschenden Wendungen.
Überhaupt wirkte Bamberg weniger wie ein Kongress und mehr wie eine Werkstatt. Es gab viele spannende Ansätze: neue Systeme für Krankenfahrten, digitale Schnittstellen zu Kliniken, Ideen für stärkere Zusammenarbeit und den Versuch, die Kontrolle über Daten und Vermittlungswege möglichst im eigenen Haus zu behalten. Das klingt zunächst unspektakulär. Tatsächlich könnte genau darin die entscheidende Frage der kommenden Jahre liegen: Wer kontrolliert künftig die Schnittstellen zum Kunden?
Passend dazu erreichte uns in dieser Woche eine Meldung des Bundeskartellamts zum Tankrabatt. Die Behörde sieht weiterhin Aufklärungsbedarf bei der Frage, ob Steuererleichterungen tatsächlich vollständig bei den Verbrauchern angekommen sind. Für Taxiunternehmer dürfte die Debatte vertraut klingen. Denn während Politiker und Verbände über Centbeträge diskutieren, stehen die Betroffenen an der Zapfsäule und erleben die Realität in Echtzeit. Interessant ist dabei weniger die Vergangenheit als die Richtung. Das Kartellamt verlangt inzwischen tiefere Einblicke in Kostenstrukturen und Preisbildung der Mineralölbranche. Auch hier zeigt sich ein Muster, das wir aus vielen Bereichen kennen: Märkte werden digitaler, Daten werden umfangreicher und der Ruf nach Transparenz wird lauter.
Ob Rückkehrpflicht, Krankenfahrten oder Kraftstoffpreise – immer geht es um dieselbe Frage: Wer verfügt über die Informationen? Und wer kann daraus nachvollziehbare Entscheidungen ableiten? Für das Taxigewerbe bedeutet das vor allem eines: Die Zukunft wird nicht allein auf der Straße entschieden. Sie wird zunehmend auch auf Bildschirmen, in Datenbanken und an digitalen Schnittstellen gestaltet.
Bleibt nur zu hoffen, dass dabei noch genügend Zeit bleibt, Fahrgäste von A nach B zu bringen.
Thomas Kanzler
Chefredakteur taxi heute
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