Taxi vs. Plattform-Giganten: EU greift in die Blackbox-Algorithmen von Uber & Co. ein
Wenn der Algorithmus Chef spielt und der Rentner ausfällt
In Brüssel scheint man derzeit eine neue Erkenntnis gewonnen zu haben: Vielleicht ist eine App doch nicht einfach nur eine App. Jahrelang galt die digitale Plattformökonomie als das automobile Äquivalent zur Zauberei. Uber und andere Anbieter präsentierten sich als Vermittler, als neutrale Techniklieferanten, als freundliche Betreiber eines virtuellen schwarzen Brettes.
Wer allerdings genauer hinsah, bemerkte schnell: Dieses schwarze Brett verteilt Aufträge, bewertet Leistungen, setzt Anreize, bestraft unerwünschtes Verhalten und entscheidet mitunter darüber, wer heute Geld verdient und wer nicht. Mit der neuen EU-Plattformrichtlinie wird nun erstmals die eigentliche Machtzentrale der Plattformen beleuchtet: der Algorithmus. Die Blackbox soll geöffnet werden. Man könnte auch sagen: Europas Gesetzgeber haben begonnen, unter die Motorhaube zu schauen. Für das Taxigewerbe ist das bemerkenswert. Nicht, weil plötzlich alle Plattformen verschwinden würden. Das wird nicht passieren. Aber weil eine Frage gestellt wird, die Unternehmer im Gewerbe seit Jahren formulieren: Wenn eine Software Arbeitszeiten, Vergütung, Auftragsvergabe und Leistungsbewertung steuert – ist sie dann wirklich nur Vermittler?
Während Brüssel also den digitalen Chef entdeckt, beschäftigt sich Berlin mit dem analogen Personal.
Die Vorschläge der Alterssicherungskommission könnten ausgerechnet jene Menschen treffen, ohne die viele Betriebe ihren Alltag kaum organisieren könnten: Rentner, Teilzeitkräfte, Nebenjobber und flexible Aushilfsfahrer. Der Minijob mag in politischen Debatten oft wie ein Relikt aus vergangenen Arbeitsmarktzeiten wirken. Im Taxi- und Mietwagengewerbe ist er dagegen häufig das Schmiermittel im Getriebe. Wer Schülerfahrten absichert, Krankenfahrten übernimmt oder am Wochenende einspringt, tut das oft nicht in Vollzeit, sondern genau in diesen flexiblen Beschäftigungsformen.
Natürlich braucht Deutschland eine stabile Rentenfinanzierung. Die Frage ist nur, ob man sie dadurch stärkt, dass man jene Modelle verteuert, die in vielen Branchen überhaupt erst Personal verfügbar machen.
Das Taxi- und Mietwagengewerbe steht dabei einmal mehr zwischen den Fronten: zwischen Digitalisierung und Regulierung, zwischen Fachkräftemangel und Sozialpolitik, zwischen Plattformökonomie und Mittelstand.
Die gute Nachricht lautet: Endlich wird über die richtigen Fragen gesprochen.
Die schlechte Nachricht: Die Antworten werden vermutlich komplizierter sein als jede App-Einstellung und jedes Rentenformular zusammen.
Thomas Kanzler
Chefredakteur taxi heute
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