taxi heute-Test Hyundai Ioniq 9 AWD: Koreas Elektro-Luxusshuttle
Der Hyundai-Konzern ist für seine tiefe Wertschöpfungskette bekannt und baut ja alles, vom Roboter bis zum Containerschiff. Ein weiteres "Schiff" ließ jetzt die Autosparte vom Stapel: Der Ioniq 9 bildet das wenn man so will elegante Pendant zum aggressiv-markanten Kia EV9, der in Sachen Oberklasse-Elektro-SUV den Vortritt im Konzern erhielt. Die "Retourkutsche" ist nicht schlecht, optisch sprechen die beiden koreanischen 800-Volt-Elektro-Raumkreuzer tatsächlich andere Zielgruppen an, mehr sportlich-progressiv der Kia, mehr zeitlos-elegant der Hyundai, raffiniert platziert zwischen SUV, Van und XL-Kombi.
Beiden Schiffen gemein: Sie sprengen locker jedes Normmaß und hängen gerne seitlich und länglich über jeden Standardparkplatz hinaus. Wohl dem, der eine große Doppelgarage neben dem Haus hat - in der Stadt einen Parkplatz zu finden, ist mit beiden 9ern ein Geduldsspiel sondergleichen, auch wegen des für einen Stromer eher üppigen Wendekreises. Ihr "Überhangmandat" ist wohl auch eher ein Fall für US-amerikanische Suburbs oder chinesische Vorstädte, weniger für die enge Standardsiedlung in "good old Germany". Wobei sich ja konventionell angetriebene Monster-SUV vom Schlage einer Mercedes G-Klasse, Audi Q8 oder BMW X7 ja auch noch trefflich verkaufen.
Verbrenner-SUV "isch over", liebe Upperclass!
All diesen Kunden sei an dieser Stelle zugerufen: So viel Luxus und Raum gibt's jetzt auch emissionsfrei elektrisch, deutlich günstiger und technisch mit 800-Volt-Basis "up to date". Insofern sind die beiden Koreaner auch treffliche Verbrenner-Verdränger. Ein BMW iX startet preislich übrigens in der Basis, wo der Ioniq 9 in etwa endet, ein Mercedes EQS SUV schwebt ab 110.000 Euro ohnehin in anderen Sphären. Nur, um den Preis zu relativieren.
Mit 5,06 Meter Länge, 1,98 Meter Breite und immerhin in der Höhe locker tiefgaragentauglichem Scheitelmaß von 1,79 Meter ist der 9er von Hyundai ein ganz schöner Brocken. Auch auf der Wage: Mit dem riesigen, ausschließlich erhältlichen 110-kWh-Lithium-Ionen-Akku, der fast den gesamten Raum zwischen den auf 3,13 gestreckten Achsen belegt, sowie mit Allradantrieb ausstaffiert, bringt der Dampfer aus Fernost 2.770 Kilogramm auf die Wage, so viel wie ein Elektro-Sprinter mit XXL-Akku, im 3,5-Tonnen-Segment. Um das ganze Gewicht des XXL-Hyundai zu tragen, braucht es dann schon gewaltige Walzen im 285er-Format, 21 Zoll sind dann von Lkw-Pneus auch nicht mehr so weit entfernt. Bordsteinrempler sollte man tunlichst vermeiden, das wird teuer ...
Immerhin noch 550 Kilo Zuladung ...
Apropos Lkw: Dank eines Gesamtgewichts von 3.320 Kilogramm dürfen immerhin 550 Kilogramm an Bord, bevorzugt in Gestalt von Passagieren. Zumindest beim luxuriösen Sechssitzer (Relax-Paket) ist es mit den Transporteigenschaften nämlich nicht allzuweit her. Die vielfach elektrisch verstell-, belüft- und belebbaren Sitze in Reihe 2 auszubauen, ist ein vergebliches Unterfangen. Alles geht hier elektrisch (und hoffentlich nie kaputt): Die Sitze klappen vom Heck aus per Knopfdruck nach vorn, sowohl die eher als "Jump Seats" konzipierten Sesselchen in Reihe 3 wie auch die Chefsessel in Reihe 2.
Geklappt ergibt sich eine "lückenhafte", aber immerhin mit robustem Teppich ausgelegte Ladefläche, auf die man mit etwas Mühe zwei unzerlegte Fahrräder gestapelt bekommt, von der Ladelänge her natürlich kein Problem, eher an der Höhe "hängt" es, im wahrsten Sinne des Wortes: Die Ladekante liegt ziemlich hoch, das im Raum stehende Gestühl reduziert den lichten Raum weiter. 2.494 respektive 2.419 Liter Volumen (6/7-Sitzer) respektive 908 und 338 Liter (3. Sitzreihe geklappt/aufgestellt) sind es offiziell, plus 80 Liter Frunk unter der verschwenderisch für ein E-Auto langgestreckten Riesenhaube, hinter der eine ganze Hortklasse verschwindet. Hören kann man sie hinter den tresorartig zufallenden Türen sowieso nicht mehr.
Ein Van wie der PV5 bietet mehr Raumeffizienz, zum halben Preis
Ein Kia PV5 aus dem gleichen Konzern bietet da auf 35 Zentimeter weniger Länge deutlich mehr Stauraum und Praktikabilität, aber gut, auch hier darf man von einer komplett anderen Zielgruppe sprechen, schließlich ruft Hyundai für den Ioniq 9 glatt das doppelte an Euro auf: Die RWD-Basis mit völlig ausreichenden 160 kW (350 Nm) startet ab 69.850. Der fast voll ausgestattete Testwagen mit AWD Performance und Relax-Sitzpaket kommt auf 88.000 Euro. Das einzige, was man da noch allerdings schmerzlich vermisst, ist ein Glasschiebedach, das immerhin in der Preisliste aufgeführt ist, für 1.350 Euro, klar, ist "Haufen" Glas, der da verbaut ist.
Und um die vielen Pfunde in Bewegung zu setzen, verbauen die Koreaner dann beim getesteten Topmodell AWD Performance "Hitrac" zwei Synchronelektromotoren mit ebenfalls Lkw-mäßigen 315 kW (428 PS! 700 Nm!!), die man bis vor kurzem eher in einem 40-Tonner-Sattelzug erwartet hätte. Sinn ergibt die Allradversion (die "kleine" reicht, 226 kW/605 Nm) nur, wenn man schwere Trailer mit bis zu 2,5 Tonnen zieht. Solo schießt der schwere Brummer dem gewaltigen Moment entsprechend nach vorn, wenn man ihm im Normal- oder noch leicht gesteigerten Sportmodus die Sporen gibt. Der Grip ist dank der riesigen Walzen beeindruckend, die Spurtkraft des Dreitonners mit gestoppten 5,6 Sekunden auf 100 km/h auch. Erst bei 200 km/h reißt der Vortrieb ab, wobei man solche Regionen allenfalls kurz aufsuchen sollte, wenn die Fahrt länger geht. Denn sonst reißt es im Umkehrschluss förmlich ein Loch in den Energiespeicher.
Gemach, gemach: Ruhige Gangart bevorzugt
Ohnehin ist die Hatz überhaupt nicht die bevorzugte Gangart des Elektro-Dampfers, sondern eher das "sanfte Cruisen". Daher passt eigentlich der Eco-Modus am besten zum Gemüt und Charakter des Elektro-SUV, der immer noch genug Kraft bietet, diese aber lammfromm entfaltet. Auch beim Handling "bremst" der 9er etwaige sportliche Ambitionen sanft über die Räder schiebend und schaukelnd aus und erzieht den Fahrer mit seinem sänftenartigen Komfort und seiner leichtgängigen, aber wenig meldefreudigen Lenkung zur Entspannung. Das ganze spielt sich ab in einer hochwertig sowie knarz- und knisterfrei, verarbeiteten Umgebung, die trotz reichlichem Einsatz von (immerhin ansehnlichen) Kunststoffen verdeutlicht, dass die Koreaner in Sachen Karosseriebau ihre Hausaufgaben gemacht haben und hinter den deutschen Premium-Marken nicht nachstehen. Natürlich verfügt auch der Ioniq 9 über die trendigen versenkten Türgriffe, ergonomisch nicht immer der Hit, wenn es pressiert, aber aerodynamisch und optisch hat das sicherlich Schliff.
Ein cooler Cruiser im XL-Format
Die teilautomatisierte Fahrerassistenz auf Level 2+ trägt ihren Teil bei und macht einen recht akuraten Job, auch im Stopp-and-Go oder beim Abstandhalten. Auf den ruckeligen Spurwechselassi kann man aber getrost verzichten. Noch entspannte Beats auf der klangvollen Bose-Anlage eingelegt, den immer besseren E-Routenplaner auf dem ordentlichen, schön flachen und nicht so chinesisch-aufdringlichen Infotainmentscreen mit der immer besseren Sprachassistenz aktiviert und los geht die lieber nicht so wilde Fahrt.
Dann gleitet oder besser schwebt man, nach Gusto, aber eigentlich sinnfrei unterlegt von einem sphärischen Elektrosound, enorm leise, wie gekapselt von Wind- und Abrollgeräuschen und erhaben durch die Lande wie ein "kleiner King of the Road", thronend auf urgemütlichem Fauteils, die weder mit Belüftung, noch mit Heizung oder Massage geizen. Wahlweise kann man in der kurzen Extraliste die sehr guten analogen Spiegel noch durch Kameras ersetzen (1.400 Euro) wie auch den Innenspiegel oder natürlich den Kollegen Computer einparken lassen, lässliche Gadgets. Mei, wer's braucht, aber es ist möglich. Und auch das will der ambitionierte Konzern mit seinen beiden Elektro-Luxus-Linern zeigen.
Besser mit Limit, sonst haut der Verbrauch ab ...
Wer den Tempomat bei dem überaus reisetauglichen Gefährt auf 125 km/h einloggt, der erntet erträgliche Verbräuche von 24 kWh/100 km im Betrieb. Damit hat man gut 400 Kilometer Reichweite locker im Kreuz, von den 600 WLTP-Kilometern ist man freilich ein paar Meilen weit entfernt, was formal 20,6 kWh/100 km entspräche. 21,8 kWh/100 km wies der Bordrechner über die Mix-VM-Runde mit wie üblich abschließendem, längerem Autobahnteil auf, inklusive Ladeverluste 24,4 kWh/100 km. Damit wäre der offenbar windschlüpfrigere 9er von Hyundai auch deutlich sparsamer als der Vierkant-9er von Kia, der mit 26,9 kWh/100 im Betrieb anschlug, in Summe üppige 29,3 kWh/100 km durch die dicken Stromleitungen aus dem Akku zog. Übrigens ist das ziemlich exakt auf dem Niveau des Kia PV5 Passenger 71 kWh, den wir kürzlich im Test hatten, wie gesagt, halb so teuer und "fast doppelt so praktisch", aber natürlich auch ein kubischer Transporter ...
Die Reichweite beim Ioniq 9 passt aber: Nach 400 Kilometern wird es ohnehin Zeit für eine Pause, die dank der 800-Technik nicht zu lang ausfallen muss. Rückwärts muss man das Schiff dann an die Ladesäule manövrieren, um die Ladeklappt weit hinten rechts am Heck (natürlich elektrisch) zu öffnen und die Speicher mit bis zu 233 kW DC-Ladeleistung innerhalb von 24 Minuten von 10 auf 80 Prozent zu bringen. Schön wäre in Anbetracht des Monsterakkus noch ein 22-kW-AC-Lader, doch man muss sich hier mit 11 kW bescheiden. Immerhin und selbstverständlich für einen Hyundai beherrscht der Ioniq 9 V2G und lässt sich als mobile Powerbank nutzen, in XXL.
Die Basis macht schon einen top Job
Apropos bescheiden: Wer so viel Stellplatz hat und wert auf einen für die Maße (und Masse) recht eleganten, äußerst komfortablen, gepflegten großen Elektrowagen legt, dem sei zur Basisversion mit sieben Sitzen geraten. 20.000 Euro preiswerter, praktischer, flott genug - und vielleicht lässt sich damit auch an der 500-Kilometer-Marke kratzen. In jedem Fall untermauert die Marke und der Konzern aus Korea ihre gewaltigen Ambitionen. Gut möglich, dass die Europäer einst zwischen China und Korea zerrieben werden. Der Ioniq 9 schnürt jedenfalls ein in Summe beeindruckendes Paket, wer auch immer ein solches XL-Paket braucht.
Hyundai Ioniq 9 AWD Hitrac Daten und Messwerte:
Abmessungen: LxBxH 5.060 x 1.980 (2.250 m. Spiegel) x 1.790 mm
Radstand: 3.130 mm
Wendekreis: 12,5 m
Kofferraumvolumen: 338/608/2.494 l (6-Sitzer)
zul. Gesamtgewicht: 3.320 kg
Anhängelast gebr. (bis 8%Steig.) /ungebr.: 2.500/750 kg; Dachlast 100 kg; Stützlast: 125 kg
110-kW-Akku Lithium Ionen (Netto)
Ladetechnik: 11 kW AC/ 233 DC
Ladezeit: AC 11 kW (10-100 %) 10 h; DC 233 kW ca. 24 min. (10-80 %)
Reichweite WLTP EV: 600 km
Verbrauch WLTP: 20,6 kWh/100 km
Abgasnorm: Euro 6ebis
2 x Perm. err. Synchron-Elektromotor (PSM)
Allradantrieb Performance
Fahrwerk: McPherson-Vorderachse, Mehrlenker-Hinterachse, Reifen: Continental Premium Contact C 285/45R21
Max. Systemleistung kW (PS): 315 (428)
Max. Drehmoment: 700 Nm
Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h
Messwerte:
Leergewicht Testwagen (inkl. 80-kg-Fahrer): 2.770 kg
Zuladung Testwagen: 550 kg
Elastizität 50-80/80-120 km/h (Kickdown Sport-Modus): 2,4/3,3 s.
0-60/80/100 km/h: 3,0/4,3/5,6 s
Geräusch 30/50/60/80/100/120 km/h: 48/49/51/53/56/60 dB(A)
Verbrauch (BC):
City: 17,0 kWh/100 km
Land: 18,7 l/100 km
BAB: 24,0 l/100 km
Gesamt: 21,8 kWh/100 km (BC) & 24,4 kWh/100 (inkl. Ladeverluste)
Preis Hyundai Ioniq 9 110 kWh: 69,850 (Ioniq RWD)/78.850 (Techniq RWD)/86.100 Euro brutto (Uniq AWD/Testwagen)
Extras Testwagen zusätzlich zu Uniq-Ausstattung: Allrad Performance (2.000,-)/6-Sitzer Relax (1.000,-)/Metallic Lackierung Nocturne Grey (1.050,-)
Preis Testwagen Hyundai Ioniq 9 Uniq Hitrac AWD Performance: 90.150,- brutto
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