T&E-Studie: 90 Prozent sind nicht das Ende des Verbrenners
Welche Folgen das hätte, rechnet Sebastian Bock von der Umweltorganisation Transport & Environment (T&E) vor – und warnt vor einem trügerischen Kompromiss. Auf den ersten Blick wirke eine Reduktion um 90 Prozent vernünftig, sagt Bock.
„Dann wird klar, dass dies bedeuten könnte, dass nach 2035 fast jedes zweite Auto einen Verbrennungsmotor haben könnte.“
Der Grund liegt in der Systematik der Flottengrenzwerte. Um das 90-Prozent-Ziel zu erreichen, müssten die Hersteller ihre durchschnittlichen Emissionen auf 11 Gramm CO₂ pro Kilometer senken. Plug-in-Hybride könnten dabei eine Schlüsselrolle spielen.
Geht man davon aus, dass diese Fahrzeuge bis 2035 offiziell mit 25 Gramm CO₂ pro Kilometer bewertet werden und zugleich der sogenannte Nutzfaktor – also der angenommene elektrische Fahranteil – weiter abgeschwächt wird, eröffnet sich den Herstellern ein breiter Spielraum. Nach Berechnungen von T&E könnten sie bis zu 46 Prozent Plug-in-Hybride verkaufen und dennoch die EU-Vorgaben einhalten.
Lücke zwischen Theorie und Praxis
Das Problem liegt aus Sicht der Umweltorganisation in der Lücke zwischen Theorie und Praxis. Eine T&E-Analyse realer Fahrdaten von mehr als 100.000 Plug-in-Hybriden zeigt, dass deren tatsächliche Emissionen im Alltag fast fünfmal so hoch sind wie die offiziellen Werte, mit denen die Zielerreichung berechnet wird.
„Mit anderen Worten: Ein Ziel von 90 Prozent für 2035 mag vernünftig erscheinen, könnte jedoch katastrophale Folgen für das Klima haben (und die Industrie auf den falschen Weg bringen, da sie weiterhin in eine technologische Sackgasse investieren müsste)“, warnt Bock.
Politisch deutet sich dennoch eine Kurskorrektur an. Die EU-Kommission will in Kürze vorschlagen, Fahrzeugen mit kombiniertem Elektro- und Verbrennungsmotor eine Perspektive über 2035 hinaus zu eröffnen. Statt einer Reduktion um 100 Prozent soll der Ausstoß von Neuwagen dann nur noch um 90 Prozent sinken. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat dies nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dem EVP-Vorsitzenden Manfred Weber (CSU) zugesagt.
Aus des "Verbrenner-Aus"?
Ursprünglich war vorgesehen, ab 2035 keine fossil betriebenen Pkw mehr neu zuzulassen. In der Praxis hätte das auf batterieelektrische Fahrzeuge und Wasserstoffantriebe hinausgelaufen, weshalb häufig vom EU-„Verbrenner-Aus“ die Rede ist. Die nun erwartete Abweichung von diesem Kurs ist jedoch an Bedingungen geknüpft: Der Autosektor muss insgesamt genauso viele Emissionen einsparen wie bei einem vollständigen Verbot von Verbrennungsmotoren. Möglich wäre dies etwa durch den Einsatz von klimafreundlichem grünem Stahl in der Produktion oder durch Biokraftstoffe.
Eine rote Linie zieht von der Leyen dennoch. Reine Verbrenner sollen auch künftig keine Zukunft haben. Neuwagen mit ausschließlich fossilem Antrieb sollen nach 2035 nicht mehr zugelassen werden. Forderungen aus Deutschland nach einer eigenen Kategorie für „hocheffiziente Verbrenner“ erteilt die Kommission damit eine Absage. Offen bleibt hingegen, welche Perspektive Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor nach 2040 haben werden. Medienberichten zufolge sollen die Flottengrenzwerte 2035 erneut überprüft werden.
Für das Taxi- und Mietwagengewerbe, das langfristig planen muss, bleibt die Lage damit unübersichtlich. Sicher ist nur: Die Entscheidung über 90 oder 100 Prozent ist mehr als eine Zahl – sie bestimmt, welche Antriebstechnologien auf den Straßen von morgen tatsächlich eine Rolle spielen.
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