Robotaxis in Europa: Warum Deutschland und die EU endlich Tempo machen müssen

In den USA und China gehören autonome Taxis längst zum Alltag – mit Millionen Fahrten pro Jahr und milliardenschweren Investitionen. Europa dagegen verliert sich in Pilotprojekten. Warum jetzt eine echte Robotaxi-Offensive nötig ist, um technologisch und wirtschaftlich nicht den Anschluss zu verlieren.

Robotaxi: Europa steckt immer noch in der Pilotphase fest – und droht bei der Schlüsseltechnologie des autonomen Fahrens den Anschluss zu verlieren. | Bild: Unsplash
Robotaxi: Europa steckt immer noch in der Pilotphase fest – und droht bei der Schlüsseltechnologie des autonomen Fahrens den Anschluss zu verlieren. | Bild: Unsplash
(erschienen bei VISION mobility von Redaktion (allg.))

Die Robotaxis sind auf dem Vormarsch! Inzwischen betreibt Waymo allein in den USA eine Flotte von circa 2.500 autonomen Fahrzeugen in fünf Metropolen. Diese Robotaxis kommen auf etwa 250.000 bezahlte Fahrten pro Woche, das sind 14 Millionen Fahrten pro Jahr. Schon ist die Rede davon, dass nicht nur weitere US-Cities erschlossen werden sollen, sondern auch London, Tokyo und einige deutsche Städte. Je mehr dieser selbstfahrenden Taxis im Einsatz sind und je häufiger sie gebucht werden, desto günstiger werden die Fahrtkosten. Somit lassen sich die beachtlichen fixen Kosten zur Erschließung einer Region auf immer mehr Fahrzeuge und Fahrten verteilen. Da Robotaxis keinen Fahrer benötigen, sind sie bei den variablen Kosten von traditionellen Taxis sowieso kaum zu schlagen. Daher gilt: Sofern es gelingt, die Robotaxis möglichst gut auszulasten, entsteht eine Kostendynamik, die diesen Service besonders attraktiv macht. Kein Wunder also, dass Waymo Gas gibt.

Auch in China findet man inzwischen in vielen Metropolen ganze Flotten von Robotaxis. Baidu, Pony.ai, WeRide und andere Tech-Firmen sind in Kooperation mit den Automobilunternehmen daran, immer größere Areale für diese selbstfahrenden Fahrdienste zu erschließen. Schon vor Jahren hat die chinesische Regierung das Ziel ausgegeben, nicht nur bei der Elektromobilität führend zu sein, sondern auch beim autonomen Fahren. Hierzu wurden Milliardensummen bereitgestellt mit der Folge, dass einige dieser chinesischen Firmen inzwischen Software und Sensorik auch für europäische Robotaxi-Projekte anbieten. So sind beispielsweise die SBB und WeRide daran, im Großraum Zürich einige Strecken von und zum Bahnhof nicht mehr mit Bussen, sondern mit Robotaxis abzudecken. In einem anderen Projekt kooperiert PostAuto Schweiz mit Baidu, um den Verkehr in einem ländlichen Raum neu zu gestalten.   

Und was macht Europa? Unseren Recherchen zufolge hat die Europäische Union bislang etwa 80 Robotaxi-Projekte mit etwa 800 Mio. Euro unterstützt, von denen 38 noch im Betrieb sind. Allerdings handelt sich dabei zumeist um einen oder bestenfalls zwei Kleinbusse, die auf einer vordefinierten Strecke hin- und herfahren. Alle diese Projekte sind mehr oder weniger auf einem ähnlichen technologischen Niveau. Dieses Vorgehen mag der Idee entspringen, diese Technologie in möglichst vielen europäischen Ländern erlebbar zu machen. Sie hilft aber nicht, um im Wettbewerb mit den USA und China bestehen zu können. Ganz im Gegenteil: Schon jetzt wird deutlich, dass es ohne amerikanisches oder chinesisches Know-how gar nicht mehr geht, bedeutende Robotaxi-Projekte in Europa auf den Weg zu bringen. Wollen wir wirklich auch bei dieser Schlüsseltechnologie den Anschluss verlieren?

Was ist zu tun? Wir brauchen den großen Wurf, also eine bedeutende öffentlich-private Partnerschaft, in die alle wichtigen Akteure eingebunden sind – Tech-Firmen, Software-Schmieden, Automobilunternehmen, der öffentliche Verkehr und die Europäische Union für die Initialfinanzierung. Europa muss endlich in die Skalierung kommen, weg von den endlosen Pilotprojekten. Während wir seit über zehn Jahre Robotaxis testen, sind sie in anderen Regionen der Welt längst im Wirkbetrieb. Hierzu sollte man gezielt maximal zwei oder drei Regionen in Europa auswählen und dort Projekte in einer Größenordnung lancieren, wie es in den USA und China geschieht, mit Hunderten autonomer Fahrzeuge. Hamburg und Oslo könnten solche Regionen sein, da es dort bereits beachtliche Robotaxi-Projekte gibt, die sich derzeit an der Schwelle zur Skalierung befinden. Schluss mit dem Klein-Klein, wir müssen endlich groß denken!

Eine Herausforderung bleibt: Bei Robotaxi-Projekten steckt die Intelligenz und damit auch die Wertschöpfung nicht in den Fahrzeugen, sondern in der Software. Und diese kommt aus den USA oder China, obgleich es inzwischen auch europäische Software-Firmen, wie etwa Wayve oder Motor.ai, gibt. Hier argumentieren manche, dass wir in Europa doch nicht alles selbst machen müssten. Es gebe doch Arbeitsteilung. Das mag stimmen, aber wir müssen die wertschöpfenden Fähigkeiten bewahren, um unseren Wohlstand zu sichern. In diesem Sinne bräuchte es dringend eine europäische Software-Initiative. Aber dann bitte mit Wumms!

(Autor: Prof. Andreas Herrmann, Direktor des Instituts für Mobilität, Uni St. Gallen)

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