Lucid zeigt seine neue Mittelklasse-Plattform – Robotaxi Lunar soll Gewinn bringen

Lucid hat in New York seine Zukunft vorgestellt. Und wenn man der Präsentation glaubt, dann wird diese Zukunft nicht nur aus eleganten Elektroautos bestehen, sondern auch aus Robotaxis, Software-Abos, Mobilitätsplattformen und – man höre und staune – einem dann hoffentlich tatsächlich profitablen Geschäftsmodell.

Zentraler Pfeiler der Lucid-Strategie: Das Robotaxi "Lunar", das als Prototyp auf der neuen Midsize-Plattform gezeigt wurde. | Foto: Lucid Motors
Zentraler Pfeiler der Lucid-Strategie: Das Robotaxi "Lunar", das als Prototyp auf der neuen Midsize-Plattform gezeigt wurde. | Foto: Lucid Motors
(erschienen bei VISION mobility von Gregor Soller)

Das kalifornische Unternehmen, das bislang vor allem mit dem technisch beeindruckenden Lucid Air auf sich aufmerksam gemacht hat, versucht nun den schwierigen Schritt vom Ingenieur-Liebling zum funktionierenden Automobilhersteller. Denn so beeindruckend die Technik auch ist: Am Ende müssen Autos nicht nur effizient sein, sondern auch Geld verdienen.

Mit der Midsize-Plattform will man unter 50.000 Dollar starten

Im Zentrum dieser neuen Strategie steht eine komplett neue Fahrzeugarchitektur, die schlicht „Midsize Platform“ heißt. Während Lucids bisherige Modelle eher im teuren Luxussegment angesiedelt sind, soll diese Plattform Fahrzeuge ermöglichen, die preislich unter der Marke von 50.000 Dollar starten. Damit bewegt sich Lucid erstmals in Richtung eines Marktes, der tatsächlich Volumen verspricht. Gleichzeitig betont das Unternehmen, dass die klassischen Markenwerte erhalten bleiben sollen: hohe Effizienz, große Reichweiten, starke Performance und ein Premium-Fahrgefühl.

Die neuen CUV respektive SUV heißen Cosmos und Earth

Auf dieser Plattform sollen zunächst drei Modelle entstehen. Zwei davon wurden bereits vorgestellt – zumindest dem Namen nach. Der Lucid Cosmos ist als SUV positioniert und soll vor allem mit Platz, Effizienz und Leistung punkten. Der Lucid Earth verfolgt ebenfalls das SUV-Konzept, richtet sich laut Lucid jedoch stärker an Fahrer mit etwas mehr Abenteuerlust und sportlichem Anspruch. Ein drittes Modell ist ebenfalls geplant, Details dazu will das Unternehmen später nachreichen. Dass es sich dabei wahrscheinlich nicht um einen weiteren SUV handeln dürfte, liegt nahe – schließlich ist selbst der amerikanische Markt irgendwann einmal mit hochgelegten Elektroautos gesättigt.

Neu: Das Antriebssystem namens "Atlas"

Technisch basiert die neue Plattform auf einem komplett neuen Antriebssystem namens Atlas. Wie so vieles bei Lucid ist auch dieser Antrieb vor allem auf Effizienz und Integration ausgelegt. Motor, Inverter und Getriebe sind möglichst kompakt zusammengeführt, wodurch das gesamte System kleiner, leichter und günstiger werden soll. Ein scheinbar unspektakuläres, aber für die Produktion wichtiges Detail ist, dass Vorder- und Hinterachse identische Gehäuse und Befestigungspunkte verwenden. Das reduziert Komplexität in der Fertigung und senkt Kosten – Dinge, die für ein Start-up in der kapitalintensiven Autoindustrie durchaus überlebenswichtig sein können.

Überhaupt dreht sich ein Großteil von Lucids Argumentation um das Thema Effizienz. Und diesmal nicht nur als technische Spielerei, sondern als wirtschaftlicher Vorteil. Batterien machen heute rund 30 bis 40 Prozent der Kosten eines Elektroautos aus. Wenn ein Fahrzeug mit weniger Energie auskommt, kann es die gleiche Reichweite mit einer kleineren Batterie erreichen. Kleinere Batterien bedeuten weniger Rohstoffe, weniger Gewicht und damit auch niedrigere Produktionskosten. Lucid versucht genau aus diesem Zusammenhang ein strukturelles Geschäftsmodell zu bauen – eine Strategie, die zumindest auf dem Papier durchaus logisch klingt.

Die Autos müssen günstiger werden. Deshalb verzichtet man auf Unnötiges wie Zierleisten am Fenster und mehr...

Parallel dazu arbeitet das Unternehmen daran, seine Fahrzeuge konstruktiv zu vereinfachen. Unter dem Schlagwort „Design for Manufacturing“ wurden verschiedene Maßnahmen vorgestellt, die Produktion und Montage effizienter machen sollen. Ein Beispiel: Bei der neuen Plattform verzichtet Lucid auf die klassischen Zierleisten entlang der Fensterlinie. Das reduziert Bauteile, spart Montagezeit und senkt Kosten. Und nebenbei wirkt das Design tatsächlich etwas cleaner, was man im Elektrozeitalter natürlich auch gern als bewusste Stilentscheidung verkaufen kann.

Doch Lucids Zukunft soll nicht nur aus Autos bestehen, die Menschen selbst fahren. Ein wesentlicher Teil der Vision dreht sich um autonome Mobilität. Das Unternehmen bestätigte, dass die Gespräche mit Uber weit fortgeschritten sind. Ziel ist eine Vereinbarung, nach der Fahrzeuge der neuen Plattform in großem Maßstab als Robotaxis eingesetzt werden könnten. Die geplante Größenordnung soll sich an einem bestehenden Robotaxi-Projekt rund um den Lucid Gravity orientieren – mit der Möglichkeit, die Flotten später weiter auszubauen.

Das Robotaxi heißt Lunar - und ist als Zeisitzer konzipiert

Als Vorgeschmack auf diese Zukunft präsentierte Lucid auch ein Konzeptfahrzeug namens Lunar. Dabei handelt es sich um ein speziell entwickeltes zweisitziges Robotaxi, das ebenfalls auf der Midsize-Plattform basiert. Das Fahrzeug ist darauf ausgelegt, möglichst effizient zu arbeiten, möglichst lange im Einsatz zu sein und über seine Lebensdauer möglichst niedrige Betriebskosten zu verursachen. Im Moment ist Lunar allerdings genau das, was viele Robotaxi-Projekte derzeit sind: ein Konzept. Ob und wann solche Fahrzeuge tatsächlich im Alltag unterwegs sein werden, bleibt abzuwarten.

Kurzfristig geht es bei Lucid ohnehin um deutlich weniger futuristische Aufgaben. In den kommenden Jahren muss das Unternehmen vor allem zeigen, dass es Fahrzeuge in größeren Stückzahlen produzieren kann. Der neue SUV Lucid Gravity soll weiter hochskaliert werden, gleichzeitig arbeitet man daran, neue Märkte zu erschließen und zusätzliche Einnahmequellen über Software und digitale Dienste aufzubauen. Parallel dazu sollen Materialkosten und Produktionsprozesse weiter optimiert werden, während das Unternehmen seine Investitionen strenger kontrollieren will. Kurz gesagt: weniger Geld verbrennen, mehr Autos verkaufen.

 

Und genau hier liegt der eigentliche Knackpunkt. Lucid hat bereits bewiesen, dass es technisch herausragende Elektroautos entwickeln kann. Der Air gilt weiterhin als eines der effizientesten Serienfahrzeuge der Welt. Doch die Geschichte der Elektroauto-Start-ups ist voll von Unternehmen, die hervorragende Technik gebaut haben – und trotzdem wirtschaftlich gescheitert sind.

 

Die neue Plattform ist deshalb weit mehr als nur eine Modelloffensive. Sie ist ein Versuch, aus Lucid ein Unternehmen zu machen, das nicht nur beeindruckende Autos baut, sondern auch ein funktionierendes Geschäftsmodell hat. Günstigere Fahrzeuge, höhere Stückzahlen, zusätzliche Einnahmequellen über Software, Partnerschaften im Mobilitätsbereich und möglicherweise Robotaxi-Flotten – all das soll zusammen den Weg zu dauerhaft positiven Finanzen ebnen.

Ob dieser Plan aufgeht, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Die Technik wirkt vielversprechend, die Strategie klingt zumindest plausibel, und die Autos sehen weiterhin hervorragend aus. Aber die Geschichte der Autoindustrie hat schon viele brillante Ingenieursprojekte gesehen, die an der Realität der Produktion gescheitert sind.Lucid hat also weiterhin einige der interessantesten Elektroautos der Branche. Jetzt müssen sie nur noch beweisen, dass sie auch eine ebenso interessante Bilanz liefern können.

 

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