Jeep Recon: Wow! So geht Wrangler auf elektrisch!

Der Jeep Wrangler ist Ikone und Markenkern – und trotzdem nicht wirklich mehrheitsfähig. Wie könnte nun ein elektrischer Nachfolger für ein dezent größeres Publikum aussehen, ohne das Offenheit und Urtugenden verlorengehen? So wie der Recon, in dem wir jetzt erstmals Platz nehmen konnten.

In Barcelona konnte man bereits probesitzen. | Foto: G. Soller
In Barcelona konnte man bereits probesitzen. | Foto: G. Soller
(erschienen bei VISION mobility von Gregor Soller)

Optisch sieht er kleiner aus als er ist, aber sobald man in ihm Platz nimmt, merkt man, dass der Recon ein aufrechter 4,8-Meter-Bursche ist, der innen fast kathedralenhaft Platz bietet und mit viel Liebe zum Detail punktet. Das fällt schon bei den blau hinterlegten Türöffnern an und hört bei den rot unterlegten Fahrmodischaltern noch nicht auf. In den Türverkleidungen gibt es Strippen zum Halten von Equipment und der Beifahrer darf sich, wenn er offroad Angst bekommt, in einen massiven „Ooooh-Shit-Handle“ krallen.

Denn der Recon ist für ganz hartes und schweres Gelände ausgelegt und kann in Moab, wo Jeep immer seine Hardcore-Steinwüstenklettereien veranstaltet, auch die unwegsamsten Passagen erklimmen. Dafür gönnte sich Jeep eine eigene Elektro-Architektur mit hier immer vollelektrischem Allradantrieb samt Selec-Terrain-System mit mehreren Fahrmodi, das auf alle möglichen Bedingungen eine Antwort finden soll. 

Starke Motoren mit mindestens 400 PS

Konnten wir bei unserem Sit-in jetzt nicht überprüfen, aber glauben wir einfach mal. Antriebstechnisch fährt das Topmodell mit 650 PS (478 kW) und einem Drehmoment von 840 Nm auf und schießt den Kasten in unter vier Sekunden Sekunden auf 100 km/h. Es ist aber auch eine Version mit „nur“ 400 PS und 650 Nm geplant.

Leider nur 400-Volt-Technik

Nicht so steil ist die Reichweite des 100-kWh-Akkus, die abhängig von der Ausstattung bis zu 450 Kilometer betragen soll. Das 100-Kilowattstunden-Batteriepaket mit 400 Volt ist mit einem vollständigen Satz robuster, hochfester Stahlunterbodenschilde geschützt. Hier wären 800 Volt natürlich noch netter gewesen, nachdem man sich beim Fahrwerk schon so Mühe gab. Nun gibt es immerhin am Ortseingang von Moab ein paar richtig schnelle Schnelllader, danach ist man aber ziemlich auf sich gestellt, wenn über Land Richtung Grand Canyon weiterfährt…Bob Broderdorf, CEO der Marke Jeep, erklärt uns dann auch stolz:

„Mit dem Jeep Recon beweisen wir, dass Elektrifizierung nicht nur mit Offroad-Exzellenz ermöglicht, sondern diese sogar verbessern kann. Sofortiges Drehmoment, präzise Kontrolle und ein leiseres, besser vernetztes Fahrerlebnis sorgen für in einzigartig, charakteristisches Jeep-Gefühl.“

Dass wir in Moab besser aufgehoben wären als in Barcelona, zeigt auch das Trail-Rated-Siegel, dass dort auf einem extra schweren Terrain „eingefahren“ wird. Und siehe da: Als einziges vollelektrisches SUV hat Jeep dieses Trail Rated-Gütesiegel mit dem Recon für sich selbst erreicht.

Womit wir mal unter die Haube und unter den Prototypen linsen: Unter Ersterer gibt es einen 84-Liter-Frunk. Darunter steckt eines der beiden von Stellantis entwickelten, elektrischen Antriebsmodule (EDM), mit je 250 kW Leistung. Sie liefern den serienmäßigen elektrischen Allradantrieb und sofortiges Drehmoment auf Abruf. Jedes EDM vereint Elektromotor, Getriebe und Leistungselektronik in einer kompakten Einheit und sorgt so für eine höhere Effizienz.

Offroad sehr souverän mit mehreren speziellen Fahrmodi

Das Antriebssystem liefert 840 Nm Drehmoment, das sofort zur Verfügung steht – ohne auf den Aufbau von Motordrehzahlen warten zu müssen. Ganz wichtig und ein Learning vom Wrangler Plug-in: Das Gaspedal muss so abgestimmt sein, dass das Drehmoment kontrolliert und präzise abgegeben wird, was ein souveränes Offroad-Erlebnis ermöglicht. In den Offroadmodi bedeutet das auch mal einen längeren Pedalweg, denn der Wrangler wirft immer gern gleich „alles“ an E-Power an die Räder, was die Dosierung gerade in ganz schwerem Gelände sehr schwer macht. Dann „springt“ der Wrangler gern (zu) schnell mal von Stein zu Stein…

Danke - es gibt ein echte Sperren und eine Untersetzung!

Zur Steigerung der Geländetauglichkeit verwendet das Moab-Modell hinten eine Endübersetzung von 15:1, die das Drehmoment stark multipliziert und auch anspruchsvolle Bedingungen problemlos bewältigen lässt. Und man spendierte ihm ein elektronisches Sperrdifferenzial, das das Drehmoment bei Bedarf gleichmäßig auf beide Hinterräder verteilt. So bleibt die Traktion selbst auf anspruchsvollen Strecken erhalten. Über einen Schalter lässt sich das Differenzial von offenem Betrieb auf vollständig gesperrt umschalten.

Das vordere EDM nutzt eine Endübersetzung von 11:1 in einem offenen Differential, die Leistung und Komfort ausbalanciert. Die Vorderachse verfügt über automatische Kupplungen an den Radnaben, die den Energieeinsatz und die Reichweite auf der Straße optimieren sollen, wenn der Antrieb über die Hinterräder effizienter ist.

Die Ingenieure bereiteten den Jeep Recon mit halben Wellen mit großem Durchmesser und robusten Gleichlaufgelenken (CV) für den Trail-Einsatz vor, um das gesamte Drehmoment auf die Räder zu übertragen. Auch hier ging Jeep in die Vollen: Mit speziellen Querlenkern vorn und einem integrierten Querlenker hinten. Das soll auch helfen, die Reifenaufstandsfläche zu maximieren, was vor allem Offroad hilft.

Große Böschungswinkel dank kurzer Überhänge

Die großzügig ausgelegte Federung und die serienmäßigen 33-Zoll-Reifen der Moab-Ausstattung bieten eine Bodenfreiheit von rund 23 cm. In der Offroad-Spezifikation bietet der Recon einen Böschungswinkel von 34 Grad vorn, 34,5 Grad hinten und einen Kippwinkel von 23,5 Grad.

Kommen wir nochmal zu den beiden gummierten Tastern auf dem roten Feld der Mittelkonsole: Die bedienen das elektronische Traktionsmanagementsystem Selec-Terrain und entsprechen den einstigen Schaltprügeln respektive hebeln für Untersetzung und Sperren – die man gern auch mal mit sanfter Gewalt bedienen musste und vor allem: Wissen musste, WANN man das tut!

Software sorgt für Geländetauglichkeit

Bei der Moab-Ausstattung, die auch in Barcelona stand, kommt neben „Auto“, „Sport“, „Snow“, „Sand“ noch der Rock-Modus hinzu. Verschiedene Software-Kalibrierungen passen dann die Hardware an. Und wie bereits vorher erwähnt, reduziert der Rock-Modus die Gaspedalreaktion, um das Vorankommen auf unebenem Gelände zu steuern. Und: Er und ermöglicht eine Zwei-Pedal-Fahrtechnik, um das Fahrzeug zu steuern. Der Rock-Modus verfügt außerdem über eine Berganfahrfunktion, mit der sich der Fuß des Fahrers von der Bremse auf das Gaspedal setzen lässt, ohne dass sich das Fahrzeug bewegt – die Bremsen „krallen“ es derweil an Ort und Stelle fest. Wichtig, wenn man in ganz kniffeligen Passagen zum Stillstand kam und wieder anfahren möchte.

Und natürlich bietet der Recon eine Selec-Speed Control für schwierige Steigungen und Gefälle, um die eingestellte Geschwindigkeit beizubehalten, dass sich der Fahrer oder die Fahrerin ganz aufs Lenken konzentrieren kann. Und ja, die Lenkung darf in schwerem Gelände gern etwas indirekter übersetzt sein, dass einem nicht jeder Brocken gleich das Volant aus der Hand schlägt und man das Fahrzeug millimetergenau platzieren kann.

Natürlich kann man alle Türen ohne Werkzeug entfernen

Und sonst? Können wir auch im Stand schon genießen, dass durch das Doppelglas-Schiebedach viel Licht reinkommt, optional gibt es ein optionales Sky One-Touch Power Top. Interessant: Bündig montierte E-Entriegelungsgriffe ermöglichen einen mühelosen Zugang, und trotz dieser Elektrik kann man die Türen abnehmen: Der Recon ist das aktuell einzige vollelektrische Fahrzeug, das mit abnehmbaren Türen und herausnehmbaren hinteren Seitenscheiben ausgestattet ist. Dazu sind keine Werkzeuge erforderlich.

Das Reserverad bleibt außen vor

Und sein Reserverad trägt er außen an der Schwenkklappe. Quadratisch, praktisch gibt sich der Kofferraum dahinter, dessen Volumen sich auf bis zu 1.866 Liter erweitern lässt, wenn man die zweite Reihe umlegt, was absolut ebenerdig möglich ist – auch keine Selbstverständlichkeit. Dazu kommt ein Frunk vorn mit 84 Liter Volumen.

Die robuste Moab-Ausstattung, die zuerst vorgestellt wird, sorgt mit glänzend schwarzen Blenden, Radverbreiterungen, optionalen seitlichen Schienen und exklusiven Jeep-Emblemen mit topografischer Gravur und einer blendfreien mattschwarzen Motorhaubengrafik für eigene Akzente.

Optional gibt es einen Gummientenhalter!

Auch innen pflegt der Jeep abwaschbare Robustheit. Theoretisch könnte man ihn auch einfach „auskärchern“, denn die Gummimatten am Boden sind robust und verzeihend. Dazu kommen – wir nennen sie bewusst „clevere“ Details wie eine modulare Zubehörschiene auf der Instrumententafel für die Montage von Kameras, Navigationsgeräten oder sogar einen – und jetzt wird es seeeehr markenspezifisch – einen Gummi-Entenhalter: Jeep—Fahrer bedenken sich immer gegenseitig mit Gummientchen. Dazu kommen abriebfeste und rutschfeste Oberflächen.

Die Mittelkonsole hat zwei „Stockwerke“ mit kabellosem Ladepad auf der oberen Ebene und einer Kabeldurchführung zu einem unteren Fach, das sich ideal für Tablets, Geldbörsen oder größere Gegenstände eignet. Modulare Türverkleidungen mit abnehmbaren elastischen Gurten und austauschbaren Ladelösungen sorgen für eine flexible Organisation. Dazu kommen natürlich auch hier viele recycelte Materialien und robuste Bodenmatten.

Die Speaker wanderten aus den Türen unter die Sitze

Um das Open-Air-Erlebnis zu verbessern, ist der Jeep Recon serienmäßig mit einem Premium-Alpine-Audiosystem ausgestattet. Neu positionierte Lautsprecher, die von den traditionellen Türhalterungen unter die Sitze verlegt wurden, sorgen für Sound, selbst wenn die Türen entfernt sind. Auch beim Infotainment legt Jeep nach und kombiniert ein 12,3-Zoll-Fahrercluster mit anpassbaren Menüoptionen und moderner Grafik, gepaart mit einem horizontalen 14,5-Zoll-Touchscreen-Radio-/Center-Display - der größten nutzbaren digitalen Bildschirmfläche, die je in einem Jeep angeboten wurde. Und man bleibt nebenher bei physischen Drehreglern für Audio und Tastern für Audio.  Größere dynamische Displays verbessern auch die Lesbarkeit von Karten und Kameraansichten, sodass der Fahrer informiert bleibt und die Kontrolle behält. Tatsächlich hilft offroad hier die Größe der Screens.

Und für Offroad-Enthusiasten gibt es eine Jeep-exklusive Trails Offroad-App, die einen Leitfaden für Trails in den USA und Kanada bietet. Optimierte BEV-Seiten bieten Echtzeit-Einblicke in den Ladezustand des Fahrzeugs, während Dynamic Range Mapping von TomTom dabei hilft, lange Fahrten präzise zu planen und anzuzeigen, wann und wo geladen werden muss. Dazu kommt die Amazon Alexa-Funktionalität und eine aktualisierte mobile Jeep-App, die planmäßige Wartung, Pannenhilfe, Unfallunterstützung sowie Sicherheits- und Rückrufbenachrichtigungen in Echtzeit unterstützt.

Zuerst werden die USA und Kanada beliefert

Die Produktion des Jeep Recon soll Anfang 2026 im mexikanischen Montagewerk in Toluca beginnen. Die ersten Markteinführungen sind in den USA und Kanada geplant, danach folgt die globale Expansion. Der Basispreis wird um die 65.000 Dollar betragen.

Was bedeutet das?

Unser erster Eindruck vom Recon ist ein Bleibender: Er tritt deutlich kultivierter und mehrheitsfähiger auf als der Wrangler und kann trotzdem wie der ohne Türen sehr offen bewegt werden, aber elektrisch eben deutlich müheloser UND präziser! Einziger Kritikpunkt: Er ist im D-Segment mit den hohen Leistungen schon sehr hoch positioniert. Ein „Baby-Recon“ am unteren Ende der Jeep-Palette stünde deshalb auch noch auf unserer Wunschliste.

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