Fahrbericht Mercedes-Benz VLE: Der Drei-Generationen-Sprung
Eigentlich springe man mit dem VLE ja drei Generationen, erklärt uns Mercedes-Benz-Van-Entwicklungschef Dr. Andreas Zygan, der mit Van.EA sein spätes Meisterwerk abliefert. Klar, wenn man weiß, dass unter der noch aktuellen V-Klasse, dem „Wagen 447“ im Rohbau teils noch der „Wagen 639“, also der Viano von 2003 steckt, dann sind das 23 lange Jahre! Gut, bei Nutzfahrzeugen und Vans rechnet man pro Generation ohnehin eher in Dekaden, doch für den VLE alias „Wagen 449“ machte man ALLES anders!
Er ist der erste Vertreter der neuen Plattform „Van.EA“, die ganz neu aufgestellt wird: In edle Personentransporter alias VLE und dann eine „Commercial“-Baureihe, die Vito und Sprinter dezent „zusammenführt“, wobei der Vito-Nachfolger weiter im spanischen Vitoria montiert werden wird, während der Sprinter auch wegen der Größe und Variantenvielfalt woanders vom Band laufen wird, wobei hier die beiden aktuellen Stammwerke Düsseldorf und Ludwigsfelde dezent „wackeln“, da zu teuer…
Einen VLE kann man sich locker sechsstellig ausstaffieren
Aber wir schweifen ab – und wollen ja VLE fahren. Und greifen hier gleich die noch aktuelle „Basismotorisierung“ mit Frontantrieb aus, den aber als „Exclusive Line“, die mit einigen Extras gut 127.500 Euro kostet… womit er fast doppelt so viel kostet wie die Basis, die bei 64.804 Euro startet. Was kriegt man dafür?
Nun, schon das satte Schlagen der Tür verrät: S-Klasse-Feeling mit mehr Platz! Wir zupfen den Wählhebel auf „D“ und entschweben dem edlen Hotel Arri Luce, in dem Mercedes-Benz seinen neuen luxuriösen „Auch-Hotelshuttle“ vorstellt. Auf der Zufahrtstraße mehrere Speedbumper, von denen der VLE 300 die kleineren dank Luftfederung einfach komplett ignoriert! Was vor allem die Fahrgäste im Fond spüren, indem sie quasi nix mehr spüren! Aber auch fiesere Verwerfungen bügelt der VLE einfach glatt, weshalb wir die Luftfederung, so es das Budget hergibt, auf jeden Fall ankreuzen würden.
Ebenso wie die Hinterachslenkung, die mit bis zu 7 Grad einschlägt und den Wendekreisdurchmesser von 11,6 auf 10,9 Meter verkleinern kann oder bei höheren Tempi dezent parallel zu den Vorderrädern mitlenkt und so Spurwechsel glättet. Beim Ausfahren aus der engen Hoteleinfahrt macht sich die sofort bezahlt: Wo wir vorher mit der V-Klasse weit ausholen müssen und dann jeden Speedbumper mitbekommen, lenken wir den VLE einfach ohne großes Ausholen aus der Einfahrt und schweben von dannen.
Die Reichweite? Reichlich, oder: Reicht auf jeden Fall!
Und kriegen bei 88% Akkustand 511 Kilometer Restreichweite angezeigt, die nach weiteren 55 Kilometern durchs Hinterland von Bilbao – allerdings fast ohne Autobahnabschnitte auf gerade mal 503 Kilometer sinkt bei 78% Akkustand! Wer also viel shuttelt und wenig Langstrecken hat, könnte den VLE also tatsächlich locker auf weit über 600 Kilometer Reichweite und damit nah an die 700 Kilometer plus x nach WLTP bringen.
Aber selbst, wer viel Autobahn fährt und öfter auch mal die 180 km/h Topspeed nutzt, dürfte selbst unter schlechten Bedingungen immer 350 Kilometer weit kommen. Womit der VLE uneingeschränkt langstreckentauglich ist, das braucht man nicht mehr diskutieren. Verantwortlich dafür ist der günstige cW-Wert von 0,25 und das effiziente Antriebs- und Klimamanagement und der brutto 115 kWh bietende Akku.
Schnellladen geht wirklich schnell: In 15 Minuten bis zu 355 Kilometer
In den man dank 800-Volt-Technik unter Idealbedingungen binnen 15 Minuten bis zu 355 Kilometer Reichweite reinblasen kann, womit sich die Ladezeiten auch drastisch verkürzen. Interessant: Dr. Andreas Zygan fährt selbst seit Jahren nur noch elektrisch und der eher konservative Bekanntenkreis tut das mittlerweile ebenfalls, trotz anfänglicher Skeptik. Und Zygan möchte „nie mehr zurück“. Und beobachtet eine Verschiebung der Diskussion dahingehend, das rein elektrische Antriebe jetzt als „DIE neue Technik“ gesetzt sind und immer klarer wird, dass ihnen die Zukunft gehört!
Weshalb er mit seinem Team auch Van.EA komplett neu als Skateboard aufbaute, um innen einen riesigen ebenen Boden zu haben. Wofür er CEO Källenius zweierlei aus dem Kreuz leierte: Das Versprechen, dass er den VLE als Pkw respektive „Grand Limousine“ ganz anders weiterentwickeln würde wie die Commercial Vans. Und dass er dafür die neueste Technik brauche, unter anderem den extrem flach bauenden zweiten Elektromotor für den VLE 400 im Heck.
Hat geklappt! Aber schon der VLE 300 bietet mit seinen 203 kW immer genug Punch und die Vorderräder lassen sich davon nie aus der Ruhe bringen. Und so surfen wir souverän durchs baskische Hinterland um Bilbao herum, wobei der VLE hier einen perfekte Synthese aus Komfort und gerade-noch Knackigkeit findet. Und hier ganz klar Mercedes-Benz ist, wo Komfort über Sportlichkeit gestellt wird!
Auf engen Straßen spürt man die Größe
Denn mit fast zwei Metern Breite ohne Spiegel und 5,3 Meter Länge ist er schon ein ziemlicher Riese, was die Designer gut kaschiert haben. Auf den engen spanischen Nebenstraßen merkt man das dann leider doch sehr schnell und Parklücken findet man dann auch kaum, weil er absolut gesehen einfach zu lang ist! Was laut Zygan, der das selbst bedauert, vor allem den immer strengeren Crashnormen geschuldet ist – die auch der VLE noch in ferner Zukunft erfüllen muss. Da braucht es Breite für die Seitenairbags und den Mittelairbag und Crashboxen im Rohbau vorn und hinten, den man mit reichlich Alu so leicht wie möglich konstruiert hat.
Und trotzdem kommt so ein vollausgestatteter VLE 300 Exclusive Line dann auf weit über 2,6 Tonnen und das kann er zusammen mit der Größe dann doch nicht ganz kaschieren. Weshalb man ihn eher gleiten als kurvenraspeln lässt – denn für einen wirklich sportlichen Van müsste die Lenkung eine Idee straffer und die Feder-Dämpfer-Einheit selbiges sein.
Doch immerhin verkniff sich Mercedes-Benz ein dickes Lenkrad und man greift stattdessen in einen schlanken Kranz, mit dem er sich fein positionieren lässt. Leider hat man hier noch nicht auf die unsäglichen Touchslider verzichtet – dafür punktet er mit einem klar gegliederten Hauptmenü am Zentralscreen – beim Testwagen war natürlich der Superscreen verbaut, damit auch der Beifahrer Infos und Beschäftigungsmöglichkeiten hat, falls ihm der Ausblick – in unserem Fall auf die Biskaia – zu fad wird.
Kluge Fahr- und Sprachassistenz
Die Fahrassistenz hält das Tempo von sich aus gut im Zaum, da die Rechner im Hintergrund immer brav die Karte laden und der VLE ladeplant natürlich gekonnt – mit diversen einzustellenden Parametern – und versteht auch abstrakte Ansagen wie „Ich habe Hunger“ oder „Mir ist kalt“. Und wie bei BMW möchte man auch hier die Kommunikation mit dem Auto immer weiter vorantreiben und immer einfacher machen. Weshalb man laut Zygan auch MB.OS als eigenes Betriebssystem entwickelt hat und vorantreibt.
Doch „treiben“ tut es die Insassen im VLE eigentlich nie, zumal wir in Reihe zwei auch noch die ausfahrbare Kinoleinwand und die superkomfortablen „Captain Chairs“ mit uns herumfuhren. Deren Nachteil: Sie lassen sich nur elektrisch verstellen, aber nicht aus- und einbauen. Wer das braucht sollte zur Basis greifen, wo man die 27-Kilo schweren Trümmer leicht entriegeln und dann wegrollen kann. Doch zurück zum Cinema-Mode: Auf Befehl verdunkelt der VLE im Kinomodus dann alle Scheiben und schließt das Dachrollo – andres lässt sich laut Zygan übrigens nie ein wirklich guter Sonnen- und Hitzeschutz realisieren – und dann kann man Filme schauen, im Internet surfen oder eben arbeiten.
Am Heck zieht der VLE stark ein – das merkt man in Reihe drei
Dahinter in Reihe drei wird es dann doch etwas kuschelig, den zum Heck hin zieht der VLE 300 in alle Richtungen ein. Hier fordert die Aerodynamik ihren Tribut und da die bekanntlich am Heck gemacht wird, optimierte man den VLE hier sehr stark.
Beim Kofferraum behielt man die große Klappe mit separat zu öffnender Scheibe bei. Und der Öffnungstaster der Scheibe ist übrigens das einzige Übernahmeteil aus der V-Klasse. Es hat dort immer top funktioniert und deswegen verkniff man sich bei diesem einen Bauteil den Sprung der drei Generationen!
Was bedeutet das?
Der VLE ist ein Riesensprung gegenüber der V-Klasse. Vor allem in Reichweite und Komfort. Und die Entscheidung, ihn anders zu positionieren und von den Commercial-Vans zu trennen, finden wir goldrichtig.
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