Mercedes Vision V: Nobler Vito-Bruder mit spitzer Zielgruppe

Mit der VAN.EA-Plattform will Mercedes die einstigen Zwillinge Vito und V-Klasse viel weiter ausdifferenzieren. Und peilt damit auf den wachsenden Markt der Luxus-Vans in China. Ein erster Blick auf das "Showcar" Vision V offenbart: Hierzulande eine sehr spitze Zielgruppe…

Stämmige Erscheinung: Mit 2,10 Meter Breite und 5,48 Meter Länge ist das Showcar raumgreifend. | Foto: Mercedes-Benz
Stämmige Erscheinung: Mit 2,10 Meter Breite und 5,48 Meter Länge ist das Showcar raumgreifend. | Foto: Mercedes-Benz
(erschienen bei VISION mobility von Johannes Reichel)

Trommelwirbel, Blitzlichtgewitter, Kunstnebel - großes Kino „out of Untertürkheim“ – die Van-Sparte lässt nichts unversucht, die kommende Generation der V-Klasse auf der neuen, elektrischen Plattform VAN.EA als „Dawn of a new era“, den Beginn einer neuen Ära zu inszenieren: Hier kommt das "Showcar Vision V". Puh, ganz schön dick aufgetragen, für einen „Transporter“. Denn das ist auch die nächste V-Klasse letztlich und das ist ja auch gut so und gar nicht ehrenrührig. 

Denn ein Van oder hier besser Großraumlimousine soll ja vor allem eines: Viel Platz auf wenig Fläche bieten, sprich klassische Nutzfahrzeugtugenden. Die will man aber partout verleugnen, peilt man doch mit der nächsten Generation, auf die man mit dem Concept V einen allerersten, etwas überkandidelten, anthrazit-hochglänzenden, LED-funkelnden Ausblick gibt, auf eine vor allem in China stark wachsende Klientel. Eine „privat Lounge für das Luxussegment“ will man mit dem neuen Sternenkreuzer kreieren, so die Schwaben. Kurz: Ein Wohnzimmer auf Rädern, wenn man schon so viel im überbordenden Verkehr der Megametropolen herumsteht.

„Der Vision V ist der Beginn einer neuen Ära für Mercedes-Benz Vans. Er zeigt, wie wir Luxus im wahrsten Sinne des Wortes Raum geben und ein eigenes Segment definieren. Damit setzen wir Maßstäbe in Design, Komfort und User Experience – und werden den höchsten Ansprüchen unserer Kunden gerecht“, wirbt Thomas Klein, Leiter Mercedes-Benz Vans. 

Und peilt vor allem auf die Nobelklientel in China, unter der die eigentlich in Europa aus der Mode gekommenen Großraumvans als loungebestuhlte Edelshuttle auf einmal wieder populär sind. Es soll hier Umrüster geben, die die ihnen sonst zu schnöde V-Klasse oder den gewiss nicht ärmlich ausstaffierten elektrischen EQV verwenden, um ihn nochmal so richtig aufzumöbeln. Dieses Geschäft will man lieber selbst machen, in Untertürkheim.

Viel Platz, aber nicht für viele

Viel Platz hat schon das Concept V im Inneren, aber halt nicht für viele: Vier Leute kommen unter, einer davon ist als Chauffeur vorgesehen. Hinten lümmeln die Chefs und fühlen sich wie in einer rollenden Lounge. Wobei das üppig in schneeweißem Nappalederimitat unter Hinzunahme von reichlich Plexiglas, Chrom, poliertem Alu und auch etwas Holz ausgeschlagene Interieur etwas klinischen Charme einer Zahnartztpraxis im Nobelviertel ausstrahlt, wie auch die Sitze ein wenig an Dentistengestühl gemahnen. Ähnlich weit verstellbar, nur halt mit ihren „röhrenförmigen Kissen“ deutlich bequemer und breiter.

Natürlich soll es ein immersives Erlebnis geben

Experimentell dann das „curved Display“, das sich aus dem Schacht hinter den von einer per Nanotechnologie dimmbaren Milchglasscheibe abgetrennten Vordersitzen zu monströsem 65-Zoll-Format in 4k-Auflösung unter dem halbtransparenten Boden herausrollt (wenn es nicht gerade blockiert) und zusammen mit den sagenhaften 42 Lautsprechern und sieben Projektoren in Himmel und Boden sowie Displays in den Seitenscheiben wahre 360°-Cinemascope-Atmosphäre aufkommen lassen soll. Dazu animiert ein „Exciter“ in den Sitzen, der die Musik auch „haptisch“ erlebbar machen soll. Nicht weniger als sieben Erlebniswelten lassen sich mit all dem High-Tech-Equipment schaffen: Entertainment, Relax, Gaming, Shopping, Work, Discovery oder gar das in Fernost beliebte „Karaoke“ - „Schnee-Vanchen und die sieben Welten“ sozusagen. Hoffentlich entsteht keine „Reizüberflutung“.

Cocooning: Genau richtig Shanghaier oder Stuttgarter Stau

Eine „immersive User Experience zu einem ganzheitlichen Erlebnis mit Cocooning-Effekt“ versprechen die Macher, da mag der Verkehr außen herum noch so zäh fließen – oder miefen. Aber davon kriegt man vor lauter Screens und abgedunkelten Scheiben und der Beduftung aus dem „Flacon aus poliertem Aluminium“ innen ja eh nicht viel mit. Wenn man etwa in eine Partie analoges Schach vertieft ist, dass sich aus der mittigen Glasvitrine als Tisch entfalten lässt. Breitbildatmosphäre hat man allerdings auch auf den vorderen Plätzen, wo die Armaturentafel zu einem einzigen Bildschirm verfließt, den man beim „Daimler“ sinnigerweise als „Hyperscreen“ bezeichnet. Bleibt die Frage: Wie soll man sich da noch auf die Straße konzentrieren? Wie auch immer. Statt einen Film zu schauen, kann man aber auch selbst zum Filmstar werden – eine Kamera fehlt natürlich nicht und verwandelt den Vision-V-Fond in einen Konferenzraum.

Lichtspielhaus: Lamellenparty an der Front

Ein einziges Lichtspiel für sich ist sodann der mit 390 LEDs besetzte Lamellenkühlergrill, der im Elektrozeitalter zwar seine einstige Funktion der Zufuhr von Kühlluft für die Verbrennungskraftmaschine verloren hat, aber nicht seine Funktion als Markenzeichen. Nähert sich der Fahrer, startet sogleich eine Lichtinszenierung, gipfelnd im hell erstrahlenden Stern in der Haube. Alles, nur keine „ollen Lamellen“ wollte man hier wohl bieten. Fett aufgefahren wird also, um die V-Klasse, Verzeihung Vision V, als MERCEDES kenntlich zu machen und die „Ikonographie“ der legendären schwäbischen Marke zu unterstreichen. 

Die LED-Streben sorgen jedenfalls für dramatischen Auftritt und jede Menge Überholprestige, wenn das denn im Shanghaier oder Stuttgarter Stau im wahrsten Sinne „zielführend“ ist. Und mit den „Welcome-Screens“ in den verchromten B-Säulen macht der Benz auch nach außen den extrovertierten „Grüß-August“. Selbstverständlich hilft eine elektrische und chrombesetzte Trittstufe beim Entern des edlen Interieurs.

Gute Frage: Ist das zulassungsfähig?

Manchem der bisher eher für ihre feine Diskretion bekannten Kunden der Ü-60-Klasse mag das zu „dick aufgetragen“, schlicht zu protzig sein, was die Benz-Vans-Macher da glitzern lassen. Zurecht stellt der norwegische Kollege die stocknüchterne, rhetorische Frage, ob dieser „rollende Weihnachtsbaum“ denn bei den nordischen Zulassungsbehörden eine Genehmigung erhielte. Und schiebt die Antwort selbst hinterher: Niemals. Zweifel bestehen da auch für den spektakulären, aus 450 dreidimensionalen LED-Lamellen bestehenden Licht-Kranz am Heck, der die V-Vision zum Herrn der Ringe werden lässt. 

Auch die riesigen 24-Zoll-Räder verfügen über Leuchtlamellen. Ach so, da bei so viel LED-Spiel ist es natürlich nicht schlecht, eine eigene Energieversorgung an Bord zu haben: Ein Panoramadach darf da nicht fehlen, das mit 168 IBC-Solarzellen mit 539 Watt Modulleistung besetzt ist und im „best case“ für 22 zusätzliche Kilometer Reichweite sorgen soll, bei einem Fahrzeugverbrauch von futuristisch niedrigen 15,5 kWh/100 km.

Laboratorium für Ideen

Ist ja nicht so gemeint, beschwichtigt man beim Benz, sondern nur ein Ideengeber. Wie auch der „steil und stolz“ stehende Stern im Grill oder die „Powerdomes“, die an alte Mercedes-Rennwagen erinnern, als diese Ausbuchtungen noch eine Funktion hatten wie einst der große Kühlergrill. Dazu kommen auch außen von Maybach entlehnte Chromelemente. Ein „Laboratorium“ für die Serie, die dann deutlich zahmer aussehen dürfte, soll das Concept Vision V sein, heißt es.

Technisch will man vor allem auch die „Quadratur des Kreises“ erproben mit dem Concept, sprich, wie aerodynamisch bekommt man einen „Kastenwagen“ hin. Dafür wählte man eine fließende Form, die an Wasserwesen erinnert und „sensual purity“ ausstrahlen soll. Für mehr Windschlüpfrigkeit des Kubus streckt man den „Bonz-Benz“ auf 5,48 Meter, hält aber mit 1,89 Meter Höhe Maß, das ihn dann bei 2,10 Meter Breite auf Lkw-Format verlässt. Die Dachlinie fällt nach hinten leicht ab, die Seiten ziehen leicht ein, was den Wind leichter abgleiten lassen soll. Der Platz im Inneren soll vor allem aus dem langen Radstand von 3,53 Meter kommen, zusammen mit kurzen Überhängen resultiert das trotz Heckantrieb in gewaltigen 14,5 Meter Wendekreis, die beim „echten“ V aber nicht so bleiben werden.  

Der echte V dürfte weniger Bling-Bling auftragen - hoffentlich

Man darf davon ausgehen, dass solche Konzepte natürlich nie 1:1 umgesetzt werden. Aber als „Appetitmacher“ dienen auf das, was dann wirklich kommt, nächstes Jahr startend. So dürfte der „echte“ VAN.EA-Van deutlich seriöser daherkommen, aber sich auch stärker optisch vom auf gleicher Basis und mit tatsächlich 70 Prozent gleichen Teilen und Technik avisierten nächsten Vito abgrenzen, bei dem der reine Nutzwert stärker im Vordergrund steht. 

Pragmatisch sieht man bei Mercedes-Benz Vans auch das Thema Elektroplattform: Aufgrund der anhaltenden E-Flaute im Markt bekommt die VAN.EA (Electric Architecture) jetzt auch noch ein Verbrennerpendant zur Seite gestellt: VAN.CA (Combustion Architecture).  Die will man als „Brückenlösung“ lancieren, bis der Markt endlich elektrisch durchzieht. Maximal flexibel wie die ganze neue Plattform, so will man auch bei Mercedes in der Produktion sein.

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