Taxi heute-Tour mit dem Polestar 4: Mit ein paar Ladesorgen in den hohen Norden

Von München in das Herz Frieslands: Fast 1.000 Kilometer in einem Polestar 4 geben ein Update zur Langstreckentauglichkeit der E-Mobilität im Winter. Ein Erlebnis mit ungepflegten Rastplätzen, Laden nahe am Nullpunkt, einem dichten HPC-Netz in den Niederlanden sowie am Ende pittoresken Städten und Grachten. Und der Polestar 4 steht bei den Umrüstern bereits in den Startlöchern.

Licht und Schatten: In den Niederlanden hat man längst keine Reichweitenangst mehr, so dicht ist das Netz an Schnellladern, meist Fastned-Stationen. | Foto:
Licht und Schatten: In den Niederlanden hat man längst keine Reichweitenangst mehr, so dicht ist das Netz an Schnellladern, meist Fastned-Stationen. | Foto:
(erschienen bei VISION mobility von Johannes Reichel)

Die Rettung schimmert bläulich, ist rechteckig und steht auf einem schmucklosen Supermarkt-Parkplatz in Montabaur. Wir erreichen die Ladesäule mit drei Prozent Batterieladung. Jede Fahrt zu einer anderen Stromtankstelle erscheint uns zu heikel. Also stöpseln wir den Polestar 4 ein, nehmen zähneknirschend die überschaubare Ladeleistung in Kauf. Aber gut, eine Supermarktkette ist kein Betreiber von Schnellladestationen, also passt das schon und wir machen uns auf die Suche nach etwas Essbarem. Als uns von einem Laternenpfahl das lächelnde Antlitz des blondgelockten Schlagerbarden Bernhard Brink entgegenlächelt, hellt sich die Stimmung sofort auf. Gut 75 Minuten später ist die Batterie wieder zu 97 Prozent gefüllt und wir können die Reise fortsetzen.

620 Kilometer Reichweite sind optimistisch

Um die Frage zu beantworten, warum uns die letzte Ausfahrt Montabaur vor der Strandung mit leerer Batterie gerettet hat, müssen wir zum Beginn der Reise zurückkehren, die Montagmorgen in München begann. Das Vorhaben ist schnell umrissen: Auf nach Holland, genauer gesagt nach Friesland. Die Ladestopps soll das bordeigene Android-basierte Navigationssystem vorgeben. Los geht es um 8:57 Uhr bei zwei Grad Celsius, die Batterie ist zu 81 Prozent geladen und als Reichweite meldet der Bordcomputer eine Reichweite von 376 Kilometern. Wir sitzen einem Polestar 4 Long Range Single Motor mit Heckantrieb, 200 kW / 272 PS und einer Batterie mit 100 Kilowattstunden Kapazität. Nominell soll das für 620 WLTP-Kilometer reichen, ein guter Wert, aber wie bei den Benzinern auch, ist diese Angabe meist zu optimistisch.

Mit flottem Autobahntempo unterwegs

Wie dem auch sei. Wir machen uns auf den Weg und rollen flott dahin, allerdings ohne alles aus dem Antriebsstrang herauszuholen, der den Nobel-Schweden in 7,1 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h und bis zu 200 km/h beschleunigt. Die Höchstgeschwindigkeit reizen wir nur einmal aus. Solange wir in Deutschland unterwegs sind, reichen 150 km/h bis 160 km/h völlig. Greding geht bei uns nicht voll, der adaptive Tempomat, der ohnehin nur bis 150 km/h aktivierbar ist, quittiert das das erste Mal den Dienst. Das sollte uns auf unserer Reise in die Niederlande noch des Öfteren widerfahren, aber das System hat sich auch ohne Neustart stets irgendwann wieder auf seine Pflichten besonnen. Trotz der nominell guten Motorleistung fehlt dem Polestar jenseits der 120 km/h so ein bisschen der Elektro-Punch, der das Fahren noch souveräner macht. Zugegeben, das ist Jammern auf hohem Niveau. Wichtiger ist, dass man auch auf langen Strecken und nicht immer den besten Straßen komfortabel unterwegs ist.
 

Von sechs Säulen sind nur drei in Betrieb

Nach 271 Kilometern legen wir den ersten Tankstopp ein. In der Batterie befinden sich noch sechs Prozent der Energie, was für 31 weitere Kilometer reichen würde. Also höchste Zeit, wieder Strom zu saugen. Die Ladesäulen sind schnell gefunden und schon gibt es das erste leichte Stirnrunzeln dieser Reise. Von sechs Energiespendern sind nur drei in Betrieb und einer davon belegt. Alles gut. Also ran an den Stromspender und ab dafür. Der Ladevorgang läuft wie am Schnürchen. Der Polestar 4 verfügt über eine 400-Volt-Technik und erreicht an der Ionity-Säule eine Spitzen-Ladeleistung von 201 kW. Wunderbar. 

Die 200 kW genießt man nur kurze Zeit

Doch hinten wird die Ente fett. Soll heißen, der Maximalwert ist zwar schön für das Elektromobil-Quartett, aber ein hohes Plateau verkürzt die Ladestopps. Nach 33 Minuten und 79,476 kWh ziehen wir den Stecker und die Akkus sind wieder auf 81 Prozent gefüllt. Übrigens hatte sich die Ladeleistung in diesem Moment auf 80 kW verringert. Was sonst noch auffällt: Der Polestar 4 ist ein Hingucker, das automobile Gesicht in der Menge. Selbst im reizüberfluteten München haben sich die Menschen die Nase an der Seitenscheibe plattgedrückt und auf dem Rastplatz stehen wir mehreren Autofahrern, die mit potenten Sechszylinder-SUVs deutscher Premiumhersteller vorbeikommen, gerne Rede und Antwort.

Teils bittere Laderealität

Weiter geht es. Der Verkehr gen Düsseldorf wird dichter. Wir rollen mit und genießen die Lounge-Atmosphäre im Fahrzeug. Jetzt steht das nächste Laden an. Wieder eine Punktlandung mit drei Prozent Restenergie in den Speichern. Wir hoffen auf ein ähnlich positives Ergebnis wie beim ersten Boxenstopp und werden sehr schnell auf den Boden der deutschen Ladewirklichkeit zurückgeholt. Die Ladesäulen stehen offenbar schon eine ganze Weile hier, Fußballfans haben sich auf ihnen verewigt und der Asphalt ist mit Müll übersät. Zu allem Überfluss sind alle Schnellladepunkte besetzt. Ein ermatteter Elektromobillist schläft den Schlaf der Gerechten und denkt nicht im Traum daran, sein Vehikel von der Ladesäule zu trennen.

Ladezicken in Montabaur

Wir suchen nach weiteren Ladestationen in der Nähe, aber das Navigationssystem meldet unmissverständlich, dass die Ladung in den Akkus selbst für diese paar Kilometer nicht mehr ausreicht. Wir entdecken einen freien AC-Ladepunkt und beschließen nach dem Motto „in der Not frisst der Teufel Fliegen“, die Energiespeicher so lange zu füllen, bis wir genug Saft haben, um zu den anderen Säulen zu gelangen. Interessiert beobachten wir, wie der Strom in die Akkus tröpfelt. Nach mehreren Minuten geht es weiter nach Montabaur und unserer eingangs geschilderten Begegnung mit dem Konterfei des Schlagersängers. Aber noch fehlt das Ende dieser Episode. Als wir den Tankvorgang nach Zahlung von 49 Euro beenden wollten, ließ sich der Ladestecker nicht lösen. Ein Anruf bei der Hotline brachte die Lösung. Die Ladesäule hatte sich aufgehangen und der freundliche Mann am Ende der Leitung verhalf uns zur Weiterfahrt mit 97 Prozent Ladestand und einer prognostizierten Reichweite von 438 Kilometern. Das reicht locker bis nach Düsseldorf.

Vorreiter Niederlande: Alle paar Kilometer Schnelllader

Am nächsten Tag geht es weiter nach Holland. Da passt es doch ganz gut, dass wir an einer Fastned-Station noch einmal Strom fassen. Schließlich kommt dieser Ladesäulenbetreiber aus den Niederlanden. Kaum haben wir die Grenze überquert, ändert sich die Stromversorgungs-Gemengelage: Gefühlt alle paar Kilometer findet sich ein Schild, das auf einen Fastned-Ladepark hinweist. Auch ein Weg, die Reichweitenangst zu besiegen. Der Weg führt uns nach Friesland, der niederländischen Vorzeigeprovinz, wenn es um die Nachhaltigkeit geht. Die nächste Station ist Leeuwarden, die Kulturhauptstadt Europas des Jahres 2018 (gemeinsam mit Valletta / Malta).

Im Betrieb mit 25 kWh/100 km nicht sonderlich sparsam

Was für das eisschnelllauf-verrückten Nachbarn noch wichtiger ist, ist die Tatsache, dass diese Stadt der Start- und Zielpunkt der legendären Elfstedentocht ist. Jenes Volksspektakel, bei dem Tausende von Teilnehmern 200 Kilometer über zugefrorene Seen sowie Grachten zurücklegen und das halbe Land auf den Beinen ist. Entweder als Läufer oder als Zuschauer. 1997 fand dieses nationale Sportheiligtum zum letzten Mal statt. Wir begeben uns auf die Spuren des Eismarathons und entdecken bei strahlendem Sonnenschein die malerischen Ecken Frieslands, darunter die Orte Sneek und Ijlst mit ihren historischen Gebäuden, viel Wasser und Kunstwerken wie den elf von internationalen Künstlern gestalteten Brunnen. Ein Blick auf den Bordcomputer gibt Aufschluss über die Bilanz der Reise: 985,1 Kilometer zurückgelegt, Durchschnittsgeschwindigkeit 95,4 km/h und ein Durchschnitts-Verbrauch von 25,3 kWh/100 km. Dabei muss berücksichtigt werden, dass wir sowohl in Deutschland als auch den Niederlanden überwiegend auf Autobahnen unterwegs waren.

Für uns am Steuer: Wolfgang Gomoll; press-inform

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