Dalli – Dalli! Wie der On-Demand-Verkehr das Taxi verdrängt

„Dalli“ – laut Duden „schnell, beeile dich“. Im Landkreis Oder‑Spree, unweit von Frankfurt (Oder), verkehrt seit April 2022 der Rufbus „Dalli“ – ein bedarfsgesteuerter On Demand-Service, der Taxiunternehmer vor Ort zum Nachdenken zwingt.

Für Taxiunternehmer im ländlichen Raum droht Dalli zur direkten Konkurrenz zu werden.| Foto: Dalli
Für Taxiunternehmer im ländlichen Raum droht Dalli zur direkten Konkurrenz zu werden.| Foto: Dalli

Dalli funktioniert nach dem Prinzip Ridepooling: Nutzer buchen über App oder Telefon, geben Start, Ziel und Zeitpunkt an – das fahrerlose Fahrzeug holt weitere Gäste auf dem Weg ab und gruppiert Fahrten effizient. Seit 2025 ist das Angebot abends auch am Wochenende verfügbar. Betrieben wird es von MWM Mobility Solutions als Modellprojekt im Auftrag des Landkreises, partielle Lieferung regionaler Güter inklusive.Die Projektlaufzeit lief von Januar bis Dezember 2022 mit begleitender Evaluation.

Sozialer Mehrwert - real oder inszeniert?

Eine Evaluation der Universität zur sozialen Teilhabe analysierte Nutzer- und Nicht‑Nutzerfeedback, Stakeholder-Gespräche und Nutzerdaten. Fazit: Dalli trage positiv zur Daseinsvorsorge bei, besonders in Orten mit lückenhafter ÖPNV‑Anbindung. Der Mehrwert zeigte sich vor allem bei Mobilitätsarmen, etwa Senior:innen oder Menschen ohne Auto. Die regionale Resonanz fällt differenziert aus: In Orten wie Storkow und Beeskow begrüßen viele Bürger:innen das Angebot als echte Ergänzung – doch lokale Taxiunternehmer zeigen sich skeptisch. Sie sehen Dalli als Konkurrenz und fordern stärkere Integration bestehender Taxi‑Strukturen.

Ein Blick aus Taxi‑Perspektive

  • Verdrängung bestehender Aufträge : Für Taxiunternehmer im ländlichen Raum droht Dalli zur direkten Konkurrenz zu werden, sofern Fahrten, die sonst per Taxi gebucht würden, über die App abgewickelt werden. Der Rückgang klassischer Aufträge wirkt sich gerade in kleineren Orten existenzbedrohend aus.
  • Fehlende Einbindung in ÖPNV‑Taxi-Modell. Rechtlich wäre nach PBefG die Integration lokaler Taxibetriebe sinnvoll: Das ÖPNV‑Taxi gemäß Artikel 3 Abs. 2 VO (EG) 1370/2007 ermöglicht Ausschreibungsfreiheit und wirtschaftliche Flexibilität. Das Prinzip: lokales Taxi hält die Infrastruktur stabil. Doch Dalli setzt auf zentral gesteuerte Fahrzeuge, ohne Beteiligung bestehender Taxiunternehmen.
  • Förderung versus Marktverzerrung: Der Dalli-Pilot wurde vollständig öffentlich gefördert, finanziert durch die Initiative des Landkreises. Während Taxiunternehmer ihren Betrieb selbst tragen müssen, steht Dalli kostenfrei zur Verfügung und erzeugt Imagegewinne samt Bürgernähe – inklusive medialem Rückhalt bei Präsentationen oder Evaluationen.
  • Transparenz bei Kostenstrukturen fehlt: Nutzer:innen erleben Festpreise und Digitalisierung – doch Kostenmodell, Einsatzzeiten, Auslastung und Wirtschaftlichkeit bleiben undurchsichtig. Ohne Vergleichskennzahlen bleibt unklar, welcher Aufwand dem Landkreis hier entsteht – und wie diese Struktur mit etablierten Betrieben verbunden werden kann.

Taxi-Unternehmer müssen eingebunden werden!

Dalli ist ohne Zweifel ein fähiger On Demand-Baustein zur Bekämpfung regionaler Mobilitätslücken – aber unter Bedingungen: Falls das Angebot verfestigt wird, ohne die Taxiunternehmen einzubinden, entsteht strukturelle Verdrängung. Bislang fehlt ein abgestimmtes Modell, das Taxiunternehmen als gleichberechtigte Partner einbindet.

Der Rufbus bedroht derzeit lokal verwurzelte Betriebe und ersetzt potenziell Arbeitsplätze und Systemkompetenz vor Ort. Ein funktionierender öffentlicher Nahverkehr muss aber auf die Integration der Taxiunternehmer setzen - statt auf deren Ausschluss. Für den Erhalt eines lokal stabilen Taximarkts sind politische und kommunale Entscheidungsträger gefragt. Denn die Mobilitätswende darf lokale Strukturen nicht zerstören.

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