Autonomes Fahren soll Sachsens Autoindustrie neue Perspektiven eröffnen
Sachsen will autonome Fahrzeuge bis 2030 schrittweise in den Regelbetrieb des öffentlichen Personennahverkehrs bringen. Der Freistaat verbindet damit nicht nur neue Mobilitätsangebote, sondern auch industriepolitische Ziele. Autonomes Fahren soll zusätzliche Wertschöpfung an der Schnittstelle von Automobilindustrie, Halbleitern, Software und Forschung ermöglichen.
Im Frühjahr unterzeichneten 19 Partner aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kommunen und Politik eine gemeinsame Absichtserklärung. Die Initiative fällt in eine Phase, in der die sächsische Automobilindustrie bereits den Wandel zur Elektromobilität bewältigen muss. Zugleich wächst international der Wettbewerb um Technologien für automatisierte und autonome Fahrzeuge.
Internationaler Wettbewerb nimmt zu
Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen sieht Deutschland beim autonomen Fahren unter Zugzwang. Die internationale Entwicklung werde vor allem von den USA und China vorangetrieben. Nach Auffassung des Verbands sind deshalb eine nationale Strategie, zusätzliche Investitionen und bessere Rahmenbedingungen erforderlich.
Auch für die Industrie in Sachsen und Ostdeutschland ergeben sich nach Einschätzung regionaler Unternehmen neue Geschäftsfelder. Das Chemnitzer Technologieunternehmen FDTech verweist auf eine hohe Dichte spezialisierter Anbieter in der Region. Deren Kompetenzen reichen demnach von der Entwicklung von Algorithmen und Sensorik bis zur Absicherung von Fahrzeugfunktionen.
Die Technologien sind nicht auf die Automobilindustrie beschränkt. Einsatzmöglichkeiten bestehen unter anderem im öffentlichen Personennahverkehr, in der Logistik, Landwirtschaft und Bauwirtschaft.
Sachsen setzt auf Halbleiter und Software
Die sächsische Staatsregierung sieht wirtschaftliche Chancen insbesondere in der Verbindung verschiedener Technologiebranchen. Autonomes Fahren kombiniert unter anderem Robotik, Künstliche Intelligenz, Sensorik und Datenmanagement.
Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums verfügt Sachsen dafür über eine starke Automobil- und Maschinenbauindustrie, das Mikroelektronik-Cluster Silicon Saxony sowie Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Softwareentwicklung, Systemvalidierung und digitale Dienstleistungen könnten den klassischen Fahrzeugbau künftig ergänzen.
Damit richtet sich der industriepolitische Blick nicht ausschließlich auf die Fertigung von Fahrzeugen. Auch Entwicklung, Prüfung und digitale Anwendungen sollen zusätzliche Wertschöpfung ermöglichen.
Pilotprojekte bereiten Praxiseinsatz vor
Der Freistaat fördert bereits Forschungs- und Pilotprojekte für automatisiertes und autonomes Fahren. An der Technischen Universität Dresden entsteht im Smart Mobility Lab in Schwarzkollm eine Versuchshalle für autonome Systeme.
In Leipzig soll zudem das Verbundprojekt Sächsische Initiative Automatisierte Shuttle im öffentlichen Personennahverkehr den Einsatz fahrerloser Shuttlebusse vorbereiten. Parallel unterstützt Sachsen Kommunen und Verkehrsunternehmen bei Machbarkeitsstudien und den Vorbereitungen für den späteren Einsatz autonomer Fahrzeuge.
Erfahrungen im praktischen Betrieb gibt es bereits. Der automatisierte Shuttlebus „Flash“ fährt seit 2023 im Landkreis Nordsachsen im Testbetrieb. Derzeit befindet sich noch ein Operator zur Sicherheit im Fahrzeug. Perspektivisch soll die Überwachung aus der Ferne über eine Leitstelle erfolgen.
Autonome Shuttles für ländliche Regionen
Mit der „Vision 2030: Autonomes Fahren im sächsischen ÖPNV“ verfolgt Sachsen das Ziel, autonome Fahrzeuge schrittweise in den Regelbetrieb zu integrieren. Einen Schwerpunkt bilden das städtische Umland und ländliche Regionen, in denen neue Mobilitätsangebote entstehen sollen.
Ein konkretes Vorhaben ist in Dorfhain im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge geplant. Dort soll künftig ein autonomer Shuttlebus die Gemeinde mit dem Bahnhof Edle Krone verbinden und damit das Angebot im öffentlichen Personennahverkehr ergänzen.
Für einen breiteren Einsatz müssen allerdings weitere Voraussetzungen geschaffen werden. Nach Einschätzung des Infrastrukturministeriums verfügt Deutschland inzwischen sowohl über Erfahrungen aus Forschungs- und Pilotprojekten als auch über einen Rechtsrahmen für autonome Fahrzeuge. Für den Übergang zum Regelbetrieb seien ausreichend Fahrzeuge, die notwendige Infrastruktur und qualifiziertes Personal erforderlich. Zudem sieht das Ministerium Bedarf für eine verlässliche Finanzierung durch den Bund und die Unterstützung von Modellregionen.
Ob sich autonomes Fahren zu einem Wachstumsmotor für die sächsische Industrie entwickelt, bleibt damit offen. Beim Sächsischen Industriedialog in Chemnitz wurde die Technologie bereits als möglicher Baustein für den industriellen Strukturwandel behandelt. Gleichzeitig steht Deutschland bei der Entwicklung und Einführung autonomer Mobilität im internationalen Wettbewerb. (Quelle: dpa)
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