Zukunft sichern statt Stillstand: Der Westfälische Taxi- und Mietwagentag 2025 in Holzwickede
Rund 200 Gäste kamen zum zweiten Westfälischen Taxi- und Mietwagentag, eingeladen vom Verband des privaten gewerblichen Straßenpersonenverkehrs Nordrhein-Westfalen (VSPV).
Schon bei der Eröffnung durch den Verbandsvorsitzenden Jörg Füchtenschnieder wurde klar: Hier sollte nicht nur diskutiert, sondern vor allem Orientierung und Motivation geboten werden. Geschäftsführer Sascha Waltemate formulierte es deutlich:
„Das Taxi ist kein Auslaufmodell. Es ist das flexible, regulierte, qualitätsgesicherte Nutzfahrzeug des Personenverkehrs – vom Dorf bis in die City.“
Sein Appell war unmissverständlich: Wer sich auf Traditionen ausruht, verliert. Wer dagegen die Chancen von Standards, Vernetzung und Digitalisierung nutzt, kann das Geschäft stabilisieren – und sogar neue Felder erschließen.
Daten als Schlüssel – der VSPV-Standard 101
Ein zentrales Thema des Tages war der frisch entwickelte VSPV-Standard 101, ein einheitliches Datenmodell für den Gelegenheitsverkehr. Für viele Taxiunternehmer klingt „Standardisierung“ zunächst nach Bürokratie. Doch in Holzwickede wurde klar: Hier geht es nicht um mehr Pflichten, sondern um mehr Reichweite und bessere Sichtbarkeit.
Bisher war es für Krankenkassen, Verkehrsverbünde oder digitale Mobilitätsplattformen oft schwierig, Taxi- und Mietwagenangebote nahtlos einzubinden. Unterschiedliche Schnittstellen, inkompatible Formate und fehlende Verbindlichkeit verhinderten eine echte Integration. Der neue Standard soll genau dieses Problem lösen.
Für die Praxis bedeutet das:
- Mehr Aufträge: Krankenfahrten können künftig direkt aus Arztsoftware oder von Krankenkassen über standardisierte Schnittstellen beauftragt werden.
- Bessere Sichtbarkeit: Fahrgäste, die in ÖPNV-Apps nach Anschlussmobilität suchen, sehen Taxi-Angebote dort, wo sie gebraucht werden – ohne zusätzliche Vermittler.
- Einfachere Abrechnung: Weniger Rückfragen, weniger Papierkram, da Daten konsistent und digital verfügbar sind.
Die symbolische Übergabe der Version 0.91 an Vertreter von DELFI, VRR, AOK und MPC machte deutlich: Der Prozess ist angestoßen, jetzt gilt es, die Branche aktiv einzubinden.
Politik und Lobbyarbeit - zwischen Abwehrkampf und Gestaltungswillen
Ein weiterer Schwerpunkt war die bundespolitische Lage. Unter der Moderation von Waltemate diskutierten TMV-Präsident Thomas Kroker, Vizepräsident Jörg Füchtenschnieder und Büroleiter Nico Höttges über die aktuellen Initiativen des Dachverbands in Berlin.
Die Herausforderungen sind bekannt: Internationale Plattformanbieter drängen mit Milliardenbudgets auf den Markt, während lokale Unternehmer streng reguliert arbeiten müssen. Die Forderung nach fairem Wettbewerb bleibt daher ganz oben auf der Agenda. Aber auch Themen wie die Abrechnung von Krankenfahrten, die Zukunft des Personenbeförderungsgesetzes und die Rolle von Mietwagenunternehmen als Wettbewerber standen im Raum.
Besonderes Interesse weckte die Vorstellung einer neuen Broschüre zur Krankenfahrtenabrechnung, die als praktische Hilfestellung dienen soll. Kroker betonte: „Wir wollen, dass jeder Unternehmer seine Rechte kennt und weiß, wie er sie durchsetzt.“ Gerade kleinere Betriebe sehen sich hier oft einem Übergewicht der Krankenkassen gegenüber.
Unter der Moderation von Waltemate diskutierten TMV-Präsident Thomas Kroker, Vizepräsident Jörg Füchtenschnieder und Büroleiter Nico Höttges über die aktuellen Initiativen des Dachverbands in Berlin.| Foto: Vspv
Für Unternehmer im Saal war diese Diskussion mehr als ein theoretischer Schlagabtausch: Sie zeigte, dass der Verband nicht nur reagiert, sondern selbst Impulse setzt – und dass sich Beharrlichkeit in Berlin auszahlen kann.
Automatisierung im Verband – ein Modell für Betriebe?
Ein Höhepunkt des Tages war die Präsentation eines Projekts, das den VSPV selbst betrifft – aber auch für Unternehmer hochrelevant ist. Gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen Team GetCloser entwickelt der Verband ein System, mit dem der gesamte Anhörungsprozess nach § 14 Abs. 2 PBefG digitalisiert und weitgehend automatisiert abgewickelt werden soll.
Was trocken klingt, könnte ein echter Befreiungsschlag sein. Denn bislang verschlingen Anhörungen zu Genehmigungen und Beschwerden enorme Zeit, sowohl in den Verwaltungen als auch in den Verbänden.
Das neue System setzt auf:
- KI-gestützte Texterkennung: Dokumente werden automatisch erfasst, strukturiert und bewertet.
- Geodatenanalyse: Standorte, Routen und Betriebsumfelder lassen sich digital prüfen.
- Algorithmische Entscheidungsvorschläge: Routinefälle können automatisch bearbeitet werden, komplexe Vorgänge bleiben in der Hand der Geschäftsführung.
Für Taxiunternehmer bedeutet das:
- Verfahren laufen schneller, Entscheidungen werden transparenter, und der Verband kann sich stärker auf strategische Themen konzentrieren. Waltemate kündigte an, das System in den nächsten sechs Monaten auszurollen – mit der Option, es später auch anderen Verbänden zur Verfügung zu stellen.
- Manch ein Teilnehmer fragte sich: Lässt sich so etwas auch im eigenen Betrieb nutzen – etwa bei der Dokumentation von Krankenfahrten oder in der Personalverwaltung? Die Botschaft war klar: Was im Verband möglich ist, kann mittelfristig auch den Alltag der Unternehmer vereinfachen.
Messe, Austausch und Praxisbezug
Neben dem Bühnenprogramm bot eine kleine, aber feine Ausstellung den Teilnehmern die Möglichkeit, Produkte und Dienstleistungen für den Betriebsalltag kennenzulernen. Vom Versicherungsanbieter über Softwarehäuser bis hin zu Herstellern von E-Taxis und Umbauspezialisten für barrierefreie Fahrzeuge war die Bandbreite groß.
Besonders gefragt waren Lösungen, die den Spagat zwischen neuen gesetzlichen Anforderungen und wirtschaftlicher Realität erleichtern. Ein Softwareanbieter zeigte etwa eine Anwendung, mit der sich Krankenfahrten digital dokumentieren und abrechnen lassen – inklusive Schnittstelle zu Krankenkassen. Ein Fahrzeughersteller präsentierte ein Elektro-Taxi mit alltagstauglicher Reichweite und Ladeinfrastruktur, während ein Umbaubetrieb zeigte, wie Fahrzeuge barrierefrei und gleichzeitig wirtschaftlich umgebaut werden können.
Der Austausch mit Kollegen war mindestens ebenso wichtig. In Pausengesprächen wurde deutlich, dass viele Unternehmer mit ähnlichen Problemen kämpfen: steigende Kosten, Fahrermangel, immer neue Vorschriften. Gerade deshalb wurde der Taxi- und Mietwagentag als willkommene Gelegenheit gesehen, gemeinsam nach Lösungen zu suchen – und Mut zu schöpfen.
Rahmenprogramm und Atmosphäre
Abseits der Fachthemen kam auch das Miteinander nicht zu kurz. Für das leibliche Wohl sorgte ein Foodtruck mit Currywurst, Pommes und veganen Alternativen. Getränke wurden an der offenen Bar serviert. Familienfreundlich war die Veranstaltung ebenfalls: Eine Hüpfburg beschäftigte die jüngsten Gäste, während die Erwachsenen sich den Panels widmen konnten.
Die lockere Atmosphäre tat der Ernsthaftigkeit der Themen keinen Abbruch – im Gegenteil. Viele Unternehmer berichteten, dass es gerade diese Mischung aus Fachinput und persönlichem Austausch sei, die den Taxi- und Mietwagentag besonders wertvoll mache.
Vom Reden ins Machen
Am Ende zogen die Organisatoren ein positives Resümee. Der Westfälische Taxi- und Mietwagentag habe sich als feste Größe im Branchenkalender etabliert, hieß es. Für die Unternehmer im Saal blieb vor allem die Erkenntnis: Die Branche steckt mitten im Umbruch – aber sie ist nicht ohnmächtig.
Mit Standards wie VSPV-101, mit klarer Lobbyarbeit in Berlin und mit mutigen Digitalisierungsprojekten lässt sich der Handlungsspielraum erweitern. Entscheidend wird sein, ob die Unternehmerinnen und Unternehmer die gebotenen Chancen annehmen. Denn nur wer sichtbar bleibt, digital anschlussfähig ist und politisch Rückhalt organisiert, wird im Wettbewerb mit Plattformen und alternativen Mobilitätsangeboten bestehen.
Oder, wie es Waltemate zum Schluss formulierte:
„Wir müssen raus aus der Defensive. Nicht nur reagieren, sondern selbst gestalten. Vom Reden ins Machen – das ist unser Weg.“
Quelle: Vspv
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