VW-Chef Blume auf Visite: Zu hohe Kosten in Emden - was wird aus der VW-Taxischmiede?
VW-Konzernchef Oliver Blume hat bei der Betriebsversammlung am gefährdeten Standort Emden spürbare Einschnitte im Management angekündigt. Angesichts des Spardrucks schaue man auch dort genau hin und baue ein Viertel der Stellen ab, sagte Blume. «Alle Bereiche müssen ihren Teil beitragen; es ist ein Kraftakt, der nur gemeinsam gelingen kann.»
Der VW-Boss betonte in Emden die schwierige Wettbewerbslage des Standorts. Die Arbeitskosten lägen mehr als doppelt so hoch wie an vergleichbaren europäischen Standorten, auch bei den Fabrikkosten seien andere Werke deutlich günstiger, sagte Blume. Das Werk in Ostfriesland gilt als gefährdet, weil es noch keine wettbewerbsfähige Belegung für die 2030er Jahre gibt.
Emden gilt als wichtigster industrieller Arbeitgeber in Ostfriesland
Mit Blick auf bedrohte Standorte wiederholte Blume, er wolle Werksschließungen vermeiden, bisher gebe es keine Beschlüsse. Dass das Werk Emden auf der Kippe stehen soll, hatte überrascht, weil dort schon Ende 2024 der letzte Verbrenner vom Band gelaufen war und nach einer Milliardeninvestition ausschließlich E-Autos gebaut werden. In dem Werk arbeiten rund 7.700 Beschäftigte. Der Standort gilt in Ostfriesland als der wichtigste industrielle Arbeitgeber.
«Die Welt, auf deren Grundlage wir viele Entscheidungen der vergangenen Jahre getroffen haben, gibt es so nicht mehr», sagte Blume. Es gebe Veränderungen und deshalb müsse die Lage immer wieder neu bewertet werden. In Emden seien die Kosten zwar gesenkt, aber eben weiter vergleichsweise hoch. «Das ist kein Vorwurf, es ist die Realität, an der wir uns messen lassen müssen», sagte Blume.
Nach seiner Ankündigung, den Sparkurs zu verschärfen, wird beim größten Autobauer Europas um Zehntausende zusätzliche Jobs und vier ganze Standorte gebangt. Neben Emden waren dabei auch Zwickau und Hannover sowie das Werk der Tochter Audi in Neckarsulm in den Fokus geraten. Auch dort fehlt nach Angaben des Vorstands eine wettbewerbsfähige Belegung.
Nach Emden sollte Blume weiter nach Zwickau reisen, wo ebenfalls um den Standort gebangt wird. Noch eher als Emden galt die Fabrik dort als Pionier der Elektromobilität bei Volkswagen. Seit 2020 werden ausschließlich E-Autos gebaut. Zuletzt sank die Zahl der Beschäftigten in Zwickau aber schon von rund 11.000 zu Hochzeiten auf aktuell noch etwa 8.000. Mehr als 1.000 weitere Jobs werden in den nächsten Jahren planmäßig wegfallen, 2027 soll eine der beiden Fertigungslinien stillgelegt werden.
Vor Blumes Besuch in Zwickau demonstrierten dort am Werk sowohl VW-Mitarbeiter als auch Beschäftigte von Zulieferern für eine Zukunft des Standorts. «Mama- Hast du in 5 Jahren noch Arbeit?» hieß es auf einem der Plakate, «Vereint für unsere Zukunft kämpfen» auf einem anderen.
In der Belegschaft sei die Verunsicherung groß, sagte Betriebsratschef Mario Albert. «Wir waren das einzige deutsche Werk 2025, das die Fabrikkostenziele erreicht hat. Und das werden wir auch 2026.» Die Menschen vor Ort bräuchten eine Perspektive, mahnte er.
Mit dem Motorenwerk in Chemnitz und der Gläsernen Manufaktur in Dresden hat Volkswagen zwei weitere Standorte in Sachsen. Dort wird Blume an diesem Donnerstag erwartet. In Dresden werden bereits keine Fahrzeuge mehr produziert.
An der Autoproduktion hängen viele weitere Jobs bei Zulieferern. Das machte Marcel Kuczyk, Vize-Betriebsratsvorsitzender von Schnellecke Logistics in Glauchau, deutlich. Er war mit mehreren Kollegen ebenfalls ans Werkstor von VW gekommen, um sich für dessen Erhalt starkzumachen.
VW-Betriebsrat sieht Vertrauen erschüttert
Der mächtige Betriebsrat bei Volkswagen hatte sich von den aus seiner Sicht oberflächlichen Infos des Konzernchefs zu dessen Zukunftsplänen entrüstet gezeigt und außerordentliche Betriebsversammlungen an insgesamt neun Standorten einberufen. «Mit einem CEO, der seinen Leuten nicht sagt, was ist, lässt sich nicht arbeiten», schimpfte Betriebsratschefin Daniela Cavallo beim Auftakt in Wolfsburg. Das Vertrauen insbesondere in den Konzernchef sei beschädigt.
VW-Taxis aus Emden
Das Volkswagen-Werk in Emden gehört zu den traditionsreichsten Standorten des VW-Konzerns. 1964 lief hier als erster VW der Käfer vom Band. Später entwickelte sich das Werk zum Leitstandort des Passat, Millionen Fahrzeuge wurden von Ostfriesland aus in alle Welt verschifft. Doch mit dem Wechsel zur Elektromobilität begann für Emden ein grundlegender Umbau. Seit 2020 investierte Volkswagen rund eine Milliarde Euro in neue Fertigungsanlagen, Digitalisierung und Qualifizierung der Mitarbeiter. Heute produziert das Werk ausschließlich Elektrofahrzeuge. 2022 startete die Fertigung des ID.4, später folgten ID.7 und ID.7 Tourer. Ende 2024 lief schließlich der letzte Verbrenner vom Band. Rund 7.700 Beschäftigte arbeiten inzwischen auf dem 4,3 Millionen Quadratmeter großen Gelände, das eher an einen eigenen Stadtteil erinnert als an ein klassisches Werk.
Großes VW-Werk, feine Taxi-Manufaktur
Für das Taxigewerbe ist Emden dabei aus einem anderen Grund interessant: Volkswagen forciert seine Ambitionen als Anbieter im Taxigeschäft. Jahrzehntelang dominierte Mercedes-Benz dieses Segment nahezu konkurrenzlos. Nun versucht VW vor allem mit den elektrischen ID.-Modellen immer weiter Marktanteile zu gewinnen. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Hamburger Taxi-Umrüster Reuss. Während Volkswagen die Fahrzeuge bereits ab Werk auf den Taxi-Einsatz vorbereitet, übernimmt Reuss die finale Integration der Technik. Taxameter, Funkanlage, Dachzeichen, Alarmtechnik oder Schnittstellen für Vermittlungssysteme werden so eingebunden, dass Garantie, Softwarearchitektur und Fahrzeugsysteme unangetastet bleiben.
Genau darin liegt die Besonderheit der Kooperation. Die Taxi-Vorbereitung beginnt nicht erst in der Werkstatt, sondern bereits in der Serienfertigung in Emden. Schnittstellen und Leitungen werden früh integriert, spätere Umbauten dadurch deutlich einfacher. Für Unternehmer bedeutet das weniger technische Risiken und einen seriennahen Fahrzeugzustand.
Passat und Tayron stehen bereit
Gemeinsam mit Melanie Neugebauer, bei Volkswagen für Taxi-Pkw verantwortlich, und Felix Brandt, Leiter des operativen Geschäfts bei Reuss, konnten wir die kleine Taxi-Manufaktur in Emden besichtigen. Dort standen mit dem VW Tayron und dem VW Passat zwei Fahrzeuge bereit, die zeigen, dass Volkswagen neben der Elektromobilität weiterhin auch das klassische Taxi-Segmente bedient.
Dass Reuss heute ein enger Partner von Volkswagen ist, wirkt dabei keineswegs selbstverständlich. Die Geschichte des Unternehmens begann Ende der 1970er-Jahre eher improvisiert – in einer Garage im Hamburger Stadtteil Bergstedt. Firmengründer Heinz Reuss fuhr damals selbst Taxi und ärgerte sich über unzuverlässige Funktechnik. Touren gingen verloren, Verbindungen brachen ab, die Kommunikation mit den Zentralen funktionierte oft nur eingeschränkt. Also begann Reuss 1978 damit, eigene Funk- und Nachrichtentechnik zu entwickeln. Aus der kleinen Werkstatt entstand innerhalb weniger Jahre ein Spezialbetrieb für Taxifunk und Fahrzeugtechnik. Anfang der 1980er betreute Reuss bereits Funkzentralen wie Hansa Funk und Blitz-Taxi in Hamburg. Später folgte die Umrüstung zahlreicher Fahrzeuge auf halbautomatischen Datenfunk. GPS-Ortung, digitale Vermittlung und effizientere Fahrerkommunikation hielten schrittweise Einzug in den Taxi-Alltag.
1986 kam die Taxametertechnik hinzu, Ende der 1980er spezialisierte sich das Unternehmen vollständig auf Taxi- und Mietwagenumrüstungen. Andreas Köppen, heutiger Geschäftsführer, begann damals als „Tankstellenjunge“ neben der Werkstatt und wurde von Heinz Reuss selbst ausgebildet. 1992 übernahm Köppen die GmbH – bewusst unter dem Namen des Firmengründers.
Mit der Digitalisierung des Gewerbes wuchs auch Reuss weiter. Mitte der 1990er stattete das Unternehmen rund 3.500 Fahrzeuge mit moderner Funktechnik aus. Später engagierte sich der Betrieb bei der Einführung fiskalfähiger Taxameter und entwickelte Schulungen für Werkstätten und Behörden. 2018 erhielt Reuss als erste herstellerunabhängige Werkstatt Deutschlands die PTB-Zertifizierung zur eigenständigen Konformitätsbewertung von Taxameter-Einbauten. Ersteichungen konnten damit deutlich schneller abgewickelt werden.
Zukunftstaxi und Taxiwerk
Heute steht der Name Reuss allerdings vor allem für Elektromobilität. Seit Felix Brandt 2015 ins Unternehmen einstieg, richtet sich der Betrieb konsequent auf elektrische Taxi-Flotten aus. Gemeinsam mit Volkswagen entwickelte Reuss früh Konzepte für die ID.-Modelle. Besonders in Hamburg gewann diese Zusammenarbeit an Bedeutung. Im Rahmen des Projekts „Zukunftstaxi“ rüstete Reuss nach eigenen Angaben rund 80 Prozent der Hamburger Elektrotaxis um. Vor allem ID.3, ID.4 und ID.5 prägen inzwischen das Straßenbild der Hansestadt. Die Zusammenarbeit mit Volkswagen geht dabei längst über klassische Werkstattarbeit hinaus. Gemeinsam wurden Lösungen entwickelt, bei denen trotz Taxi-Umrüstung die vollständige Werksgarantie erhalten bleibt. Gerade für Taxiunternehmer ist das entscheidend, denn Hochvolt-Systeme, Softwareupdates und Assistenztechnik machen moderne Fahrzeuge deutlich komplexer als frühere Diesel-Limousinen. Am neuen Standort in Hamburg-Billstedt bündelt Reuss seit 2023 im sogenannten „Taxiwerk“ Fahrzeugumrüstung, Ladeinfrastruktur, Folierung, Konformitätsbewertung und Servicepartner unter einem Dach.
Die Entwicklung von Reuss erzählt damit auch die Geschichte eines Gewerbes im Wandel. Früher standen Funkgeräte und Taxameter im Mittelpunkt, heute dominieren Hochvolt-Technik, Softwareintegration und Ladeinfrastruktur. Die klassische Taxiwerkstatt wird zunehmend zum technischen Bindeglied zwischen Hersteller, Behörde und Unternehmer. Und genau deshalb passt die Zusammenarbeit zwischen Emden und Reuss erstaunlich gut zusammen. Hier das traditionsreiche Volkswagen-Werk im Umbau zur Elektroproduktion, dort ein Hamburger Familienbetrieb, der sich vom Funktechniker zum Mobilitätspartner entwickelt hat. Beide eint derselbe Anspruch: den Übergang in die elektrische Zukunft des Taxigewerbes praktikabel zu gestalten – nicht als Vision, sondern als funktionierendes Arbeitsmittel für den Alltag auf der Straße.
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