Volvo XC60: Bis zu 200 Kilometer Ruhe vor dem Benziner!
Die Geschwister im Geely-Konzern haben es ja schon vorgemacht: Der Lynk&Co 08 war der erste „Super-Hybrid“, der unsere 159-Kilometer-Testrunde rein elektrisch fuhr. Weil er es konnte. Und nachdem bei den Plug-ins mittlerweile 100 Kilometer reale rein elektrische 100 Kilometer plus x Reichweite zum guten Ton gehören, hat Volvo hier bei seinem Plug-in-Bestseller nochmal nachgelegt: Der geliftete XC60 bietet bis zu 200 Kilometer rein elektrische Reichweite!
Der Rohbau ist schon neun Jahre alt!
Dafür hat Volvo gelifteten XC60 Long Range Plug-in Hybrid eine Batterie mit 41,2 kWh verpasst, die netto 37,9 kWh Kapazität bietet. Mehr als doppelt so viel wie bisher. Flach verpackt zwischen B- und C-Säule, wofür man sich einen komplett neuen Unterboden gönnte! Im Rohbau! Denn das ist richtig teuer! Und weil man eh schon ins Blech ging, kam auch der Vorderwagen komplett neu… und die Heckklappe! Und trotzdem gelang Designer Jim Baste das Kunststück, den Vorgänger nicht alt aussehen zu lassen und den XC60 nochmal für weitere x Jahre fit zu machen, denn: Mittlerweile ist er bereits neun (!) Jahre alt! Da löste das Modell den Vorgänger ab.
Nun muss man wissen, dass der XC60 in zwei Generationen Volvos absoluter Topseller forever ist – mit gut drei Millionen Einheiten übertrifft das Label gar den ewig gebauten 240, dem man korrekterweise noch den 140 dazu addieren müsste, aus dem er entstand… und den 164 bis 264, die die fast gleiche Karosserie – nur mit Sechszylinder – trugen…
Und ja, in den neun Jahren (!) ist der XC60 kaum gealtert! Volvos „reifen“ eher wie gute Weine. Und dürfen dann technisch trotzdem auch mal nachlegen, was man sich beim 40er, der erst acht Jahre alt ist, noch sparte. Beim 60er packte man dafür massiv Reichweite drauf! Die steigt elektrisch auf das Zweieinhalbfache! Der T6 AWD Long Range schafft bis zu 200 Kilometer nach WLTP, der stärkere T8 AWD Long Range 189 Kilometer. Real bleiben davon im Worst Case eher knapp 150 bis 120 übrig, aber anyway – Volvo möchte hiermit die Verlockung zum rein elektrischen EX60 noch verstärken! Denn das ist ziemlich viel für ein Auto, das noch einen kompletten Benzinmotor mit sich herumträgt.
Und genau das ist der Punkt. Der neue XC60 Plug-in ist im Alltag weniger ein Benziner mit elektrischem Hilfsmotor als ein Elektroauto mit eingebautem Plan B. Pendeln, Kinder abliefern, einkaufen, Freunde besuchen: Vieles davon sollte ohne einen einzigen Benzintropfen funktionieren. Und wenn irgendwann doch die Batterie leer ist, gibt es keinen Lade-App-Zirkus. Dann springt der Verbrenner ein.
Gesamtreichweite: bis zu 1.200 Kilometer
Beide Plug-ins bekommen einen optimierten Elektromotor an der Hinterachse mit 130 kW oder 177 PS. Dazu kommt vorne ein überarbeiteter 2,0-Liter-Vierzylinder-Turbobenziner. Der wurde überarbeitet, denn im Worst Case soff er gerade beim T8 wie ein durstiger Wikinger nach der letzten Anstrengung… (was nicht immer eine Eroberung gewesen sein muss).
Der arbeitet mit Miller-Steuerzeiten. Vereinfacht gesagt schließen die Einlassventile früher, wodurch sich thermischer Wirkungsgrad und Effizienz verbessern. Selbst bei hoher Last ist keine zusätzliche Kraftstoffanreicherung nötig. Und weil Direkteinspritzer nun einmal Partikel produzieren können, steckt ein Partikelfilter im Abgasstrang. Trotzdem wird der Benziner natürlich nie die Gelassenheit der Diesel erreichen – auch beim Verbrauch bei hohen Tempi –, aber man fährt ja hoffentlich eh meist unter Strom…
Das Bordladegerät schafft jetzt 11 kW AC. Auch das ist wichtig. Eine große Batterie macht schließlich wenig Freude, wenn man beim Laden daneben ein Zelt aufschlagen möchte. Schade nur, dass es keinen DC-Lader gibt. Den hat man gespart, denn wer wirklich auch Langstrecken rein elektrisch fahren will, möge doch bitte gleich zum EX60 greifen, so Volvos Begründung…
Der T6 AWD Long Range Plug-in Hybrid liefert 263 kW/357 PS Systemleistung und schafft die maximalen 200 Kilometer elektrische WLTP-Reichweite. Außerdem gehört er zu den ersten Plug-in-Hybrid-SUVs im D-Segment, die die CO₂-Anforderung von 50 g/100 km nach Euro-7-FCM erfüllen. Privatkunden werden davon vermutlich nicht nachts träumen. Flottenmanager möglicherweise schon.
Und dann wäre da der T8 AWD Long Range. 339 kW. 461 PS. Bis zu 189 Kilometer nach WLTP rein elektrisch. Mit anderen Worten: Man opfert elf Kilometer E-Reichweite und bekommt dafür 104 zusätzliche Pferde. Nun, man könnte schon schlechtere Geschäfte gemacht haben… Beide Plug-ins haben Allradantrieb und Achtgang-Automatik. Dazu kommen die Fahrmodi Hybrid, Pure, Power, AWD und Off Road. Ein-Pedal-Fahren gibt es ebenfalls und wurde für die neue Antriebsgeneration verbessert.
Und falls jemand tatsächlich einen neuen XC60 kaufen möchte, aber mit diesen ganzen Steckdosen nichts anfangen kann: Es gibt weiterhin den B5 AWD Mild-Hybrid. Sein 2,0-Liter-Turbobenziner leistet 184 kW/250 PS, besitzt ebenfalls Miller-Steuerzeiten und bekommt Unterstützung von einem 48-Volt-System. Achtgang-Automatik und Allrad sind serienmäßig. Diesel? Schon länger nicht mehr…
Wie modifiziert man einen erfolgreichen und vergleichsweise zeitlosen Bestseller?
Und jetzt zum schwierigen Teil: dem Design. Einen erfolglosen Wagen zu liften, ist einfach. Man findet heraus, warum ihn niemand kaufen wollte, und ändert das. Kommt schnell ein Facelift, passierte genau das. Aber dann ist das Kind meist schon in den Brunnen gefallen. Beim XC60 funktioniert diese Methode nicht. Denn der Wagen ist ein Bestseller und seine Form längst so etwas wie ein moderner Volvo-Klassiker, dem man seine neun Jahre Bauzeit kaum ansieht! Er hat knackige Proportionen (lange Haube, kurzes Glashaus – weshalb der XC40 im Fond fast genauso viel Platz bietet) und ein vergleichsweise zeitloses Design.
Und damit entsteht ein Problem. Wie verändert man etwas, das die Kunden gerade deshalb mögen, weil es so aussieht, wie es aussieht? Zu wenig, und alle sagen: „Das soll neu sein?“ Zu viel, und alle sagen: „Was habt ihr mit meinem XC60 gemacht?“ Was wird aus den Restwerten? Das ist ungefähr so entspannend wie eine Herzoperation am eigenen Bestseller.
Volvo hat deshalb erfreulich wenig experimentiert. Die Grundform bleibt. Man hat nicht versucht, aus dem XC60 ein rollendes Raumschiff zu machen, sondern ihn optisch näher an die jüngsten Elektro-Volvos gerückt: Vorne gibt es einen schlankeren Kühlergrill und schmalere Scheinwerfer. Auch Motorhaube, Stoßfänger und vordere Kotflügel sind neu.
Vor allem aber wurde Thors Hammer neu geschmiedet: Die bekannte Lichtsignatur ist jetzt auf eine horizontale und eine vertikale Leiste reduziert. Die Scheinwerfer reichen bis an den Kühlergrill und lassen die Front technischer und präziser wirken.
Serienmäßig gibt es nun in allen Varianten Matrix-LED-Scheinwerfer mit 15 Segmenten. Die Frontkamera erkennt entgegenkommende Verkehrsteilnehmer, das System blendet entsprechende Bereiche aus und lässt den Rest der Straße weiter mit Fernlicht ausleuchten.
Hinten hat Volvo ebenfalls aufgeräumt. Mehr horizontale Linien lassen den XC60 breiter und kräftiger wirken. Die abgedunkelten Voll-LED-Rückleuchten sind schlanker und technisch klarer gezeichnet, wodurch ihre vertikalen Elemente stärker auffallen.
Das Ergebnis? Er sieht aus wie ein XC60. Nur neuer. Was banal klingt, ist bei einem Bestseller vermutlich das größte Kompliment, das man einem Facelift machen kann.
Zur Wahl stehen acht Außenfarben. Neu ist „Heather Bronze“, ein warmer Metallic-Farbton, der je nach Licht zwischen Bronze und Kupfer changiert. Hatten die Autos in Göteborg und ja, das funktioniert: Ohne Licht eher Richtung dunkelbraun bis schwarz gehend, mit Licht auf einmal dezent braun mit Anklängen an Schwarz und Rosé… Keine Angst: Es funktioniert und wirkt wertig!
Innen wird Google intelligenter
Auch im Innenraum hat niemand mit dem Vorschlaghammer gearbeitet. Das skandinavische Grundrezept bleibt bestehen: horizontale Linien, klare Flächen, wenig optisches Geschrei. Überarbeitet wurden vor allem Armaturentafel und Türverkleidungen. Dazu kommen neue beleuchtete Dekoreinlagen aus Holz oder Aluminium und passende Textildekore.
Im Zentrum sitzt ein hochformatiger 11,2-Zoll-Touchscreen, der jetzt waterfallartig vor die Armaturentafel gehängt wurde. Passt und verkürzt den Weg des touchenden Fingers. Trotzdem ging man nicht so weit wie beim EX60, der hier bedientechnisch schon grenzwertig digitalisiert wurde.
Das Infotainment läuft auf Android Automotive, Google Maps ist an Bord und Apps von Drittanbietern lassen sich ebenfalls nutzen. Neu ist Google Gemini als KI-Assistent. Statt Kommandos möglichst exakt in Auto-Sprache zu formulieren, soll die Kommunikation natürlicher funktionieren. Dieses Experiment steht noch aus, klappte aber bisher leider oft mäßig…
Vor dem Fahrer sitzt ein digitales 12,3-Zoll-Instrumentendisplay der zweiten Generation. Serienmäßig gibt es außerdem High Performance Sound (von Bowers und Wilkins wirklich gut!) und eine Vier-Zonen-Klimaautomatik. Auch weil der Akku aus dem Mitteltunnel in den Boden verschwand. Software und Betriebssystem werden Over the Air aktualisiert. Der XC60 kann also neue Funktionen bekommen, ohne jedes Mal in die Werkstatt rollen zu müssen.
Bei den Materialien gibt es auch Neues: Unter anderem Nordico mit Bio-Anteil sowie „Navy Herringbone Weave“ aus recycelten Premium-Textilien. Neu im Angebot ist außerdem belüftetes Nappaleder in der Farbe „Kardamom“ … fehlt eigentlich nur noch eine eingebaute Zimtschnecken-Schublade.
Er sieht jetzt noch mehr von dem, was man überfahren könnte
Volvo wäre nicht Volvo, wenn ein Facelift nur neues Design und einen größeren Akku brächte. Also wurde auch die Sensorik massiv aufgerüstet. Der XC60 bekommt eine neue Frontkamera, ein neues Frontradar, jeweils zwei neue Radarsensoren an den vorderen und hinteren Ecken sowie zwölf neue Ultraschallsensoren vorne, hinten und seitlich. Lidar? Nicht mehr, denn, wie uns Sicherheitsprofi Eva Lathi erklärte: Das wäre nur eine weitere (teure) Absicherung. Tatsächlich rückt auch Volvo wieder vom Lidar ab, obwohl der einst zum Nonplusultra in Sachen Sicherheit erklärt wurde. Dazu kommen neue Assistenzfunktionen.
Der serienmäßige Door Opening Alert warnt beim Öffnen der Türen vor Radfahrern und Fahrzeugen, die sich von hinten nähern. Ein neuer Kreuzungs-Bremsassistent soll Kollisionen beim Abbiegen und Geradeausfahren verhindern. Dazu kommen Notlenkassistent, Spurwechselassistent für Pilot Assist und eine 3D-Ansicht der 360-Grad-Kamera.
Natürlich bleibt das bestehende Sicherheitsarsenal - und wurde verbessert
Das automatische Notbremssystem erkennt Autos, Motorräder, Fußgänger, Radfahrer und Großtiere. Droht eine Kollision mit einem entgegenkommenden Fahrzeug auf der eigenen Spur, kann eine zusätzliche Notbremsfunktion die Geschwindigkeit um bis zu 10 km/h reduzieren. Dazu kommen Run-off Road Protection, Road Edge Detection und Oncoming Lane Mitigation. Letzteres kann den XC60 mit einem Lenkimpuls zurück auf seine Fahrbahn bringen, wenn er versehentlich Richtung Gegenverkehr wandert.
Connected Safety wiederum lässt Fahrzeuge über ein Cloud-Netzwerk Informationen austauschen und kann beispielsweise vor Gefahrenstellen oder rutschigen Straßenabschnitten warnen. Neue und verbesserte Funktionen können künftig ebenfalls per OTA-Update nachgeliefert werden.
So viel Technik gibt es leider nicht zum Nulltarif
Drei Ausstattungslinien gibt es: Core, Plus und Ultra. Plus und Ultra lassen sich außerdem als Bright mit Chromakzenten oder Dark mit hochglanzschwarzen Details bestellen. Der B5 AWD mit 250 PS kostet als Core 59.990 Euro, als Plus 65.990 Euro und als Ultra 69.990 Euro. Aber wir wollten ja über die interessanten Motoren reden.
Der T6 AWD Long Range Plug-in Hybrid mit 357 PS und bis zu 200 Kilometern elektrischer Reichweite startet als Core bei 69.990 Euro. Als Plus kostet er 75.990 Euro, als Ultra 79.990 Euro. Der T8 AWD Long Range Plug-in Hybrid mit 461 PS und 189 Kilometern elektrischer Reichweite beginnt erst mit Plus bei 78.990 Euro. Ultra kostet 82.990 Euro. Womit man (bewusst) in Bereichen unterwegs ist, in denen viele Kundinnen und Kunden rechnen und zum Ergebnis kommen dürften: „Dann kann ich ja gleich einen EX60 nehmen“ … was durchaus gewollt sein könnte.
Denn der geliftete XC60 ist kein revolutionär neues Auto. Das wäre vermutlich auch eine ziemlich dumme Idee gewesen. Man nimmt schließlich keinen Bestseller, wirft alles weg, was ihn erfolgreich gemacht hat, und wartet dann gespannt darauf, ob die Kunden es verstehen. Stattdessen hat Volvo den schwierigen Weg gewählt: möglichst viel verändern, ohne das Auto selbst zu verändern.
Was bedeutet das?
Das Design ist frischer, aber unverkennbar XC60. Innen gibt es bessere Technik. Die Sensorik macht einen großen Sprung. Und vor allem bekommt der Plug-in-Hybrid endlich eine elektrische Reichweite, bei der der Begriff „Plug-in“ nicht mehr wie eine technische Fußnote wirkt. 200 Kilometer elektrisch und bis zu 1.200 Kilometer insgesamt. Nach WLTP – real dürften das im Worst Case eher 120 plus – mit 68-Liter-Tank – eher 800 Kilometer sein. Also 920! Doch WER fährt die ohne Pause durch??? Das ist nicht die reine Elektromobilität. Aber für ziemlich viele Menschen sehr nah dran. Und dann könnte man ja doch mal zum EX60 schauen… Interessant ist dabei auch, dass bei den mildhybridisierten Verbrennern nur der B5 übrig bleibt und man den Kunden sonst die Plug-ins anbietet… die so teuer sind, dass man gleich zum EX60 greifen könnte.
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