IAA Mobility 2025: Nio ET9 – High-Tech Sänfte aus China

Die Platzhirsche sind klar benannt: BMW 7er, Audi A8, Mercedes S-Klasse oder EQS. In dieses Segment drängt nun ein Neuling aus China. Der chinesische Hersteller Nio schickt sein neues Flaggschiff auf die Straße. Der ET9, seit März 2025 in China ausgeliefert, will mehr sein als ein Auto – er ist Plattform, digitales Ökosystem und technisches Statement.

Der ET9 ist weder SUV noch Sedan, sondern laut Nio etwas Neues - ein "Landjet".| Foto: Nio
Der ET9 ist weder SUV noch Sedan, sondern laut Nio etwas Neues - ein "Landjet".| Foto: Nio

Besonders spannend ist, was sich unter der Karosserie abspielt. Mit dem sogenannten SkyRide Intelligent Chassis kombiniert Nio drei Technologien, die zusammen ein neues Kapitel im Fahrwerksbau aufschlagen: ein vollelektronisches Steer-by-Wire-System, eine Hinterradlenkung und eine hydraulisch aktive Federung.

Das Steer-by-Wire, entwickelt mit dem Zulieferer ZF, ersetzt die mechanische Verbindung zwischen Lenkrad und Vorderrädern durch elektronische Signale. Die Lenkübersetzung variiert je nach Geschwindigkeit – beim Einparken genügen kleine Bewegungen, bei Tempo 120 wird das Feedback fester. Stöße durch Schlaglöcher oder Kanaldeckel bleiben weitgehend außen vor. Gemeinsam mit der Hinterradlenkung, die den Wendekreis auf 10,9 Meter drückt, soll das Auto trotz seiner Länge von 5,33 Metern erstaunlich handlich wirken.

Die eigentliche Komfort-Innovation steckt jedoch im Fully Active Suspension (FAS). Dieses Fahrwerk reagiert in Millisekunden auf Unebenheiten. Pro Rad arbeitet ein Elektromotor, der bis zu tausend Drehmomentanpassungen pro Sekunde steuern kann. Über Hydraulikzylinder lässt sich die Karosserie zudem um 40 Millimeter anheben oder um 50 Millimeter absenken – in jeweils zwei Sekunden. Die Funktionsweise demonstrierte uns Nio öffentlichkeitswirksam: Selbst eine Champagnerpyramide auf der Motorhaube blieb beim Überfahren von Bodenwellen unversehrt stehen.

Entwickelt wurde die Technologie mit dem US-Start-up ClearMotion, das Nio finanziell unterstützt und mittlerweile in China produziert.

Aussagen in diesem Video müssen nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

Digitale Steuerung, leise Inszenierung

Gesteuert wird all dies von einem zentralen Computersystem, das unter dem Namen SkyOS läuft. Es integriert Fahrwerksregelung, Fahrerassistenz, Cockpit und Internetanbindung. Für Nio ist der ET9 weniger ein Fahrzeug als vielmehr ein rollender Dienst: Updates und digitale Erweiterungen gehören zum Konzept. Abseits der Fahrwerkstechnik setzt Nio auf bekannte Eigenheiten. Die 900-Volt-Architektur ermöglicht sehr schnelles Laden – theoretisch 255 Kilometer Reichweite in fünf Minuten, auch wenn im Alltag kaum eine Säule die nötigen 600 kW liefern wird. Praktischer erscheint das hauseigene Batteriewechselsystem, das den Akkutausch in drei Minuten erledigt. In China stehen bereits mehr als 3.100 solcher Stationen, in Europa bleibt das Angebot dünn.

Innenraum mit Lounge-Charakter

Der ET9 versteht sich als Reiselimousine. Digitale Displays bestimmen den Innenraum, aktive Geräuschunterdrückung verstärkt die Ruhe. Im Fond stehen Sitze mit 16-Punkt-Massage bereit, dazu ein elektrisch verstellbarer Klapptisch und verdunkelbare Scheiben. Während BMW, Audi und Mercedes an feiner Mechanik und traditioneller Abstimmung feilen, vertraut Nio auf Rechenleistung und Hydraulik. Das Ergebnis ist keine sportliche Schärfe, sondern ein nahezu entkoppeltes Dahingleiten.  

Der ET9 ist kein leiser Herausforderer, sondern ein technisches Statement. Nio zeigt mit ihm, dass Fahrkomfort längst nicht mehr allein eine Frage der Polsterung ist. Ob die Verbindung aus digitaler Steuerung, aktivem Fahrwerk und flexiblem Geschäftsmodell in Europa verfängt, wird sich zeigen. Nach Europa kommt die Limousine voraussichtlich 2026, der Preis soll im sechsstelligen Bereich beginnen.

 

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