Car Design Event: VW e-Bulli im Fahrtest - so überraschend fährt sich der Elektro-T1

Er ist eigentlich auch schon wieder sieben Jahre alt, aber gar nicht gealtert – und gefahren haben ihn bisher auch nur wenige, weshalb wir die Chance auf dem Car-Design-Event ergriffen: Wir haben uns hinters Lenkrad des e-bulli auf T1-Basis geklemmt und sind.

Sommer, Sonne, Schiebedach: In Diethölzeltal konnten wir den elektrischen VW T1 durchs mittelhessische Hügelland lenken...| Foto: VWN
Sommer, Sonne, Schiebedach: In Diethölzeltal konnten wir den elektrischen VW T1 durchs mittelhessische Hügelland lenken...| Foto: VWN
(erschienen bei VISION mobility von Gregor Soller)

Die Loh Collection ist im mittelhessischen Dietzhölztal beheimatet. Das liegt ein bisschen in the middle of nowhere im Lahn-Dill-Kreis. Landschaftlich liegt Dietzhölztal im Dill-Bergland, am Rand des Rothaargebirges. Warum erwähnen wir das? Weil man hier sofort bergige und kurvige Straßen findet und im Ort noch Spielwarenhändler existieren, die für zehn Euro Restbestände von Märklin-Baukästen aus den frühen 1970er-Jahren verkaufen! Da war der T1 noch überall präsent, meist als rostiger, runtergerittener Lieferwagen oder, wie in unserem Fall, als ebenfalls bereits gut angeknusperter Samba Fensterbus.

Der einstige Boxer klang charakterstark, aber…

Der ursprüngliche luftgekühlte Vierzylinder-Boxermotor erprasselte im Heck bescheidene 32 kW beziehungsweise 44 PS und entwickelte schmächtige 102 Nm Drehmoment. Die wurden über eine Schaltung portioniert, bei der man die Gänge eher erstochern als knackig erklacken konnte und das Lenkrad lag weitgehend waagerecht vor einem.

Und ja, unserer Meinung nach gibt es Klassiker, die, wenn sie ohnehin schon in eher mäßigem Zustand sind, auch auf Elektroantrieb umgebaut werden könnten, da man sie nicht wegen ihres Antriebs sammelt. Dazu gehören zum Beispiel Citroën ID19, alte Land-Rover-Benziner und eigentlich auch schwächliche luftgekühlte Bullis, wo man es genau deshalb mit der Originalität ohnehin nicht so ernst nimmt.

Der e-Bulli feiert 2026 seinen 60. Geburtstag

Nun lief Volkswagen Nutzfahrzeuge der substanziell eher kränkliche T1 Samba zu und  Anfang 2019 machte man sich ans Werk:  Gemeinsam mit Volkswagen Group Components und dem auf elektrische Oldtimer spezialisierten Unternehmen eClassics aus Renningen entwickelte VWN den „e-BULLI“ genannten Elektro-T1. Als Basis diente ein 1966 in Hannover gebauter Samba-Bus, der anschließend rund 50 Jahre in Kalifornien unterwegs gewesen war. So verschliss fast alles bis auf die Bleche, die das Häuschen immerhin noch zusammenhielten…

Nach seiner Rückkehr wurde die Karosserie aufwendig restauriert. Die öffentliche Präsentation war ursprünglich für die Techno-Classica 2020 in Essen vorgesehen, fand wegen der Corona-Pandemie schließlich jedoch digital statt. Und weil man ohnehin schon alles anfasst, machte man das auch bei Antrieb und Fahrwerk: An die Stelle des Luftgekühlten trat ein Volkswagen-Elektromotor mit 61 kW beziehungsweise 83 PS und 212 Nm, womit der T1 doppelt so stark ist wie das Original. Die Kraft wird über ein Einganggetriebe weiterhin auf die Hinterräder übertragen. Statt klassischer Gangschaltung besitzt der Bulli die Fahrstufen P, R, N, D und B; in der B-Stellung lässt sich die Rekuperation nutzen. Die Höchstgeschwindigkeit stieg von ursprünglich rund 105 km/h auf elektronisch begrenzte 130 km/h. Und wie fährt sich das?

Das Fahrverhalten ist wie von einem anderen Stern

Ausreichend flott, um wieder im Alltag mitzuschwimmen: Man kann Lücken nutzen, die man sich mit dem Original nie trauen würde und kann sogar dezent flott die L1571 nach Hainchen hochwedeln – am „Grat“ der Erhebung verläuft die Grenze zwischen Hessen und NRW… Und wie schön: Da sich Leistung, Gewicht und Fahrverhalten durch den Umbau erheblich änderten, entwickelte VWN auch das Fahrwerk ganz neu. Der e-BULLI erhielt moderne Mehrlenkerachsen, verstellbare Stoßdämpfer, Gewindefederbeine, eine Zahnstangenlenkung sowie innenbelüftete Scheibenbremsen. Und so fährt sich der T1 soooo viel knackiger.

Fast schon freudig, hätte VWN nicht das Lenkrad gelassen wie es ist und auf die Servolenkung verzichtet. Denn durch den Akku wanderte der Schwerpunkt nach vorn, was die Lenkung so schwergängig macht, dass man den T1 eigentlich nur noch „in Fahrt“ lenken kann – Rangieren macht also, drücken wir es mal sehr dezent aus, eher gar keinen Spaß….

Ohne Gurte lässt man es bei 80 km/h gut sein obwohl mehr drin wäre

Und obwohl durchaus 120 bis 130 km/h drin wären, lässt man es ab 80 km/h dann freiwillig gut sein – ohne Gurte und mit den eigenen Kniescheiben als „Crashbox“. Und trotzdem wird man über die Zeit mutiger: Nimmt Kurven, wie man sie mit dem Serien-T1 nie nähme, traut sich auch mal, einen Traktor zu überholen, wo man mit 44 luftgekühlten Pferden brav dahinterbliebe und fährt generell deutlich flotter, da die Power ja immer „instant“ verfügbar ist.

Die Energie liefert eine Lithium-Ionen-Hochvoltbatterie mit 45 kWh nutzbarer Kapazität. Sie sitzt mittig im Fahrzeugboden, wodurch sich der Schwerpunkt gegenüber dem historischen T1 deutlich verbessert. Auch das hilft dem Fahrgefühl ganz enorm. Denn der T1 liegt tief und immer satt auf der Straße.

Bis zu 220 Kilometer Reichweite nach WLTP

Mit einer Batterieladung erreicht der e-BULLI im Idealfall eine Reichweite von mehr 220 Kilometern. Geladen wird über CCS: Mit Wechselstrom sind je nach Anschluss zwischen 2,3 und sogar 22 kW möglich, an einer Gleichstrom-Schnellladesäule bis zu 50 kW. Damit lässt sich die Batterie in knapp 40 Minuten von 10 auf 80 Prozent laden. Ein DC/DC-Wandler versorgt zusätzlich das konventionelle 12-Volt-Bordnetz. Das Gewicht blieb trotzdem in Grenzen: Der Strombulli wiegt 1.525 Kilogramm leer, so viel wie ein ID. Polo….

Das Schöne: Äußerlich blieb der Charakter des Samba komplett erhalten. Die Karosserie erhielt eine Zweifarblackierung in den neuen Tönen „Energetic Orange Metallic“ und „Golden Sand Metallic Matte“, ergänzt durch LED-Scheinwerfer und Ladeanzeigen am Heck. Tatsächlich durften sich die VW-Designer hier dezent austoben, was wunderbar gelang.

Innen: Viel edler eingerichtet – aber komplett mit Leder und Holz aus Serienfahrzeugen

Im Innenraum verbinden Ledersitze, Massivholzboden und Retro-Optik die 1960er-Jahre mit moderner Technik. Alle Bezüge und auch das Holz stammen aus der Serienproduktion anderer Modelle. So bleibt der T1 ein hundertprozentiger Volkswagen. Ein neuer Tacho zeigt unter anderem Ladezustand und Reichweite, hinzu kommen ein DAB+-Radio mit Bluetooth und USB sowie ein Tablet zur Nutzung vernetzter Funktionen.

Ganz theoretisch könnte man elektrische T1 auch in Kleinstserie refurbishen

Interessant: Der e-BULLI war dabei nicht nur eine Studie. eClassics kündigte Umbauten von T1 sowie später auch Lösungen für T2 und T3 an. Für einen T1 begann der Umbau inklusive des neu entwickelten Fahrwerks bei 64.900 Euro. Wobei für unseren wunderschönen T1 in Summe eher knapp das Dreifache nötig war – weil man aber in Hannover wirklich jedes Schräubchen einzeln in die Hand nahm…wenn man das jetzt mit ID.Polo-Technik dezent „rationalisiert“, könnte gar ein Geschäftsmodell draus werden, denn wie wir von Land-Rover wissen, wurde gerade die Kapazität für eigentlich komplett neu aufgebaute Defender mit V8 von 25 auf 50 Einheiten im Jahr erhöht. Zu Stückpreisen eher nördlich der 200.000 Euro...

Wenn man jetzt alte T1 (gut, die sind zu 99 Prozent durchrestauriert und ohnehin schon erstarkt) auf Strom umbaut, werden die sicher nicht teurer, blieben so schön, wie sie immer waren und wären trotzdem so viel netter und leiser zu fahren – und lokal CO2-neutral. Und das Wort „altern“ ist für den Bulli ohnehin ein Fremdwort.

Was bedeutet das?

Das Projekt e-Bulli demonstriert, wie sich historische Fahrzeuge erhalten und zugleich mit moderner, lokal emissionsfreier Antriebstechnik weiterbetreiben lassen – ohne den unverwechselbaren Charakter des klassischen Bullis aufzugeben.

Logobanner Liste (Views)