Arrive: Von Daten zu Taten - Wie digitale Technologien das Parken und die Stadtplanung revolutionieren
Eye-Tracking: Blickverläufe als Planungsinstrument
Eye-Tracking-Brillen sind aus der Forschung bekannt, doch sie werden zunehmend auch in der Mobilitätsplanung eingesetzt. Sie zeichnen Blickverläufe, Fixationsdauer und Lesereihenfolge auf – etwa beim Betrachten von Parkbeschilderung oder digitalen Displays im Straßenraum. Die gesammelten Daten werden in Heatmaps und Verhaltensmodelle übersetzt, die zeigen, welche Informationen tatsächlich wahrgenommen werden und welche untergehen.
Die Forschung kombiniert Online-Bildschirmstudien mit realen Feldstudien per Eye-Tracking-Brille, um Blickverläufe in Parksituationen zu erfassen. Die Ergebnisse sind aufschlussreich: Gut gestaltete Beschilderung kann die Wahrnehmbarkeit um 150 bis 350 Prozent steigern. Zudem schauen Autofahrer:innen weniger als eine Sekunde lang auf ein einzelnes Schild. Ist dieses also falsch platziert oder stehen die wichtigsten Informationen nicht dort, wo das Auge natürlich hinfällt, wird es schlicht nicht gelesen. Relevant ist dabei auch, ob ein Schild an einer schnellen Einfahrt steht – wo nur minimale, leicht erkennbare Informationen verarbeitet werden können – oder in einer langsamen oder stationären Situation, etwa an Schranken oder Parkautomaten.
Aus unseren Analysen lassen sich vier zentrale Variablen ableiten, die über den Erfolg der Beschilderung entscheiden:
1. Platzierung: Das Schild muss genau dort stehen, wo Fahrende tatsächlich hinschauen können, nicht wo es auf dem Lageplan logisch erscheint.
2. Botschaft: Statt reiner Anweisungen funktioniert nutzenzentrierte Sprache besser, etwa „Bezahlen Sie bequem per App“ statt „Digitale Zahlung möglich“.
3. Design: Asymmetrische Layouts werden schneller und zuverlässiger wahrgenommen als symmetrische.
4. Lesereihenfolge: Selbst ein gut platziertes, gut formuliertes Schild versagt, wenn die wichtigste Information nicht zuerst im natürlichen Blickfeld landet.
Die Technologie offenbart aber auch systemische Probleme: Zu viele, schlecht koordinierte Schilder – oft das Ergebnis fragmentierter Zuständigkeiten innerhalb von Verwaltungen – können Nutzende überfordern und die Akzeptanz digitaler Angebote erschweren. Eye-Tracking-Daten können dabei helfen, Beschilderungskonzepte zu verbessern, die kognitive Belastung zu reduzieren und sogar den Stresslevel in Parksituationen zu messen.
Scan-Cars: Effizientere Kontrollen
Auch technologiegestützte Kontrollmethoden gewinnen an Bedeutung. Viele Kommunen kämpfen mit Personalmangel in Ordnungsämtern und zunehmenden Anfeindungen gegenüber Mitarbeitenden auf der Straße. Hier können Scan-Cars Abhilfe schaffen: Fahrzeuge, die mit Kameras und Kennzeichenerkennungssystemen ausgestattet sind und automatisch prüfen, ob geparkte Fahrzeuge einen gültigen Parkschein haben.
Voraussetzung dafür ist die Digitalisierung der Parkscheinautomaten und Bezahlprozesse – Stichwort: Pay by Plate. Dabei wird das Kennzeichen direkt mit der Parkplatzbuchung verknüpft, ein physischer Parkschein ist nicht mehr nötig. Das automatisiert Kontrollen und vereinfacht den gesamten Parkvorgang.
Das Potenzial ist beachtlich: Während ein Kontrolleur oder eine Kontrolleurin zu Fuß rund 50 Fahrzeuge pro Stunde erfassen kann, schafft ein Scan-Car bis zu 1 000. Dies ermöglicht eine flächendeckendere Überwachung und gezieltere Steuerung. Daten über Parkdruck und Auslastung zeigen, wo mehr oder weniger Kontrolle nötig ist und wo sich Ressourcen einsparen lassen.
Automatisierung von Parkvorgängen
Auch das Kameraparken ist eine Innovation, die zunehmend relevanter wird. Dabei wird das Kennzeichen, beispielsweise bei Einfahrt in ein Parkhaus, automatisch erfasst und der Parkvorgang startet in der verknüpften App. Bei Ausfahrt wird der Vorgang gestoppt und die Gebühr automatisch abgerechnet – ohne Ticket, ohne manuellen Eingriff. Diese Technologie reduziert Wartezeiten, minimiert Fehlerquellen und erhöht die Nutzungsfreundlichkeit.
Vollständig automatisiertes Parken ist auch dank moderner Infotainmentsysteme möglich. So können bereits in vielen Automodellen Parkvorgänge direkt über diese Systeme gestartet, verwaltet und automatisch beendet werden. Solche Automatisierungsfunktionen werden auch in Zukunft eine immer größere Rolle spielen.
Parkdaten als Grundlage für strategische Entscheidungen
Was all diese Technologien verbindet, ist die Fähigkeit, Daten zu erfassen und zu verarbeiten. Diese Daten bilden die Grundlage für verkehrspolitische Entscheidungen: von der Preisgestaltung über die Planung neuer Parkflächen bis hin zur Überarbeitung urbaner Mobilitätskonzepte. Wir beobachten in der Zusammenarbeit mit Städten und Gemeinden, dass eine fundierte Datenbasis nicht nur die Planungsqualität erhöht, sondern auch die politische Akzeptanz von Maßnahmen stärkt.
Ein gutes Beispiel dafür ist Heidelberg: Die Stadt nutzte Parkdaten, um ein neues Parkraumkonzept zu entwickeln. Zunächst wurde eine digitale Karte mit dem vorherrschenden Parkdruck und den bestehenden Parkregelungen erstellt. Die Analyse zeigte mit einem Parkdruck von über 80 Prozent im gesamten Stadtgebiet klaren Handlungsbedarf. Auf Basis der Daten wurden Maßnahmen definiert, in Bürgerforen diskutiert und transparent kommuniziert.
Was bedeutet das?
Die Digitalisierung des Parkens ist kein Selbstzweck. Technologien wie Eye-Tracking-Brillen, Scan-Cars, Kameraparken oder Parkdaten sind vor allem eines: Werkzeuge, um knappe Ressourcen effizienter zu nutzen, Städte lebenswerter zu machen und Mobilitätsentscheidungen auf eine verlässliche Datenbasis zu stellen. Die eigentliche Kunst besteht jedoch darin, diese Technologien intelligent zu vernetzen und die gewonnenen Daten in echte Verbesserungen für die Lebensqualität zu übersetzen.
Den Gastbeitrag erstellte für uns Heidi Wildemann, Geschäftsführerin Arrive Deutschland
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