Thema des Monats

Plus-Taxi in Essen gescheitert

Thema des Monats Oktober 2005

Die Mehrzahl der Essener Taxiunternehmer ist entäuscht. Gemeinsam mit der IHK hatten Essener Taxizentralen und Verbände ein Plus-Taxi-Projekt gestartet und sind damit am Veto weniger Genossen der Taxi Essen eG gescheitert. 24 Nein-Sager reichten dafür aus. Nach dem Dortmunder und Bremer Vorbild wollte man auch in Essen ein Qualitätstaxi definieren und in der Öffentlichkeit propagieren, um so die immer schwächere Nachfrage nach dem Produkt „Taxi“ wieder anzukurbeln. Die Chancen dafür standen günstig, denn als Kulturhauptstadt 2010 ist die Stadt Essen derzeit bemüht, sich in allen Bereichen so positiv wie möglich darzustellen. Deshalb war auch die örtliche IHK schnell von dem Konzept Plus-Taxi überzeugt. Das Projekt sollte allen Essener Taxikollegen offen stehen, ganz gleich welcher Zentralenzugehörigkeit. Die Schulungen fanden in den Räumen der IHK Essen statt und kosteten 60 Euro.
270 Fahrer haben seit dem Start im Oktober 2004 an der Plus-Taxi-Zertifizierung erfolgreich teilgenommen, 120 Fahrzeuge bestanden den Qualitätscheck. Für die Kontrolle und Überwachung wurde eine Kommission eingerichtet, in der neben Vertretern der Verbände und Zentralen auch die IHK einen Mitarbeiter stellte.
So weit, so gut. Nun regte sich aus dem eigenen Gewerbe Widerstand. Einige Genossen der Taxi Essen eG kritisierten das Plus-Taxi-Projekt: Stellvertretend für viele seiner Kollegen monierte beispielsweise ein Taxiunternehmer, dass er die nun geforderten Qualitätsanforderungen seit eh und je praktiziere und es deswegen auch nicht einsähe, dafür 60 Euro zu zahlen. Den dafür angebotenen Kurs bezeichnete er als praxisfremd; an die IHK richtete er den Vorwurf, zusätzlich zu den Zwangsbeiträgen eine willkommene weitere Einnahmequelle entdeckt zu haben. Als nachteilig bezeichnete der Taxiunternehmer auch die Tatsache, dass durch das eingeführte Plus-Taxi für ihn selbst nicht mehr die Möglichkeit bestehe, sich durch gute Qualität von der Konkurrenz abzuheben. In seinen Augen werde damit der vorhandene Kundenstamm nur umgeschichtet, jedoch kein neuer gewonnen.
Darum haben er und 23 Mitgenossen in der Generalversammlung gegen das Plus-Taxi gestimmt. Da die eG insgesamt nur aus 63 Genossen besteht (die anderen Unternehmen sind nur Teilnehmer an der Auftragsvermittlung) und von den verbliebenen nur elf dafür stimmten (der Rest enthielt sich oder war gar nicht erschienen), war die Konsequenz aus dem Veto klar: „Plus-Taxis“ werden durch die Taxi Essen eG nicht mehr vermittelt, was der gesamte Vorstand der Taxi Essen eG gegenüber taxi heute bedauerte. Damit ist das Projekt insgesamt gestorben, denn der Großteil der 450 Essener Taxis ist der Genossenschaft angeschlossen. 120 Fahrzeuge und 270 Fahrer hatten zu diesem Zeitpunkt bereits die Prüfung absolviert. Erfolgreich, aber leider vergeblich.

Anstelle eines Kommentars hier nun ein offener Brief an die 24 Essener Plus-Taxi-Verweigerer
Sehr geehrte Taxiunternehmer!
Seit Jahren oder auch Jahrzehnten erledigen Sie nun schon höchst zuverlässig und damit auch erfolgreich Ihren „Job“ als höflicher Taxifahrer mit korrekter Kleidung, besonnenem Fahrstil und mit gepflegten, sauberen Fahrzeugen. Belohnt werden Sie dafür mit einer großen Stammkundschaft, die Ihre Berufseinstellung honoriert und deshalb immer wieder bei Ihnen persönlich anruft, um ein Taxi zu bestellen.
Da ist es schwer verständlich, wenn Sie plötzlich durch eine „Plus-Taxi-Initiative“ dazu gezwungen werden, Zeit und Kosten zu verschwenden, um in IHK-Kursen genau die Dinge als „Tipps“ zu hören, die man selbst jahrelang befolgt hat.
Weil Sie es schon immer als selbstverständlich empfunden haben!
In diesem Punkt kann ich Sie gut verstehen. Völlig unverständlich ist mir allerdings die Furcht, Sie könnten Ihre eigene Stammkundschaft wieder verlieren. An die 100 Plus-Taxler, die nun scheinbar die Früchte ernten, die Sie jahrelang gesät haben.
Falsch!
Wer seinen Wettbewerbsvorteil nur durch Selbstverständlichkeiten erkämpft, stellt seinen Geschäftserfolg auf wacklige Beine. Weil er immer damit rechnen muss, dass die anderen irgendwann nachziehen.

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, mit anderen Unternehmen im Wettbewerb um die Kunden zu stehen. Wer Marktführer ist, weil die Konkurrenten zu schwach sind oder durch ein satzungsgemäß legitimes Minderheitenveto geschwächt werden, leitet damit den Niedergang des eigenes Marktes ein.
Anstatt den einen verbliebenen Kuchen zu verteidigen, hätte man vielleicht gemeinsam mit den Kollegen, der eigenen Genossenschaft und der involvierten IHK einen zweiten Kuchen backen können: Indem man durch ein flächendeckendes Qualitätsversprechen endlich neue Kunden gewonnen hätte.
Ihre individuellen Vorzüge wären dadurch nicht verloren gegangen. Bisher haben Sie vielleicht die Stücke des Marmorkuchens bekommen, während ihr schwächelnder Wettbewerber trockenen Zwieback essen musste. Innerhalb eines Plus-Taxi-Projekt hätten wieder alle vom Kuchen essen können – und Sie durch ihr persönliches Engagement die Sahnestückchen!

Mit freundlichen Grüßen
Jürgen Hartmann
(Redaktion taxi heute)

(jh)