Zwei Stunden gegen das Feuer – wie E-Autos (noch) sicherer werden

Mit der Norm GB 38031–2025 schafft China Fakten, die die Sicherheitsdebatte um Elektroautos neu ordnen. Wie damit E-Autos noch sicherer werden - und warum auch Taxiunternehmer davon betroffen sind.

Symbolbild: Der Albtraum - ein brennendes E-Auto. Auch wenn E-Autos deutlich seltener in Brand geraten als Verbrenner, das Löschen ist deutlich herausfordernder.| Foto: taxi-heute Redaktion/KI-generiert
Symbolbild: Der Albtraum - ein brennendes E-Auto. Auch wenn E-Autos deutlich seltener in Brand geraten als Verbrenner, das Löschen ist deutlich herausfordernder.| Foto: taxi-heute Redaktion/KI-generiert

Auf Automessen sprechen Hersteller gern über Reichweiten, Ladeleistungen und Beschleunigungswerte. Die eigentliche Nachricht der diesjährigen Auto China in Peking versteckte sich jedoch tief im Fahrzeugboden. Dort, wo niemand hinsieht: in der Batterie. Seit dem 1. Juli 2025 gilt in China die neue Norm GB 38031–2025 für Hochvolt-Fahrbatterien. Was zunächst wie eine technische Vorschrift klingt, könnte sich als eine der folgenreichsten regulatorischen Entscheidungen der Elektromobilität erweisen. Erstmals schreibt ein Staat vor, dass die Batterie eines Elektroautos nach einem Schaden nicht mehr in Brand geraten oder explodieren darf – und zwar mindestens zwei Stunden lang.

Für die Taxi- und Mietwagenbranche ist das weit mehr als ein Detail aus der Welt der Ingenieure. Denn kaum ein Fahrzeugtyp legt höhere Laufleistungen zurück als ein Taxi. Sicherheit, Zuverlässigkeit und Restwert entscheiden hier oft stärker über den wirtschaftlichen Erfolg als die letzten Kilometer Reichweite.

Ende der Angst?

Elektroautos kämpfen seit Jahren mit einem besonderen Problem. Statistisch brennen sie zwar seltener als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Doch wenn eine Batterie Feuer fängt, sind die Bilder spektakulär. Brennende Fahrzeuge in Parkhäusern, auf Fähren oder an Ladesäulen haben sich tief ins öffentliche Bewusstsein eingebrannt. Die neue chinesische Norm greift genau diese Sorge auf. Neben der zweistündigen Brandsicherheit verlangt sie weitere Schutzmaßnahmen. So müssen Fahrzeuge künftig einen speziellen Unterboden-Crashtest bestehen. Außerdem sind Frühwarnsysteme vorgeschrieben, die Insassen spätestens fünf Minuten nach dem Beginn einer kritischen Zellreaktion warnen müssen. Giftige Gase dürfen bis dahin nicht in den Fahrgastraum gelangen.

„Das ist ein sehr gutes Beispiel für eine nutzerorientierte Regulierung“, sagt Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management. „Der Staat definiert das Sicherheitsziel, die Industrie muss die technischen Lösungen liefern.“

Warum Batterien überhaupt brennen

Um die Bedeutung der Norm zu verstehen, lohnt ein Blick in das Innere moderner Akkus.Die meisten heutigen Hochvoltbatterien verwenden flüssige Elektrolyte. Diese organischen Lösungsmittel besitzen einen ähnlichen Brennwert wie Kraftstoffe. Wird eine Zelle beschädigt oder überhitzt, kann es zum sogenannten Thermal Runaway kommen – einer unkontrollierten thermischen Reaktion. Die Hitze einer Zelle entzündet benachbarte Zellen, bis schließlich der gesamte Batteriespeicher betroffen ist.

„Dass mal eine oder zwei Zellen in einer Fahrzeugbatterie Schaden nehmen, lässt sich nicht verhindern“, erklärt Jens Tübke vom Karlsruher Institut für Technologie. Entscheidend sei vielmehr, die Ausbreitung auf benachbarte Zellen zu verhindern. „Den Fehler durch eine sichere Konstruktion der Batteriepacks auf den Ausbruchsort zu begrenzen“, sei die eigentliche Aufgabe moderner Batterietechnik.

Genau hier setzt die neue Norm an.

Hersteller müssen umdenken

Für die Autobauer bedeutet GB 38031–2025 einen erheblichen Entwicklungsaufwand. Batteriepacks benötigen künftig zusätzliche Schutzmechanismen, bessere Kühlung und neue Konzepte zur Ableitung heißer Gase. Einige Hersteller setzen auf stärkere Abschottung einzelner Zellen. Andere integrieren die Batterie stärker in die Fahrzeugstruktur oder entwickeln neue Gehäusekonzepte. Porsche gehört dabei zu den Herstellern, die ihre Fahrzeuge bereits an den neuen Anforderungen ausgerichtet haben.

„Das Batteriesystem ist integraler Bestandteil der Sicherheitsstruktur des Fahrzeugs“, sagt Marco Schmerbeck, Leiter Energiesysteme der Cayenne-Baureihe. Bei einem Unfall wirke die Energie auf das Batteriegehäuse, nicht auf die Zellen selbst.

Parallel gewinnen alternative Zellchemien an Bedeutung. Besonders Lithium-Eisenphosphat-Batterien (LFP), wie sie viele chinesische Hersteller bereits einsetzen, gelten als thermisch stabiler als klassische Nickel-Mangan-Kobalt-Systeme. Sie bieten zwar meist geringere Energiedichten, reagieren aber deutlich weniger anfällig auf Überhitzung.

Was das für Taxibetriebe bedeutet

Auf den ersten Blick scheint die Norm weit entfernt vom Alltag eines Taxiunternehmers in Deutschland. Tatsächlich könnten ihre Auswirkungen schneller spürbar werden als viele vermuten. Fahrzeuge werden heute für globale Märkte entwickelt. Hersteller können es sich kaum leisten, für China eine eigene Batteriearchitektur und für Europa eine andere zu konstruieren. Deshalb werden Sicherheitsstandards, die in China eingeführt werden, häufig später weltweit übernommen.

Für Taxibetriebe ergeben sich daraus mehrere Vorteile.

  • Die Betriebssicherheit der Fahrzeuge steigt. Gerade bei hohen Jahreslaufleistungen und intensiver Nutzung reduziert jede zusätzliche Sicherheitsreserve das Risiko ungeplanter Ausfälle.
  • Versicherer können künftig positiv auf verbesserte Batteriesicherheit reagieren. Zwar gibt es dafür derzeit noch keine konkreten Tarifanpassungen, doch die Schadenwahrscheinlichkeit gehört zu den wichtigsten Faktoren jeder Kalkulation.
  • Die Sicherheit beeinflusst zunehmend die Restwerte. Gebrauchtwagenkäufer achten bei Elektrofahrzeugen besonders auf den Zustand und die Zuverlässigkeit der Batterie. Eine streng regulierte und nachweislich sichere Batterietechnik kann das Vertrauen in den Gebrauchtmarkt stärken.

China setzt den Maßstab

Die eigentliche Botschaft der Norm reicht allerdings über das Thema Brandschutz hinaus. Lange galt Europa als Taktgeber der Fahrzeugsicherheit. Sicherheitsgurte, Knautschzonen oder ABS wurden hier entwickelt und regulatorisch vorangetrieben. Bei der Elektromobilität verschieben sich die Gewichte zunehmend.

„Wenn China das so umsetzt, markiert es für Batteriebau und E-Mobilität eine Zeitenwende“, sagt Fraunhofer-Experte Jens Tübke.

Tatsächlich entsteht hier ein bemerkenswerter Rollenwechsel. Nicht europäische Regulierer definieren den nächsten großen Sicherheitsstandard, sondern das chinesische Industrieministerium. Deutsche Hersteller wie BMW, Porsche oder Volkswagen haben ihre Fahrzeuge bereits entsprechend vorbereitet.

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