Mexikos erstes E-Auto: Olinia 1 ab 7.500 Euro!

In Mexiko wurde der erste Prototyp der Marke Olinia präsentiert. Sie ist die erste im Land entwickelten Elektrofahrzeugmarke. Die kantigen Cabs sollen ab 2027 in Serie gehen.

Große Bühne für Mexicos erstes eigenes kleines Elektroauto: Den Olinia 1. | Foto: Hazel Cárendas Presidencia
Große Bühne für Mexicos erstes eigenes kleines Elektroauto: Den Olinia 1. | Foto: Hazel Cárendas Presidencia
(erschienen bei VISION mobility von Gregor Soller)

Mexiko baut also ein Elektroauto. Ein kleines. Ein sehr kleines. Und natürlich heißt es nicht einfach „MX EV“ oder „Ciudad Compact“. Nein. Es heißt Olinia Uno – was klingt wie ein italienischer Espressokocher, ist aber tatsächlich der Versuch, den urbanen Verkehr einer 22-Millionen-Metropole neu zu erfinden. Und ehrlich gesagt: Das Ding ist herrlich verrückt.

Der Olinia Uno ist ein elektrisches Stadtfahrzeug mit einer 14,7-kWh-Batterie, 125 Kilometern Reichweite und einer Höchstgeschwindigkeit von exakt 50 km/h. Also ungefähr die Geschwindigkeit, mit der James May in einem Supermarktparkhaus unterwegs wäre. Der Einstiegspreis? 150.000 mexikanische Pesos – umgerechnet rund 7.500 Euro. Dafür bekommt man heutzutage in Europa entweder einen gebrauchten Kleinwagen mit fragwürdiger Kupplung oder drei Carbon-Optionen bei Porsche.

Aber Mexiko denkt größer. Viel größer.

Denn der Olinia Uno soll nicht einfach nur ein billiges Elektroauto sein. Er soll das Auto der Stadt werden. Ein Fahrzeug für den täglichen Wahnsinn zwischen Stau, Schlaglöchern, hupenden Taxis und Menschen, die glauben, Blinker seien eine kommunistische Erfindung.

Die Betriebskosten liegen laut Projektdaten bei gerade einmal 0,49 Pesos pro Kilometer – etwa 2,5 Cent. Das ist weniger als viele Menschen für einen Kaugummi bezahlen. Und geladen wird nicht an futuristischen Hyperchargern mit RGB-Beleuchtung und App-Zwang, sondern ganz simpel an der Haushaltssteckdose. Doch das dauert. Weshalb man da noch mal nachlegen könnte...aber grundsätzlich gilt: Einfach einstecken. Fertig. Ob zusätzlich AC-Laden über Typ-2 möglich ist? Weiß noch niemand. 

Platz für sechs - gern als Taxi!

Dieses winzige Elektroauto bietet Platz für bis zu sechs Personen. Sechs! In einem Fahrzeug, das vermutlich kürzer ist als ein durchschnittlicher deutscher SUV-Schlüsselanhänger. Außerdem gibt es spezielle Ausstattungsmerkmale für Rollstuhlfahrer. Praktisch, kompakt und offenbar entwickelt von Menschen, die tatsächlich schon einmal in einer Großstadt unterwegs waren.

Doch ein Elektroauto ohne Ladeinfrastruktur ist ungefähr so sinnvoll wie ein Cabrio-U-Boot. Deshalb gehört zum Olinia-Projekt auch der Aufbau von 2.000 Ladepunkten – zunächst in Mexiko-Stadt, im Bundesstaat Mexiko und in Puebla. Ziel ist nicht weniger als die Elektrifizierung urbaner Mobilität, inklusive Taxi- und öffentlicher Verkehrsflotten.

Man will mit 20.000 Einheiten pro Jahr starten

Die Produktionsstätte soll zwischen August und September 2026 entstehen. Zum Start peilt man 20.000 Fahrzeuge pro Jahr an. Danach soll skaliert werden: 50.000 Fahrzeuge innerhalb von vier Jahren und langfristig sogar 100.000 Einheiten jährlich. Das ist ambitioniert. Vor allem für ein Land, das bisher vor allem als verlängerte Werkbank internationaler Autohersteller galt. Doch genau das soll sich ändern.

Mexico will mehr sein als nur verlängerte Werkbank

Mexiko will sich vom reinen Exportstandort für Fahrzeugmontage zu einer vertikal integrierten Automobilnation entwickeln – mit eigener Entwicklung, eigener Technologie und eigener Fertigung. Das nationale Elektrofahrzeugprogramm wurde erstmals im Januar 2025 vorgestellt und ist im Grunde Mexikos Antwort auf die Frage:

„Warum sollen eigentlich immer nur andere Länder die Zukunft bauen?“

Koordiniert wird das Ganze vom mexikanischen Ministerium für Wissenschaft, Geisteswissenschaften, Technologie und Innovation – kurz SECIHTI, was klingt wie ein geheimnisvolles DLC für Civilization. Unterstützt wird das Projekt vom National Polytechnic Institute (IPN) und dem National Technological Institute of Mexico (TecNM). Mehr als 80 Forscher arbeiteten am Entwicklungszentrum in Puebla, das künftig zu einem regionalen Zentrum für Elektromobilität, künstliche Intelligenz und saubere Energietechnologien ausgebaut werden soll.

Und Mexiko denkt nicht nur an Autos, sondern an die gesamte Lieferkette. Der Anteil heimischer Wertschöpfung soll zunächst bei 50 Prozent liegen und bis 2030 auf 75 Prozent steigen. Das bedeutet: weniger Abhängigkeit von Importen und mehr lokale Industrie. Genau das, was viele westliche Autohersteller seit Jahren auf PowerPoint-Folien versprechen.

Die Marke Olinia selbst wird unter einer gemischten Eigentümerstruktur geführt und sucht aktuell private Investitionen von rund 200 Millionen mexikanischen Pesos – knapp zehn Millionen Euro –, um den Übergang vom Prototypenstadium in die Serienproduktion zu finanzieren.

Und weil moderne Elektromobilität heute offenbar ohne regulatorischen Wahnsinn nicht mehr existieren darf, arbeitet die mexikanische Regierung parallel an einer komplett neuen Fahrzeugkategorie für urbane Elektrofahrzeuge mit niedrigen bis mittleren Geschwindigkeiten. Also quasi eine gesetzliche Heimat für Fahrzeuge, die zu schnell für Fahrräder, aber zu klein für traditionelle Autos sind.

Selbst bei den Batterien denkt man weiter: Die Strategie sieht einen „Second-Life“-Ansatz vor. Gebrauchte Batteriepakete sollen vor ihrem finalen Recycling in Sonora noch als stationäre Energiespeicher in Haushalten weiterverwendet werden können.

Was bedeutet das?

Während andere Hersteller noch darüber diskutieren, ob man Sitzheizungen im Monatsabo verkaufen sollte, baut Mexiko ein simples, günstiges und ziemlich cleveres Elektroauto für echte Menschen in ganz großen Städten. Und das ist möglicherweise revolutionärer als ein 1.000-PS-Hypercar mit veganem Alcantara.

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