Ein Jahr nach dem Anschlag: Die Geschichte des Mannheimer Taxi-Fahrers
Am 3. März jährt sich der Tag, an dem die Mannheimer Innenstadt zum Schauplatz eines tödlichen Anschlags wurde. Ein Autofahrer raste damals durch die Fußgängerzone, erfasste Passanten entlang der Planken und setzte seine Fahrt bis zum Quadrat E7 fort. Zwei Menschen starben, vierzehn wurden verletzt, einige von ihnen schwer. Während Rettungskräfte und Polizei versuchten, in der unübersichtlichen Lage die Versorgung der Betroffenen zu sichern, war es ein Mann, der noch vor dem Eintreffen der Einsatzkräfte eine entscheidende Rolle spielte: der Taxifahrer A. Muhammad.
Entscheidung zum Eingreifen
Muhammad wartete an diesem Nachmittag mit seinem Taxi in einer Querstraße nahe des Rathauses, als er plötzlich Menschen davonrennen sah. „Ich hatte das Fenster ein bisschen offen und habe das Auto durch die Menschen fahren sehen“, erinnerte er sich zwei Wochen nach dem Anschlag im Gespräch mit der taxi heute. Dass Fahrzeuge in der Fußgängerzone fahren, sei ungewöhnlich, deshalb habe er die Situation sofort als bedrohlich eingeordnet.
Er fuhr an, hupte, um Passanten zu warnen, und nahm die Verfolgung auf. Die Planken, ein langer, geradliniger Abschnitt, enden in einer Sackgasse. Genau dort versuchte der Attentäter, zu wenden und zurückzufahren. Muhammad stellte sein Taxi quer, sodass der Wagen blockiert wurde.
Konfrontation mit dem Fahrer
Der Fahrer, ein damals 40-jähriger Deutscher aus Ludwigshafen, stieg aus, zielte mit einer Waffe auf ihn und schoss. Erst später erfuhr Muhammad, dass es sich lediglich um eine Schreckschusspistole gehandelt hatte. „In dem Moment weiß man das natürlich nicht“, sagte er. Als er floh wurde ihm bewusst, dass sein Taxi noch lief und der Täter es nutzen könnte, um weiterzufahren. Er kehrte zurück, zog den Schlüssel ab und verhinderte damit eine mögliche Flucht des Mannes.
Unübersichtliche Einsatzlage
Die Polizei traf nach Angaben der Stadt nach rund sieben Minuten ein. Zu diesem Zeitpunkt war die Lage chaotisch: Betroffene lagen verteilt über die Strecke des Anschlags, Einsatzkräfte versuchten sich zu orientieren, Falschmeldungen kursierten in Netzwerken. Muhammad wies die Beamten schließlich auf den Täter hin und wurde später als Hauptzeuge vernommen. Seine Belastung war enorm – selbst Minuten nach dem Geschehen war sein Puls noch auf 180, wie Rettungskräfte feststellten.
Zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre
Kurz nach dem Attentat wurde Muhammad öffentlich als „Held von Mannheim“ bezeichnet. Der damalige Oberbürgermeister Christian Specht würdigte seinen mutigen Einsatz. Doch Muhammad selbst wollte nie eine öffentliche Figur werden. „Ich möchte nur mein Leben von vorher zurück“, erklärte er. Er gab nur wenigen Medien Interviews; seinen vollständigen Namen hielt er bewusst zurück.
Neben den emotionalen Folgen beschäftigte ihn vor allem die Existenzsicherung. Als selbstständiger Unternehmer mit fünf Taxis hat er monatliche Fixkosten von rund 7.000 Euro. Arbeiten musste er wieder – trotz Erschöpfung, trotz der Belastung, trotz der anhaltenden Aufmerksamkeit auf der Straße. „Momentan ist das noch ein bisschen schwer, weil mich die Leute erkennen“, sagte er damals.
Die Belastung der Taxi-Branche
Im Gespräch machte A. Muhammad deutlich, wie schwierig die wirtschaftliche Situation für Taxi-Unternehmer bereits vor dem Anschlag gewesen sei. Besonders die Konkurrenz durch Uber belaste den lokalen Markt. In Heidelberg, so berichtete er, würden Mietwagenkonzessionen in großem Umfang erteilt, viele dieser Fahrzeuge arbeiteten dann allerdings faktisch im benachbarten Mannheim. „An die Rückkehrpflicht hält sich ja sowieso keiner“, sagte er. Dazu kämen Probleme wie mangelnde Kontrollen und aus seiner Sicht unfaire Marktbedingungen.
Die Branche versuchte sich zu wehren, mit Beschwerden, Dokumentationen von Verstößen und sogar Protestaktionen. Am Ende, so Muhammad, fehle aber oft die politische und behördliche Durchsetzungskraft. Sein Wunsch nach mehr Kontrolle und klareren Regeln stand im Interview deutlich im Raum.
"Die Stadt Mannheim muss mehr kontrollieren – und sich mit den umliegenden Städten besprechen. Aber jetzt bekommt Uber ja sogar an den Flugplätzen plötzlich Haltezonen – das ist dann wie ein Taxistand!
Außerdem ist es mit den städtischen Behörden schon manchmal schwierig. Die haben ja meist keine Fachleute dasitzen. Wenn man da erst einmal erklären muss, was die Rückkehrpflicht für Mietwagen überhaupt ist …"
Wenig Rückhalt – trotz großer Worte
Als am Ort des Anschlags eine Gedenkfeier stattfand, hoffte Muhammad auf ein sichtbares Zeichen seiner Kolleginnen und Kollegen. Doch nur vier Taxi-Unternehmer kamen. „Es geht ja nicht um mich“, sagte er. Ihm sei wichtig gewesen zu zeigen, dass Taxis ein verlässlicher Teil der öffentlichen Mobilität seien und dass die Branche zusammenstehe. Die geringe Beteiligung empfand er als ernüchternd.
Ein Jahr danach
Muhammads Einsatz hat möglicherweise weitere Opfer verhindert. Er selbst betrachtet seine Handlung als selbstverständlich:
„Ich bin kein Held. Mannheim hat mir viel gegeben. Ich bin Moslem. Was ich gemacht habe, ist eine kleine Sache.“
Doch sein Eingreifen hat Leben geschützt und die Diskussion über die Rolle, die Verantwortung und die Rahmenbedingungen des Taxigewerbes erneut in den Fokus gerückt.
Ein Jahr nach dem Anschlag bleibt seine Geschichte ein Beispiel dafür, wie zentral Taxifahrerinnen und Taxifahrer im urbanen Alltag sind und wie viel Mut notwendig sein kann, wenn Sekunden über Menschenleben entscheiden.
Taxi-Fahrzeuge (Pkw) , Taxi-Newsletter, Taxameter, Taxi-Fahrer , BZP – Deutscher Taxi- und Mietwagenverband , Straßenverkehrsordnung (StVO) , Krankenbeförderung , Weiterbildung , Taxi-Konzessionen , Verkehrspolitik , Mietwagenbranche , Taxi-Apps , Berufskraftfahrer-Qualifikations-Gesetz BKrFQG) , Taxizentralen , Personal, Gehälter, Arbeitsschutz , Wirtschaftsnachrichten , Werbung , Taxi-Folierung , Taxi-Umrüster , Straßenverkehr , Elektromobilität, Taxifuhrpark und -flottenmanagement , Taxi-Versicherungen , Hybrid, Diesel, Erdgas , Taxi-Magazin