Zwei Personen kamen ums Leben, 14 weitere wurden verletzt, einige davon schwer. Rettungskräfte, Feuerwehr und Polizei waren mit starken Kräften im Einsatz, um die Versorgung der Verletzten sicherzustellen. Die Stadt alarmierte umgehend die umliegenden Krankenhäuser, um Kapazitäten bereitzustellen.
Inmitten dieses Chaos zeigte ein Taxifahrer besonderen Mut. A. Muhammad, der mit seinem Taxi am Mannheimer Rathaus wartete, wurde Zeuge der Attacke. Er reagierte sofort, setzte sich in Bewegung, hupte, warnte Passanten und verfolgte das Fahrzeug. Schließlich gelang es ihm, dem Amokfahrer den Rückweg abzuschneiden. Der Täter, ein 40-jähriger Mann aus Ludwigshafen, stoppte und schoss mit einer Schreckschusspistole auf Muhammad. Der Taxifahrer verließ sein Fahrzeug, realisierte jedoch schnell die Gefahr, dass der Täter sein Taxi nutzen könnte, um weiterzufahren. Er kehrte zurück, zog den Schlüssel ab und verhinderte so eine weitere Eskalation.
Der Mannheimer Oberbürgermeister Christian Specht (CDU) würdigte am Mittwoch den Einsatz des Taxifahrers. „Viele Menschen in Mannheim betrachten ihn als Helden“, sagte Specht. Muhammad selbst aber erklärte bescheiden: „Ich bin kein Held. Mannheim hat mir viel gegeben. Ich bin Moslem. Was ich gemacht habe, ist eine kleine Sache.“
Wir haben A. Muhammad in Mannheim zu einem Interview getroffen.
Herr Muhammad, wie geht es Ihnen jetzt, zwei Wochen nach den dramatischen Ereignissen?
A. Muhammad: Es geht mir gefühlt besser. Ich bin die letzten zwei Wochen zuhause geblieben. Aber ich muss jetzt dann wieder arbeiten. Mit meinem Partner habe ich 5 Taxis. Ich habe monatliche Fixkosten von 7.000 Euro. Da muss man als selbstständiger arbeiten gehen.
Ich war eben am Paradeplatz und habe mir den Ort des Geschehens mit den ganzen Blumen angesehen. Und Sie standen mit Ihrem Taxi in der Querstraße Richtung Rathaus?
Die Straße Planken führt vom Wasserturm durch die Innenstadt, alles ist da Fußgängerzone. Ich hatte das Fenster ein wenig offen und habe das Auto durch die Menschen fahren sehen. Da fahren ja sonst keine Autos – nur die Straßenbahn. Ich sah Leute laufen. Dann bin ich da hingefahren – und hinter dem Fahrzeug des Attentäters her. Dabei habe ich gehupt, um die Leute zu warnen. Die Fußgängerzone ist ja sehr lang, vom Quadrat 1 bis zum Quadrat 7 (in Mannheim sind die Straßen wie in einem Schachbrett-Mustern angelegt und mit Ziffern und Zahlen strukturiert – Anm. der Red.) Am Ende ist das eine Sackgasse. Da wollte der Täter umdrehen und wieder zurückfahren. Da habe ich mein Taxi so quer hingestellt, dass er nicht mehr umdrehen konnte.
Wie haben Sie das den so schnell bemerkt, dass da Gefahr droht? Sie standen ja in der Querstraße?
Ich hatte das Fenster ein bisschen offen. Und ich habe die Leute rennen sehen. Man hatte ja in der letzten Zeit schon einiges von solchen Vorfällen gehört. Dramatisch war es dann allerdings, als der Täter aus dem Auto ausstieg und mit einer Waffe auf mich zielte – da hatte ich unglaublich Angst und bin auch geflohen. Erst später habe ich erfahren, dass das nur eine Schreckschuss-Pistole war. Aber in dem Moment weiß man das natürlich nicht. Und außerdem habe ich dann sofort gedacht – ich habe den Schlüssel im Auto stecken lassen, der Täter könnte fliehen und bin zurück.
Die Polizei war dann schnell da?
Der Oberbürgermeister meinte, die Polizei wäre schnell da gewesen. Es waren wohl sieben Minuten bis zum Eintreffen der Polizei. Erst mal war es ein Durcheinander. Die Polizei wusste nicht genau, wo sie hinsoll und wusste nicht, ob es ein Unfall oder ein Anschlag war. Die Passanten, die der Attentäter angefahren hatte, waren ein Stück weiter vorne in der Fußgängerzone. Außerdem wusste die Polizei in diesem Moment auch nicht, wer der Täter – oder die Täter sind.
Und wie hat die Polizei den Täter dann gefunden?
Als die Polizei dann bei mir war, habe ich denen erzählt, was passiert ist. Ich konnte ihnen auch den Täter zeigen. Ich war also der Hauptzeuge. Aber da waren ja 100 Leute, die rumstanden. Und die Strecke des Anschlages sind bestimmt 100 Meter. Dann kamen auch die Rettungskräfte, die kontrollierten meinen Puls – und der war auch nach 10 Minuten auf 180! Da musste ich erst einmal zur Rettung. Und die Kriminalpolizei hat mich auch noch mal zu dem Anschlag verhört. Schnell konnten die aber klären, dass es nur ein Einzeltäter war. Ich hatte da schon etwas Bedenken, da ich ja der Hauptzeuge bei der Erkennung des Täters war – ob da nicht noch andere Personen in den Anschlag verwickelt sein könnten, die sich dann an mir rächen? Aber ein, zwei Tage später war ich dann etwas beruhigt, es hieß, es sei ein Einzeltäter gewesen. Es waren zwischendrin lauter Falschmeldungen in den Sozialen Medien. Es sollen drei Mädchen in der Rheingalerie erstochen worden sein, dann gab es Meldungen über eine Schießerei …
Was hat den Ihre Familie reagiert?
Ich habe es erst einmal meinem Schwager und meinem Freund erzählt. Als ich dann endlich daheim war und meine Familie Bescheid wusste, sind natürlich erst einmal Tränen geflossen.
Haben Sie irgendwelche Hilfen bekommen? Oder psychologische Unterstützung?
Nein. Also eine Art Betreuung wurde mir schon angeboten. Aber eigentlich muss ich nur schauen, dass ich wieder Arbeiten gehen kann. Momentan ist das noch ein bisschen schwer, weil mich die Leute erkennen. Die haben vielleicht das Bild mit dem Bürgermeister und mir gesehen. Sonst habe ich, bis auf ein Interview mit dem stern, alle Medienanfragen abgelehnt.
Viele Medien haben nachgefragt und auch bei der Taxizentrale angerufen. Ich habe niemanden meinen vollen Namen verraten und auch nicht, wo ich wohne, denn eigentlich will ich nur mein Leben von vorher wieder zurück. Ich bin ja nicht außergewöhnlich.
Eigentlich schon. Die meisten Passanten haben ja gar nicht so schnell mitbekommen, was passiert ist. Und die, die etwas bemerkt haben, sind wahrscheinlich eher geflohen, als sich dem Attentäter in den Weg zu stellen und sich in potentielle Gefahr zu begeben. Aber Sie wollen so anonym wie möglich bleiben?
Genau. In meiner früheren Heimat Pakistan müsste ich jetzt für meine Tat ins Gefängnis. Verstehen Sie? Aber meine Heimat ist jetzt Deutschland. Meine beiden Kinder sind hier geboren. Sie gehen in die Grundschule und ins Gymnasium. Ich möchte aber nicht, dass ich überall in der Presse bin. Nur beim stern und beim SWR habe ich eine Ausnahme gemacht, alle anderen Anfragen haben wir abgelehnt. Und das Gespräch mit der taxi heute natürlich. Aber das ist mir wichtig, weil es auch um die Belange der Taxifahrer geht.
Was meinen Sie damit?
Ich finde, als Taxifahrer ist man auch Angestellter. Also ich bin selbstständig, aber auch irgendwie der Allgemeinheit mit meinem Fahr-Service verpflichtet. Bei uns in der Stadt wird es immer schwieriger, als Taxi-Unternehmer über die Runden zu kommen. Uber macht uns das Leben schwer.
Ich habe, als ich beim Bahnhof ausstieg und zu unserem Treffpunkt gegangen bin, einige Uber-Fahrzeuge gesehen. Die meisten hatten allerdings ein Heidelberger Kennzeichen.
Genau das ist das Problem. In Mannheim selbst sind gar nicht so viele Uber zugelassen. Die Stadt lässt keine Uber-Konzessionen mehr zu, auch, weil wir uns als Taxi-Community sehr stark eingesetzt haben.
In Heidelberg sind sie mit den Konzessionen freigiebiger?
Leider ja. Heidelberg ist eine Tourismus-Stadt. Deshalb werden dort die Uber-Unternehmen viel leichter genehmigt. Nur: Heidelberg ist mit etwa 155.000 Einwohnern etwa halb so groß wie Mannheim (etwa 316.000 Einwohner, Anm. d. Red.) und hat mittlerweile 650 Mietwagen! Und wo fahren die? Fast alle fahren in der Umgebung, weil es so viel Bedarf in Heidelberg gar nicht gibt. Also sind sie den ganzen Tag auch hier in Mannheim unterwegs – an die Rückkehrpflicht hält sich ja sowieso keiner. Außerdem machen die Uber-Unternehmer auch noch häufig Sozialbetrug. Die zahlen keine Steuern, haben ihr Konto im Ausland …
Es ist aber sehr schwer nachzuweisen.
Ja. Man muss mehr kontrollieren. Die Stadt Mannheim muss mehr kontrollieren – und sich mit den umliegenden Städten besprechen. Aber jetzt bekommt Uber ja sogar an den Flugplätzen plötzlich Haltezonen – das ist dann wie ein Taxistand! Außerdem ist es mit den städtischen Behörden schon manchmal schwierig. Die haben ja meist keine Fachleute dasitzen. Wenn man da erst einmal erklären muss, was die Rückkehrpflicht für Mietwagen überhaupt ist …
Da haben es Städte wie Berlin einfacher. Da kämpfen mittlerweile Fachpolitiker wie Timo Schopf für die Rechte der Taxi-Branche.
Wir haben viel versucht. Wir haben Uber-Fahrer beobachtet, wir konnten nachweisen, dass Uber Fahrer z. B. eine halbe Stunde geparkt haben und dann wieder einen Auftrag angenommen haben. Wir haben das den Behörden gemeldet. Dann haben wir auch schon in Wiesbaden gestreikt. Das schlimme ist: Uber hat so viel Geld, die haben am Anfang zu Werbezwecken Fahrten verschenkt, die können, wenn sie wollen, Fahrten, die mit dem Taxi 40 Euro kosten, für 10 Euro anbieten und die Taxibranche kaputt machen. Wir wollten schon am Bahnhof ein großes Banner gegen Uber aufstellen, um die Gäste zu informieren. Das hat uns die Stadt Mannheim aber untersagt.
Wie haben eigentlich Ihre Taxifahrer-Kollegen reagiert?
Als dann eine Art Gedenkfeier am Platz des Geschehens stattgefunden hat, waren wir gerade einmal zu viert! Dabei hatten wir es allen gesagt. Aber da fehlen den Taxifahrern halt zwei Stunden Umsatz. Aber es ist schon schade. Es geht ja nicht um mich – ich dachte, es wäre eine Möglichkeit, den Zusammenhalt zu zeigen und ein positives Gefühl für das Taxi zu vermitteln.
Herzlichen Dank für das Gespräch und Ihre Offenheit. Auch, wenn Sie es nicht sein wollen: Für viele sind Sie der Mannheimer Taxi-Held.
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