Chery Volt-dragon: Wenn der Ladestopp kürzer dauert als die Kaffeepause

Fünf Minuten. So lange braucht mancher Kaffeeautomat, um einen halbwegs vernünftigen Cappuccino auszuspucken. Chery will in derselben Zeit satte 500 Kilometer Reichweite in einen Elektroauto-Akku pumpen. Möglich machen soll das „Volt-dragon“, ein neues Megawatt-Ladesystem mit bis zu 1,44 Megawatt Leistung. Damit steigt der chinesische Autobauer in den Ring mit den Schnelllade-Schwergewichten BYD, Geely und Huawei.

Bis der Kaffee im Chery Coffee fertig ist, ist das Auto davor bereits geladen...| Foto: Chery
Bis der Kaffee im Chery Coffee fertig ist, ist das Auto davor bereits geladen...| Foto: Chery
(erschienen bei VISION mobility von Gregor Soller)

Werbewirksam hat Chery ein „Chery Cafe“ als Kulisse aufgebaut, vor der der Laderoboter agiert: Und die Zahlen klingen nach einer ziemlich wilden Ansage: Von zehn auf 97 Prozent Akkustand soll es in gerade einmal sechs Minuten und 50 Sekunden gehen. Das ist ungefähr die Zeit, die man braucht, um an einer Autobahnraststätte die Toilette zu finden, sich über den Kaffeepreis zu ärgern und wieder zum Auto zu laufen.

500 Kilometer Reichweite – aber nach welchem Maßstab?

Einen kleinen Haken hat die Sache allerdings. Chery verrät bislang nicht, welches Elektroauto diese Ladeleistung tatsächlich nutzen kann. Und die versprochenen 500 Kilometer dürften sich auf den chinesischen CLTC-Fahrzyklus beziehen, der bekanntlich deutlich optimistischer rechnet als die europäische WLTP-Norm. Ob unter realen Bedingungen tatsächlich so viel Reichweite in fünf Minuten nachgeladen werden kann, bleibt also abzuwarten.

Vorgestellt wurde Volt-dragon laut Car News China auf Cherys Global Innovation Conference. Mit auf der Bühne stand CheryMind, ein neues KI-Sprachmodell, das künftig nicht nur beim Ladenetzwerk, sondern auch bei Robotaxis und hochautomatisierten Fahrsystemen nach Level 4 mitmischen soll. Wie genau die künstliche Intelligenz beim Laden helfen wird, behält Chery allerdings noch für sich.

Der Kampf um die schnellste Steckdose

In China ist längst ein regelrechtes Wettrüsten um die kürzeste Ladezeit ausgebrochen. CATLs Shenxing-Batterie der dritten Generation soll den Sprung von zehn auf 98 Prozent in gerade einmal sechs Minuten und 27 Sekunden schaffen. Chery liegt mit seinen sechs Minuten und 50 Sekunden knapp dahinter. BYD, Geely und Huawei benötigen für vergleichbare Ladevorgänge laut eigenen Angaben acht bis neun Minuten.

Das sind Unterschiede, die auf dem Papier durchaus Eindruck machen. In der Praxis dürfte es allerdings wichtiger sein, ob die passende Ladesäule überhaupt verfügbar ist – und ob das eigene Auto die gewaltige Leistung auch verträgt.

Für Volt-dragon werden Fahrzeuge mit 800-Volt-Technik oder sogar Architekturen jenseits der 1000-Volt-Marke erwartet. Schließlich lässt sich eine Ladeleistung von 1,44 Megawatt nicht einfach durch irgendein gewöhnliches Ladekabel jagen.

Viel Leistung, wenig Lärm

Technisch fährt Chery jedenfalls ordentlich auf. Die Volt-dragon-Stationen sollen Siliziumkarbid-Leistungselektronik der neuesten Generation nutzen und einen Wirkungsgrad von 96,5 Prozent vom Stromnetz bis zum Ladeanschluss erreichen.

Damit die ganze Angelegenheit bei diesen gewaltigen Strommengen nicht zur Elektroheizung mutiert, kommt eine Flüssigkeitskühlung zum Einsatz. Besonders bemerkenswert: Stecker und Kabel sollen zusammen gerade einmal zwei Kilogramm wiegen. Und trotz der enormen Leistung soll der Geräuschpegel bei maximal 50 dBA liegen. Der Lade-Drache brüllt also offenbar weniger, als sein Name vermuten lässt.

Doch Chery will nicht nur schneller laden, sondern das Laden gleich noch bequemer machen. Geplant sind Roboterarme, die das Anstöpseln automatisch übernehmen. Dazu kommt bidirektionales Laden per Vehicle-to-Grid (V2G). Elektroautos könnten damit künftig Strom zurück ins Netz speisen und im Idealfall sogar Geld damit verdienen.

20.000 Lade-Drachen bis 2029?

Bei der Ladeinfrastruktur hat Chery ebenfalls große Pläne. Laut Car News China sollen zunächst 100 Volt-dragon-Stationen in zehn chinesischen Städten entstehen. Weitere Details zum Ausbau will der Hersteller noch vor Ende 2026 bekannt geben.

Langfristig peilt Chery bis 2029 weltweit mehr als 20.000 Stationen mit V2G-Unterstützung an. Zum Vergleich: BYD hatte bereits Ende August die Marke von 10.000 Flash-Charging-Stationen erreicht und will sein Netz bis Ende 2026 auf 20.000 Standorte ausbauen.

Die Botschaft ist klar: In China geht es längst nicht mehr nur darum, wer das Elektroauto mit der größten Reichweite baut. Sondern auch darum, wer dessen Akku am schnellsten wieder vollbekommt. Ob Cherys Volt-dragon seine spektakulären Versprechen im Alltag einlösen kann, muss sich erst noch zeigen. Sollte das tatsächlich funktionieren, könnte der klassische Ladestopp bald kürzer ausfallen als die Diskussion darüber, wer den Kaffee bezahlt.

Quellen: Car News China, Edison

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