30 Jahre Citroen Berlingo: Einer für Alle(s)
Die Gegenwart im Stellantis-Konzern im Allgemeinen und als nach neuer Ausrichtung eher „Follower“- und nicht „Leader“-Marke Citroen im Speziellen mag etwas trist und ungewiss sein, da erinnern die Verantwortlichen unterm ikonischen Doppelkeil lieber an einstige Pionierleistungen: Vor 30 Jahren wurde die erste Generation des legendären Berlingo vorgestellt, der mit seinem „Monovolume“-Design aus einem Guss das Prinzip „Kasten-Ente“ hinter sich ließ und eine komplett neue Gattung von kompakten Vielzweckfahrzeugen schuf. Sehr bald fand das Konzept Nachahmer, weil es optisch und praktisch schlicht dem Vorläuferkonzept – Kleinwagen mit Kastenaufbau – überlegen war.
Zahlreiche Nachahmer gefunden
1997 bereits kam der knuffige Renault Kangoo fast zeitgleich, dann folgten Opel Combo C (2001), Ford Connect (2002), VW Caddy III (2003) etc pp ebenfalls als Integralvans. Den Erfolg des Konzepts generell musste der Berlingo aber auch intern teilen: Nachdem bald die Schwester Peugeot mit dem Partner ein Badge-Produkt auflegte, tummeln sich mittlerweile Opel/Vauxhall Combo, Fiat Doblo und Toyota Proace City auf der gleichen Plattform.
Den großen Erfolg hatten die Väter der Karosse nicht vorhergesehen, weswegen der eigentliche Vorgänger, der 1984 als Nachfolger des wiederum 1950 gestarteten 2CV Van (vulgo „Kasten-Ente“) und des Intermezzos Acadiane (1978-87) gelaunchte, deutlich preisgünstigere C15 (Basis Citroen Visa) mit eben jenem Kastenaufbau weiter im Programm blieb – und bis 2006 weltweit verkauft wurde, bis ihn die Crash- und Abgasnormen endgültig überholten.
Lange lief er parallel zum C15 Van
Da war der auf der ZX-Technik aufbauende Berlingo, anfangs wie der C15 ohne Schiebetüren vorgestellt, bereits zum praktischen Pkw-Kombi Multispace (mit Faltschiebedach!), ab 1999 mit rechter, ab 2000 dann auch linker Schiebetür gereift und im Jahr 2000 zum ersten Mal gründlich überarbeitet und aufgefrischt worden, mit neuer Front, neuem Interieur und Vorderwagen vom Xsara Picasso.
Bevor 2008 dann die komplett neue Generation Berlingo folgte, die auf dem Kompakt-Pkw C4 und Van C4 Picasso basierte und deutlich mehr Komfort bot, allerdings auch die schlanken und fast filigranen Maße hinter sich ließ und deutlich „barocker“ daherkam. Dafür packte er 3,3 Kubikmeter Fracht sowie 565 bis 775 Kilo Zuladung, nahm erstmals eine Europalette zwischen die Radkästen und 15-Zoll-Räder waren dann auch gesetzt.
Die HDI-Diesel waren wegweisend
Die feinen HDI-Common-Rail-Diesel, damals die besten Motoren ihrer Art, bekam allerdings auch schon die erste Generation und der Autor dieser Zeilen erinnert sich noch an seinen allerersten Testwagen: Der Berlingo 2.0 HDI mit 90 PS (66 kW) glänzte mit einem Verbrauch von 5,5 l/100 km, bei exzellenter Laufkultur und dank 205 Nm Drehmoment strammem Durchzug, in einem 1,25 Tonnen leichten Gefährt, wohlgemerkt. Vor lauter Crashsicherheit, Fahrassistenz und Komfortfeatures sind die Berlingo von heute da deutlich schwerer geworden, wodurch die Verbräuche nicht wirklich vorankamen – tatsächlich eher gestiegen sind. Immerhin: Zwischenzeitlich gab es auch mal CNG und LPG-Varianten, die aber rasch wieder aus der "Antriebsmode" kamen.
Da wählt man lieber gleich eine elektrische Version, die tatsächlich 1997 zu allerersten Mal vorgestellt wurde, damals mit 95 Kilometern Reichweite und 15,5 kW-Gleichstrommotor, aber immerhin eine Pioniertat, der 2009 eine weitere folgte, mit dem Venturi-Berlingo Electric nebst Zebra-Akku und 42-kW-Asynchronmotor. 2013 kam die weit praxistauglichere nächste Ausbaustufe des Stromers, mit 49-kW-Motor und 22,5 kWh-Lithium-Ionen-Akku, gut für 170 Kilometer Reichweite.
Auch elektrisch ein Pionier
Und in mittlerweile dritter Elektro-Evolution und auf Basis der 2018 vorgestellten dritten Generation des Berlingo, jetzt auf der modernen Stellantis-Multiantriebsplattform EMP2 in zwei Längen, auf der auch der Jumpy basiert, kommt der e-Berlingo immerhin 330 Kilometer weit, dank eines nunmehr mit der jüngsten Modellpflege auf 54 kWh leicht gewachsenen Lithium-Ionen-Akkus. Und er fährt mit seinem 100-kW-Synchronmotor unter der Haube flotter und leiser als jeder noch so feine HDI-Selbstzünder, der mittlerweile auf 130 PS erstarkt ist und wahlweise mit einer 8-Gang-Automatik kombiniert wird. Auch einen Benziner führt Citroen weiter im Programm, mit 110 PS eine preiswerte Kompromisslösung für Wenigfahrer.
Wobei man sagen muss: wieder im Programm. Denn zwischenzeitlich hatten die Franzosen in etwas optimistischer Erwartung eines anziehenden Elektro-Hochlaufs die Verbrenner aus dem Kombiprogramm komplett gestrichen, ruderten dann aber rasch zurück. Wer zu früh kommt, den bestraft der Markt, speziell im eher elektro-trägen Gewerbe, aber auch bei reisefreudigen Familien zog die E-Version nicht alleine. Der Kastenwagen war wohlweislich weiter als Diesel und Benziner verfügbar geblieben.
Sondermodell in allen Motorvarianten
Für das geburtstägliche Sondermodell „30 Jahre Berlingo“ erhält man übrigens alle Motorisierungen (100/130 PS Diesel, 110 PS Benzin, 100-kW Elektro) und beide Längen mit bis zu sieben Sitzen beim Kombi und Bruttopreisen von 27.800 bis 39.500 Euro, wobei der Stromer mit 38.700 Euro dann 7.400 Euro mehr kostet als der Top-Diesel 130 EAT8. Mit an Bord sind dann ein 10-Zoll-HD-Screen sowie 10-Zoll-Digitalcluster, Rückfahrkamera, beheizbares Lederlenkrad, elektrisch einklappbare Außenspiegel, 16-Zoll-Leichtmetallfelgen „Chaves“ in Schwarz und getönte Scheiben. Und klar, dass er wahlweise mit zwölf Parksensoren ausgestattet ist, mit einem Highway Driver Assist automatisiert auf Level 2 fährt, Verkehrszeichen oder Müdigkeit erkenn und automatisch bremst, wenn er einen Radfahrer oder Fußgänger erkennt.
Zurück zu den Wurzeln?
Nicht nur technologisch erwachsen, sondern auch ganz schön teuer ist der Berlingo über die Jahre geworden, was er allerdings mit allen Autos und Marken teilt. Das in magischem Metallic-Blaugrün (Kiama Blue) gehaltene Editionsmodell krönt die nach wie vor in Vigo/Baskenland gebaute Reihe, nach 4,2 Millionen produzierten Exemplaren, die in 90 Länder weltweit exportiert wurden. Bleibt zum Geburtstag zu wünschen, dass der Berlingo weitere, muntere und innovative drei Jahrzehnte dranhängen kann. Ein Nachfolger ist zwar noch nicht in Sicht, aber eine Neuheit innerhalb des bestehenden Programms sehr wohl. Man darf gespannt sein.
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