TMV Think Tank 2026 in Bamberg: Zwischen Rückkehrpflicht, Krankenfahrten und neuen Allianzen
Bereits ein Blick auf das Programm zeigte, dass der Taxi- und Mietwagenverband Deutschland (TMV) seinen Think Tank längst nicht mehr als klassische Veranstaltung seiner Mitglieder versteht. Es ging nicht um Verbandsrituale, es ging um die Fragen, die viele Unternehmer derzeit beschäftigen: Wie lässt sich die Rückkehrpflicht im Zeitalter digitaler Plattformen kontrollieren? Welche Zukunft haben Krankenfahrten, wenn die Vergütungen unter Druck geraten? Welche Rolle spielt das österreichische Einheitsgewerbe als mögliches Vorbild für Deutschland? Und wie kann sich das Gewerbe gegenüber den zunehmenden Veränderungen im Mobilitätsmarkt behaupten?
Dass das Interesse groß war, zeigte sich schon vor Beginn. Die Veranstaltung war vollständig ausgebucht. Parallel öffnete erstmals eine Hausmesse ihre Türen, auf der Softwareanbieter, Versicherer, Fahrzeugausbauer und Abrechnungsdienstleister ihre Lösungen präsentierten. Durch die Veranstaltung führte erneut Christian Linz, Geschäftsführer des Landesverbandes Bayerischer Taxi- und Mietwagenunternehmen, der die verschiedenen Themenblöcke miteinander verband und den Diskussionen den nötigen Raum gab.
Wenn Daten sprechen
Der erste Tag stand vor allem im Zeichen eines Themas, das die Branche seit Jahren begleitet: die Kontrolle der Rückkehrpflicht.
Kaum eine Vorschrift des Personenbeförderungsgesetzes sorgt für mehr Auseinandersetzungen zwischen Taxiunternehmen, Mietwagenbetrieben und Plattformanbietern. Während die Rechtslage eindeutig erscheint, scheitert die praktische Kontrolle häufig an der schieren Menge der verfügbaren Daten. Genau hier setzten die vorgestellten Systeme RouteProof und DriveAnalytics an.
Beide Lösungen verfolgen einen ähnlichen Ansatz: Aus GPS-Daten, Bewegungsprofilen und Auftragsinformationen entstehen rekonstruierte Fahrtenketten, die systematische Muster sichtbar machen sollen. Die Grundidee ist einfach. Einzelne Fahrten sagen wenig aus. Werden jedoch tausende Bewegungsdaten ausgewertet, lassen sich Auffälligkeiten erkennen. Stand ein Fahrzeug regelmäßig außerhalb seines Betriebssitzes bereit? Wurden dokumentierte Aufträge tatsächlich so durchgeführt, wie sie angegeben wurden? Wurden Leerzeiten genutzt, um auf neue Aufträge zu warten?
Was bislang häufig auf Vermutungen beruhte, soll künftig datenbasiert nachvollziehbar werden. Für die Behörden eröffnet sich damit eine neue Perspektive. Die Genehmigungsbehörden verfügen bereits heute über weitreichende Kontrollbefugnisse nach den §§ 54 und 54a PBefG. Die Herausforderung lag bislang weniger im Recht als in der Auswertung der Informationen.
Digitale Analysewerkzeuge könnten diese Lücke künftig schließen. Interessant war dabei weniger die technische Seite als die politische Dimension. Denn dieselbe Digitalisierung, die Plattformunternehmen groß gemacht hat, könnte künftig auch die Grundlage für eine wirksamere Kontrolle ihrer Geschäftsmodelle liefern.
Von der Akte zum digitalen Verfahren
Passend dazu wurde mit TeamGetCloser eine weitere digitale Lösung vorgestellt. Während RouteProof und DriveAnalytics Fahrten analysieren, setzt TeamGetCloser bei den Verwaltungsabläufen an. Die Plattform automatisiert wiederkehrende Prozesse, klassifiziert eingehende Informationen und unterstützt die Bearbeitung größerer Fallzahlen.
Für das Gewerbe besonders interessant: Die Software soll Anhörungsstellen und Behörden bei Verfahren rund um mögliche Verstöße unterstützen.
Die Diskussion zeigte, dass sich Regulierung zunehmend verändert. Nicht die gesetzlichen Grundlagen stehen im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie sich komplexe Sachverhalte effizient bearbeiten lassen. Wo früher Aktenordner bewegt wurden, übernehmen heute Datenbanken, Workflows und automatisierte Prozessketten einen Teil der Arbeit.
Österreich als Blick in die Zukunft?
Einer der meistdiskutierten Programmpunkte führte anschließend über die Landesgrenzen hinaus.
Gemeinsam mit Christian Holzhauser von Taxi 40100 Wien beschäftigten sich die Teilnehmer mit dem österreichischen Einheitsgewerbe. Die Debatte ist nicht neu. Seit Jahren wird in Deutschland darüber diskutiert, ob die strikte Trennung zwischen Taxi- und Mietwagenverkehr noch zeitgemäß ist.
Österreich hat diese Diskussion bereits hinter sich.
Dort wurden Taxi- und Mietwagengewerbe Anfang 2021 im Personenbeförderungsgewerbe mit Pkw zusammengeführt. Ziel war es, gleiche Regeln für alle Marktteilnehmer zu schaffen – unabhängig davon, ob Fahrten über eine Taxizentrale oder über Plattformen vermittelt werden.
Die Bilanz fällt heute differenziert aus. Das Einheitsgewerbe hat weder den Wettbewerb beendet noch die wirtschaftlichen Probleme der Branche gelöst. Fahrermangel, Kostendruck und Digitalisierung beschäftigen die Unternehmen weiterhin. Dennoch betrachten viele österreichische Unternehmer die Reform als Erfolg. Der entscheidende Unterschied: Plattformanbieter bewegen sich heute innerhalb desselben regulatorischen Rahmens wie klassische Taxiunternehmen.
Für die Teilnehmer in Bamberg stand deshalb weniger die Frage im Raum, ob das Modell perfekt ist. Interessanter war die Überlegung, welche Erfahrungen Deutschland aus dem österreichischen Weg ableiten kann.
Krankenfahrten im Fokus
Am zweiten Veranstaltungstag verschob sich der Schwerpunkt deutlich. Während am Vortag Regulierung und Plattformökonomie dominierten, rückten nun Krankenfahrten und Patientenbeförderung in den Mittelpunkt.
Für viele Betriebe sind sie längst zu einem zentralen wirtschaftlichen Standbein geworden.
Entsprechend aufmerksam verfolgten die Teilnehmer die Beiträge zu Beförderungsentgelten und Sondervereinbarungen nach § 51 PBefG. Rechtsanwalt Thomas Grätz analysierte die aktuelle Entwicklung bei Sondervereinbarungen und Vergütungsmodellen. Viele Unternehmer sehen hier eine zunehmende Gefahr für die Wirtschaftlichkeit ihrer Leistungen.
Noch konkreter wurde es anschließend beim Bericht von Jens Marggraf zum sogenannten „Brennpunkt Hessen“.
Im Mittelpunkt stand die Auseinandersetzung mit der DAK und die Frage, wie sich nicht auskömmliche Vergütungen langfristig auf die Versorgung auswirken könnten. Die Diskussion machte deutlich, dass es längst nicht mehr nur um einzelne Verträge geht. Viele Unternehmer sehen inzwischen die grundsätzliche Finanzierungsstruktur von Krankenfahrten auf dem Prüfstand. Und Jens Markgraf warb -wieder mal – für mehr Zusammenhalt im Gewerbe, denn: „nur gemeinsam sind wir wirklich stark!“
Neue Wege im Entlassmanagement
Passend dazu richtete sich der Blick anschließend auf neue digitale Lösungsansätze.
Mit Smart Move stellte der Gesamtverband Verkehrsgewerbe Niedersachsen eine Plattform vor, die Krankenhäuser, Reha-Einrichtungen und das Taxi- und Mietwagengewerbe digital miteinander vernetzt.
Die Idee dahinter ist ebenso pragmatisch wie nachvollziehbar.
Krankenhäuser erfassen Entlassfahrten digital und stellen sie in ein System ein. Die angeschlossenen Taxi- und Mietwagenunternehmen erhalten die Aufträge automatisiert und können sie direkt annehmen. Lange Telefonketten sollen dadurch entfallen. Bemerkenswert ist dabei die Struktur des Projekts. Die Plattform wurde vom Gewerbe selbst entwickelt und wird vom Verband getragen. Krankenhäuser sollen das System kostenfrei nutzen, die angeschlossenen Verkehrsunternehmen zahlen lediglich eine geringe Teilnahmegebühr. Der Ansatz verfolgt ein klares Ziel: Die Schnittstelle zwischen Klinik und Beförderungsunternehmen zu vereinfachen und gleichzeitig die Kontrolle über die Vermittlungsdaten im Gewerbe zu belassen.
Krankenhauslogistik wird digital
Einen Schritt weiter ging die Vorstellung von Elite Connects.
Während Smart Move vor allem die Vermittlung von Patientenfahrten adressiert, betrachtet Elite Connects die Krankenhauslogistik als Ganzes. Patiententransporte, Materiallogistik, interne Fahrdienste und externe Dienstleister werden dabei über eine gemeinsame digitale Plattform koordiniert.
Für Taxi- und Mietwagenunternehmen ist diese Entwicklung von besonderem Interesse. Je stärker Kliniken ihre Prozesse digitalisieren, desto wichtiger werden standardisierte Schnittstellen. Wer Aufträge digital empfangen, dokumentieren und abrechnen kann, wird künftig leichter in solche Netzwerke integriert werden können.
Neue Allianzen für ein verändertes Umfeld
Zum Abschluss stellte Christian Linz die „Initiative Vereinigte Fahrdienste“ vor. Hinter dem Projekt steht die Erkenntnis, dass die Herausforderungen der Branche längst nicht mehr isoliert gelöst werden können. Zentralen, Leistungserbringer, Verbände und weitere Akteure sollen stärker miteinander vernetzt werden. Die Diskussionen der beiden Tage machten deutlich, warum dieser Gedanke viele Teilnehmer beschäftigte.
Die Themen Rückkehrpflicht, Krankenfahrten, Digitalisierung und Plattformökonomie wirken auf den ersten Blick unabhängig voneinander. Tatsächlich hängen sie eng zusammen. Überall geht es um dieselbe Frage: Wie kann das Gewerbe in einem zunehmend digitalisierten Markt seine eigene Handlungsfähigkeit erhalten?
Mehr Werkstatt als Kongress
Am Ende blieb vor allem ein Eindruck: Der Think Tank 2026 war keine Veranstaltung, die fertige Antworten präsentierte. Er verstand sich vielmehr als Werkstatt. Viele der vorgestellten Projekte befinden sich noch in der Entwicklung. Manche Ideen werden sich bewähren, andere vermutlich noch Veränderungen erfahren. Dennoch zeigte die Veranstaltung, dass die Branche längst begonnen hat, eigene Lösungen zu entwickeln, statt ausschließlich auf politische Entscheidungen zu warten.
Als sich die Teilnehmer zum gemeinsamen Gruppenfoto auf der Treppe des Aufseesianums versammelten, wirkte dies fast wie ein Symbol für die beiden Tage in Bamberg. Unterschiedliche Verbände, unterschiedliche Regionen, unterschiedliche Interessen – aber ein gemeinsames Anliegen: die Zukunft des Taxi- und Mietwagengewerbes aktiv mitzugestalten.
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