Mobilität ohne Defizit: Warum Kelheim den Rufbus stoppte und auf Taxis setzt
Wem gehört der Auftrag?
Es gibt Wochen, in denen zwei Meldungen nebeneinanderliegen wie Lehrstücke aus einem betriebswirtschaftlichen Seminar. Beide Geschichten kreisen um dieselbe Frage: Wem gehört die Wertschöpfung? In Thüringen geht es um die digitale und in Kelheim um die kommunale Schnittstelle.
So meldete sich der Landesverband Thüringen des Verkehrsgewerbes zu Wort. Geschäftsführer Martin Kammer verschickt einen Brandbrief. Thema: die wachsende Nähe zu Plattformen wie QRaGo. Seine Diagnose ist nüchtern: Wer seine Aufträge über Dritte bezieht, tauscht kurzfristige Bequemlichkeit gegen langfristige Abhängigkeit. Die Plattform argumentiert mit Effizienz, mit Algorithmen, mit Entlastung des Klinikpersonals. Das klingt modern, fast alternativlos. Doch wer genauer rechnet, erkennt: Bei Krankenfahrten sind Erlöse reguliert und die Margen knapp. Jede zusätzliche Vermittlungsgebühr frisst Substanz.
Die zweite Meldung führt nach Niederbayern. Die Stadt Kelheim hat ihren Rufbus KEXI eingestellt. Zu teuer. Zu viel Fixkosten, zu viel Förderlogik, zu wenig Tragfähigkeit ohne Zuschüsse. Stattdessen setzt man nun auf Taxigutscheine. 50 Stück für Senioren, fünf Euro pro Fahrt. Rollstuhlfahrer erhalten höhere Beträge. Gezahlt wird nur, wenn gefahren wird. Keine eigene Flotte, keine neue Dispositionsstruktur, keine App mit Projektlogo. Das ist unspektakulär. Und gerade deshalb bemerkenswert.
Während hier die Plattformökonomie an die Tür klopft und verspricht, Prozesse neu zu ordnen, zeigt Kelheim, dass bestehende Strukturen oft die robustere Lösung sind. Die Kommune nutzt, was vor Ort vorhanden ist: Unternehmer, Fahrzeuge, Ortskenntnis. Sie verzichtet auf das Versprechen, Mobilität neu zu erfinden – und entscheidet sich dafür, sie zu bezahlen, wenn sie gebraucht wird.
Beide Geschichten kreisen um dieselbe Frage: Wem gehört das Geschäft? Dem Unternehmer vor Ort – oder dem System, das zwischen ihn und den Auftraggeber tritt? Der Rufbus war ein System. Die Plattform ist ein System. Natürlich braucht auch das Taxi-Gewerbe Digitalisierung. Aber Digitalisierung ist ein Werkzeug, kein Eigentümer. Wer die eigene Marktposition leichtfertig auslagert, wird feststellen, dass Algorithmen keine Rücksicht auf gewachsene Strukturen nehmen. Und wer als Kommune neue Mobilitätswelten aufbaut, ohne die Kosten über Förderperioden hinaus zu denken, landet schnell wieder bei den Altbewährten.
Vielleicht liegt die Zukunft weniger im großen Wurf als in klugen Allianzen vor Ort. In gemeinsamer Technik ohne fremde Renditeerwartung. In Modellen, die sich rechnen, bevor sie glänzen.
Thomas Kanzler
Chefredakteur taxi heute
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