Minijobs unter Druck: Eine Reformdebatte ohne Fahrplan
Die Kunst, Lücken zu schaffen
Es gibt in der Politik diese eigentümliche Fähigkeit, Probleme gleichzeitig zu erkennen – und sie dennoch zu verschärfen. In diesen Tagen lässt sich das gleich an zwei Fronten beobachten, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Und die doch im Alltag vieler Taxiunternehmer zusammenlaufen wie zwei schlecht getimte Ampelphasen.
Da ist zum einen die Debatte um die Zukunft der Minijobs. Sie wird mit einer gewissen Entschlossenheit geführt, die man sonst eher von fertigen Konzepten kennt. Tatsächlich aber fehlt genau das. Thomas Kroker bringt es bemerkenswert nüchtern auf den Punkt: „Die Politik ist sich erstaunlich einig – nur nicht darüber, was konkret passieren soll.“
Man könnte sagen: selten war man sich so einig im Ungefähren.
Sieben Millionen Menschen arbeiten in diesem Modell, viele davon genau dort, wo Flexibilität keine Managementfloskel ist, sondern Voraussetzung für funktionierende Abläufe. Im Taxi etwa. Frühschicht, Spätschicht, Wochenende – das ist kein Lifestyle, das ist Fahrplan. Wer hier mit 30 Prozent weniger Netto rechnet, sollte zumindest eine Idee haben, wer künftig noch einsteigt. Bisher bleibt es bei der Hoffnung, dass sich Realität schon irgendwie anpasst.
Parallel dazu eskaliert in Mecklenburg-Vorpommern ein Konflikt, der sehr konkret ist. Krankenfahrten stehen vor dem Aus, weil sich Unternehmer und Kassen nicht auf Vergütungen einigen können. Maik Göricke sagt: „Wir haben keine schlechte Auftragslage, sondern schlechte Vergütungen.“ Das ist ein Satz, der hängen bleibt, weil er ein Missverständnis auflöst: Nachfrage ist nicht das Problem. Wirtschaftlichkeit schon. Während also auf der einen Seite darüber nachgedacht wird, ein bewährtes Beschäftigungsmodell einzudampfen, bricht auf der anderen Seite ein zentraler Geschäftsbereich weg – nicht aus Mangel an Fahrgästen, sondern aus Mangel an tragfähigen Rahmenbedingungen.
Das Ergebnis ist in beiden Fällen ähnlich: Lücken.
Lücken im Dienstplan, wenn Minijobber ausbleiben. Lücken in der Versorgung, wenn Krankenfahrten eingestellt werden. Und am Ende Lücken im Vertrauen einer Branche, die sich zunehmend fragt, ob ihre betriebliche Realität in politischen Debatten überhaupt noch vorkommt. Vielleicht ist das die eigentliche Gemeinsamkeit dieser beiden Geschichten: Es geht nicht nur um Arbeit oder Vergütung. Es geht um Verlässlichkeit. Um die schlichte Frage, ob jemand, der morgens zur Dialyse muss oder nachts zum Bahnhof, sich darauf verlassen kann, dass ein Fahrzeug kommt. Die Antwort darauf wird derzeit neu verhandelt. Nicht immer am runden Tisch. Manchmal auch durch Unterlassen.
Thomas Kanzler
taxi heute
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