Thema des Monats

Vorbild ohne Nachahmer

Thema des Monats Oktober 2012

Die Taxibus GmbH, ein gemeinsames Unternehmen der örtlichen Taxizentrale mit dem ÖPNV-Betreiber, präsentierte zum 10-jährigen Jubiläum imposante Wachstumszahlen. Doch trotz des langjährigen Erfolgs ist diese Kooperation noch immer einmalig und findet keine Nachahmer. Warum eigentlich?

Vor genau 10 Jahren gründeten die Hannoverschen Verkehrsbetriebe AG („üstra“) und die dortige Taxizentrale „Hallo Taxi 3811“ das Gemeinschaftsunternehmen „Taxibus GmbH“. Geschäftszweck des Unternehmens ist seitdem das „Sammeln, Befördern und Verteilen von Fahrgästen im Raum Hannover“. Der Zusammenschluss soll gemeinsam Lücken im Angebot des klassischen Nahverkehrs schließen und spezielle Fahrdienste für die öffentliche Hand, aber auch für private Unternehmen erbringen. Dabei konzentriert man sich auf die drei Geschäftsfelder Öffentlicher Personennahverkehr, Shuttle-Service und Schülerbeförderung. „Unsere Stärken sind die Flexibilität und der Komplettservice“, heißt es in einer Selbstdarstellung auf der Homepage des Unternehmens.

Damit scheint man offenbar im wahrsten Sinn des Wortes ganz gut zu fahren, denn die nun zum zehnjährigen Firmenbestehen veröffentlichte Bilanz kann sich durchaus sehen lassen: Seit der Gründung 2002 konnte der Jahresumsatz des Unternehmens auf fast zwei Millionen Euro verzehnfacht werden. Dementsprechend lobende Worte gab es auch von der Politik und der Verwaltung. Ulf Birger Franz, Verkehrsdezernent der Region Hannover, gratulierte ebenso wie Hans-Peter Wyderka, Referatsleiter im Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr. Wyderka betonte: „Das Modell Taxibus Hannover ist nicht nur ein Stück Innovation aus Niedersachsen, sondern auch ein Vorbild gerade für ländliche Regionen.“

Diesen Vorbildcharakter hatte der Zusammenschluss allerdings schon bei seiner Gründung, doch trotz des Erfolges ist das Projekt weiterhin einmalig in Deutschland. Nachahmer? Fehlanzeige.

Dafür haben auch die beiden Geschäftsführer Martin Röhrleef und Reinhard Bellmann keine Erklärung. Röhrleef ist bei der „üstra“ beschäftigt, kommt also von der ÖPNV-Seite, während Bellmann parallel für die Taxizentrale „Hallo Taxi 3811“ tätig ist.
Vielleicht war es die Besonderheit, dass sich die Hannoverschen Verkehrsbetriebe damals gegenüber neuen Wegen offen gezeigt haben, mutmaßt Röhrleef. Die „üstra“ war nicht nur bereit, schwach ausgelastete Linien durch Taxis fahren zu lassen, sondern das gesamte Management dieser Verkehre in eine gemeinsame Gesellschaft mit dem Taxigewerbe auszulagern. Außerdem sollten neue Verkehrsangebote im Bereich zwischen ÖPNV und Taxi entwickelt werden. Solche Gedankenspiele lassen die Verantwortlichen anderer Verkehrsbetriebe in Deutschland gar nicht erst zu. Und falls doch, fehlt oft auf Seiten des Taxigewerbes ein kompetenter Ansprechpartner. Bellmann hebt in diesem Zusammenhang hervor, dass „Hallo Taxi 3811“ als Monopolzentrale ein konkurrenzloser und leistungsfähiger Partner bei den ersten Verhandlungen war. Generell gilt laut Bellmann: „Wer eine solche Kooperation wagt, muss zunächst einmal Barrieren überspringen und sich damit abfinden, dass die ersten Verträge x-mal hin- und her gelesen werden, bevor sie endlich unterschriftsreif sind“. Röhrleef ergänzt: „Als Projektverantwortlicher muss man auch permanent zwischen den Welten ÖPNV und Taxigewerbe vermitteln.“

Das ist den Geschäftsführern mit ihrer gemeinsamen GmbH gelungen und beide betonen heute die klassische Win-Win-Situation. Die Verkehrsbetriebe freuen sich über eine hohe Qualität der von ihr beauftragten Subunternehmen bzw. Taxibetriebe und über preisgünstigere Vergaben der Linien als Gesamtpaket. Nur dadurch sei es beispielsweise auch möglich gewesen, eine einheitliche behindertengerechte Ausstattung der Taxibusse durchzusetzen. Die beteiligten Taxiunternehmen bekamen eine verlässliche Grundauslastung garantiert und konnten so in den entsprechenden Fuhrpark investieren. „Für die Behindertenumrüstung gab es von der Taxibus GmbH sogar eine Anschubfinanzierung“, blickt Röhrleef zurück.

Dabei war diese Aktion nur eine von vielen. Zwischenzeitlich fährt das Taxigewerbe in Hannover und der gesamten Region nicht nur Linien- und AST-Taxis, sondern springt beispielsweise bei kurzfristigen Verkehrsstörungen ein. Auch in das Projekt „HANNOVERmobil“ ist man mittlerweile involviert. ÖPNV-Kunden der üstra können für einen fixen Zuschlag auf die Gebühr einer Monatskarte weitere Mobilitätsangebote verbilligt in Anspruch nehmen. Eine Taxifahrt beispielsweise ermäßigt sich dadurch um 20 Prozent. Dieser Rabatt setzt sich aus einem genehmigten Taxi-Sondertarif für HANNOVERmobil-Kunden und einem Zuschuss des Verkehrs-Verbundes zusammen.

Reinhard Bellmann verspricht sich vom jüngsten Kooperationsprojekt einen großen Schub. Der positive und öffentlichkeitswirksame Start der HANNOVERmobil -Card mache nun auch andere Gemeinden auf die Nutzgemeinschaft zwischen ÖPNV und Taxi aufmerksam. Vielleicht kommen ja jetzt die Nachahmer…

Hinweis der Redaktion: Passend zu diesem Thema wollen wir in unserer Frage des Monats wissen, ob Sie eine engere Zusammenarbeit zwischen den regionalen Verkehrsbetrieben und dem Taxigewerbe für nötig halten. Stimmen Sie ab und diskutieren Sie darüber in unserer aktuellen Frage des Monats.

(jh)