Todesfalle E-Auto – oder warum die Rettungskräfte vor versenkbaren Türgriffen warnen

Am 7. September erschütterte ein Unfall in Schwerte-Villigst die Region: Ein Tesla kam von der Straße ab, prallte gegen einen Baum und fing Feuer. Drei Insassen – ein 43-Jähriger und zwei Kinder (9) – konnten nicht mehr gerettet werden. Ein Ersthelfer versuchte, Türen zu öffnen, scheiterte jedoch. Die auf diesen Fahrzeugmodellen üblicherweise versenkbaren Türgriffe könnten dabei eine Rolle gespielt haben.

Viele moderne E-Autos - wie zum Beispiel Teslas Model Y - haben elektrisch versenkbare Türgriffe. Beim Ausfall der Fahrzeug-Elektronik lassen sich daher die Türen nicht mehr so ohne weiteres öffnen.| Foto: Tesla
Viele moderne E-Autos - wie zum Beispiel Teslas Model Y - haben elektrisch versenkbare Türgriffe. Beim Ausfall der Fahrzeug-Elektronik lassen sich daher die Türen nicht mehr so ohne weiteres öffnen.| Foto: Tesla

Dieser Vorfall legt den Finger auf eine wunde Stelle moderner E-Auto­-Technik: versenkbare, elektrisch ausfahrbare Türgriffe. Sie dienen meist der Aerodynamik oder dem Design, erfordern aber Strom, um zu funktionieren. Wird nach einem Unfall die Stromversorgung beschädigt – etwa durch einen Kurzschluss oder Bruch des Bordnetzes –, können die Griffe im eingefahrenen Zustand bleiben, was Ersthelfern den Zugang zu Insassen erschweren kann.

Was sagt der ADAC?

Der ADAC sieht die Konstruktion mit Sorge. In mehreren Publikationen warnt er, dass solche versenkbaren Türgriffe eine lebensentscheidende Zeitverzögerung verursachen können. Denn bei Fahrzeugbränden oder stark beschädigten Stromkreisen kann die Tür von außen nicht geöffnet werden – weder durch Helfer noch durch Rettungskräfte.

Auch wenn in den EuroNCAP-Tests und anderen vergleichbaren Crashtests bislang kein negatives Ergebnis bei Fahrzeug-Modellen mit versenkbaren Türgriffen dokumentiert wurde, besteht laut ADAC eine Lücke zwischen Laborsituationen und realen Unfallbedingungen.

Fälle, die vor Augen stehen

Ein besonders tragischer Vorfall aus dem August 2022 in Brandenburg: Zwei Jugendliche verbrannten, nachdem sich in einem Tesla Model S nach einem Unfall die Hintertüren nicht öffnen ließen – weder von innen noch von außen. Ein Gutachten stellte fest, dass die Türgriffe durch den Stromausfall nicht ausgefahren waren.

Der Unfall in Schwerte fügte jetzt eine neue Dimension hinzu: Ein Zeuge schildert, er versuchte, Kinder aus dem brennenden Fahrzeug zu ziehen – doch auch er kam nicht an die Türen heran. Die Feuerwehr konnte ebenfalls nicht zugreifen.

Tesla in den USA unter Druck

In den USA geraten die versenkbaren Türgriffe von Tesla erneut unter Druck. Die Straßenverkehrsbehörde NHTSA hat eine Untersuchung eingeleitet, nachdem sich in den vergangenen Jahren 140 Meldungen angesammelt hatten, wonach sich die Türen der Fahrzeuge von außen nicht öffnen ließen. Betroffen ist vor allem das Model Y, das meistverkaufte Modell des Konzerns.

Nach Angaben der Behörde gehen die Berichte auf neun konkrete Beschwerden zurück. Eltern schilderten dabei Situationen, in denen sie die Tür nicht öffnen konnten, um ein Kind auf den Rücksitz zu setzen oder es von dort herauszuholen. Ursache ist offenbar die 12-Volt-Batterie: Fällt sie aus, lassen sich die elektrisch betriebenen Türen nicht mehr bedienen. Zwar verfügen die Fahrzeuge im Innenraum über mechanische Notentriegelungen. Doch die NHTSA weist darauf hin, dass Kinder diese Hebel oft nicht erreichen oder nicht bedienen können.

US-Behörde weitet Untersuchung aus

Die US-Behörde verweist zudem auf Rückmeldungen von Rettungskräften und Angehörigen nach tödlichen Unfällen, bei denen Türen blockiert blieben. Sollte sich der Verdacht erhärten, könnte die Untersuchung auch auf weitere Tesla-Modelle ausgeweitet werden.

Europa hat sich noch nicht abgestimmt

Auch in Europa sorgt die Technik für Diskussionen. Schon im März dieses Jahres erklärte das Kraftfahrt-Bundesamt, man setze sich in den internationalen Gremien für strengere Vorschriften ein. Vor allem mit den niederländischen Kollegen sei man im Gespräch, denn die Zulassungen für Tesla in Europa erteilt die dortige Prüfstelle RDW. Deren Genehmigungen gelten EU-weit – auch in Deutschland.

Bislang haben die deutschen Behörden keine Handhabe, den Einsatz der Fahrzeuge zu unterbinden. Tesla darf seine Modelle weiterhin mit den versenkbaren Griffen ausliefern. Sollte es jedoch zu neuen Vorgaben kommen, wären diese für alle Hersteller verbindlich. Das KBA betont, es sei weiterhin auf europäischer Ebene im Austausch, um die Regeln an die technischen Entwicklungen anzupassen.

Gesetz, Normen, Forderungen

Bislang existiert keine gesetzliche Pflicht, redundanten mechanischen Systeme in Neuwagen zu verbauen. Die aktuellen Sicherheitsvorschriften beziehen sich auf Entriegelungen und Türöffnungskräfte nach einem Crash, aber nicht spezifisch auf die Frage, ob Türen bei Stromausfall manuell freigegeben werden können.

In China wird offenbar diskutiert, versenkbare Türgriffe ganz zu verbieten. Vollständig versenkbare Türgriffe sollen dort künftig nicht mehr zugelassen werden, wenn sie nicht über eine mechanische Notlösung verfügen. Halb versenkbare Varianten oder traditionelle Griffe bleiben in der Diskussion. Ein Entwurf sieht vor, diese Regelung ab Juli 2027 wirksam werden zu lassen.

Was bedeutet das für das Taxi-Gewerbe?

Für Taxiunternehmer und Fahrdienstleister ist dieser Unfall kein ferner Einzelfall. Ihre Fahrzeuge müssen in Notfällen rasch zugänglich sein – sei es durch Personenschäden, Verkehrsunfälle oder technisches Versagen. Wenn zukünftig Automodelle, die im Taxibetrieb eingesetzt werden, mit versenkbaren Griffen ausgestattet werden, kann das bedeuten:

  • Schulung der Fahrer: Wer ein solches Fahrzeug fährt, sollte wissen, wie man Türen im Notfall mechanisch entriegelt.
  • Ausrüstung zur Notfallhilfe: Notfallwerkzeuge oder Hilfsmittel könnten notwendig sein, wenn Türen nicht angeworfen werden können; etwa Hämmer oder ähnliche Vorrichtungen.
  • Wahl der Fahrzeugmodelle: Taxiunternehmer könnten künftig auf Fahrzeuge setzen, deren Türgriffe auch ohne Strom freigegeben werden können, oder mit klar sichtbaren, einfach bedienbaren mechanischen Notentriegelungen.
  • Regulatorischer Druck: Auch aus Sicht des Gewerbes könnten gesetzliche Vorgaben zur Sicherheit ein Vorteil sein – sie schaffen Verlässlichkeit, Verantwortung und im Zweifelsfall Rechtssicherheit.

Wie sicher ist ein Auto, wenn seine Elektrik versagt?

Es lohnt, über Anforderungen nachzudenken, die über die aktuellen Crashtest-Normen hinausgehen. Für Hersteller wie für Politik gilt: Innovation darf nicht zulasten der Zugänglichkeit und Menschenleben gehen. Für das Taxigewerbe gilt, wachsam zu sein – sowohl bei Neubeschaffungen als auch in der Forderung nach klaren Standards.

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